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„ Die Fahrbahn ist für alle Fahrzeuge gleichermaßen da und nicht vorrangig für Kraftfahrer“, sagt Thomas Sorgalla, Leiter der Planegger Polizeiinspektion.

Wer als Radler die Fahrbahn benutzt, ist oft unzutreffenden Belehrungen ausgesetzt

Die Frau, der Bus und die Hupe

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Eine Frau radelt morgens gegen 10 Uhr auf der Rottenbucher Straße in Richtung Süden. Hinter ihr hupt es. Erst einmal, dann ein zweites Mal. Sie dreht sich um und sieht einen Linienbus. Sie schüttelt den Kopf, der Bus setzt zum Überholen an und bleibt auf gleicher Höhe stehen.

Gräfelfing – Der Fahrer öffnet die vordere Türe und weist die Frau an, auf den Gehweg zu wechseln. Der sei freigegeben für Radfahrer, ob sie nicht das Schild gesehen habe. Hat sie. Aber sie will nicht Schrittgeschwindigkeit auf dem Gehweg fahren, sondern zügig auf der Fahrbahn. Das sagt sie ihm, auch dass die Gehwegnutzung ein Angebot ist, keine Pflicht. Er erwidert, es sei gefährlich, auf der Fahrbahn zu fahren. Nach zwei Minuten – inzwischen warten drei Autos hinter dem 267er Richtung Fürstenried West – bricht die Frau die Diskussion ab und tritt wieder in die Pedale. Als der Bus an ihr vorbeifährt, ertönt während des kompletten Überholvorgangs ein Dauerhupton. Ein Situation, wie sie sich täglich zigfach in Deutschland abspielt, oft genug auch im Würmtal.

„Es ist bedrohlich, wenn neben dem eigenen Klapprad ein Bus stehen bleibt und der Fahrer einen anweist, auf den Gehweg zu wechseln“, sagt die Frau. „Das geht einfach gar nicht“, sagt Franziska Hartmann, Pressesprecherin des Münchner Verkehrs- und Tarifverbundes (MVV). Die Buslinien im MVV-Gebiet werden ausgeschrieben und von verschiedenen Unternehmen bedient. Die Fahrer der Linienbusse unterliefen eine Tarifschulung und eine Schulung zum Umgang mit den Fahrgästen, aber keine zur Straßenverkehrsordnung. „Wenn jemand einen Führerschein und einen Personenbeförderungsschein hat, kennt er eigentlich die Verkehrsregeln“, sagt Hartmann. Der MVV hat beim Unternehmen, das für den 267er zuständig ist, eine Stellungnahme angefordert.

Fahrradfahrer sind gleichberechtigt auf der Fahrbahn

„Was man immer vergisst: Die Fahrbahn ist für alle Fahrzeuge gleichermaßen da und nicht vorrangig für Kraftfahrer. Fahrradfahrer sind gleichberechtigt“, sagt Thomas Sorgalla, Leiter der Planegger Polizeiinspektion. Klärungsbedarf, so Sorgalla weiter, gebe es in viele Richtungen. „Die wenigsten wissen, dass sie einen Seitenabstand von 1,5 Metern einhalten müssen, wenn sie an einem Radfahrer vorbeifahren.“ Das bedeute automatisch, dass sie beim Überholvorgang auf die andere Fahrbahn wechseln müssen. „Wenn einzelne Gruppen meinen, sich nicht an Regeln halten zu müssen, funktioniert das Gefüge nicht“, sagt Sorgalla und nimmt Radfahrer nicht aus. Unkenntnis führe in vielen Bereichen dazu, dass Auto- oder Radfahrer nach dem Motto „Wird schon passen“ agierten.

In der Straßenverkehrsordnung ist klar geregelt, dass nur dann gehupt werden darf, wenn außerhalb geschlossener Ortschaften ein Überholvorgang angekündigt werden soll oder wenn der Hupende sich und andere gefährdet sieht. „Autofahrer, die Radfahrer anhupen, benutzen die Hupe zur Meinungsäußerung und dafür ist sie nicht gedacht“, sagt Lotar Krahmer, beim ADFC Würmtal für Verkehrspolitik zuständig. Krahmer fährt seit über 60 Jahren Fahrrad und er kennt weitere „Eskalationsstufen“, wie er es nennt, Abdrängen etwa und knappes Überholen, beides seien Straftaten.

Diskussionen nicht immer sinnvoll

„An Stellen wie der Rottenbucher Straße ist man leider alternativlos: Wer einigermaßen zügig unterwegs sein will als Radfahrer, kann sich nicht von solchen Autofahrern beeinflussen lassen.“ Diskussionen hält Krahmer nicht immer für sinnvoll: „Es ist zu befürchten, dass die Botschaft nicht ankommt.“ Andererseits sagt er: „Ich finde es schon gut, wenn der Autofahrer an solch einer Stelle eine Belehrung bekommt.“

Angehupt zu werden, so Krahmer, sei „immer ein Schreckelement. Man möchte das nicht erleben.“ Radfahrer reagierten und nutzten künftig den Gehweg. Krahmer: „Viele Radfahrer befahren Gehwege, weil sie auf der Fahrbahn, wo sie eigentlich hingehören, mehr auszustehen haben. Es ist eine Art von Verdrängung.“

In der Gräfelfinger Bahnhofstraße gelten die gleichen Regeln wie in der Rottenbucher Straße, mit dem Unterschied, dass auf den Gehwegen, die freigegeben sind für Radfahrer, ein Bereich speziell für sie gelb markiert ist. In der Bahnhofstraße sind außerdem Schilder aufgestellt, die ausdrücklich darauf hinweisen, das Radfahren auf der Fahrbahn erlaubt ist. „Wir begrüßen diese Zusatzschilder“, sagt Krahmer.

Schild: Radfahren auf der Fahrbahn erlaubt

Auch für die Rottenbucher Straße gibt es diese Schilder. Sie sind nur deswegen gerade nicht montiert, weil die Straße in ihrem mittleren Abschnitt zwischen Flur- und Wandlhamerstraße saniert wird. Nach Abschluss der Arbeiten sollen sie installiert werden. Auch Piktogramme seien angedacht, sagt Roland Strecker, Fahrradbeauftragter der Gemeinde. Er bekommt sowohl von Rad- als auch von Autofahrern Beschwerden über den jeweils anderen zu hören. Strecker: „Es ist eine Frage der gegenseitigen Rücksichtnahme.“ Im Falle des Busfahrers sieht er das anders. Die Gemeinde werde sich um eine Abmahnung bemühen. „Das geht gar nicht, dass ein Busfahrer unsere Bürger anpöbelt.“

Die Frau, die gemaßregelt wurde, ist die Autorin dieses Textes. Sie fährt fast täglich mit dem Rad durchs Würmtal und hatte schon einige Auseinandersetzungen mit Autofahrern, die meinten, es besser zu wissen. Ob der Busfahrer abgemahnt wird, ist ihr egal. Sie möchte einfach nur nicht mehr angehupt werden. Schon gar nicht, wenn sie regelkonform am Straßenverkehr teilnimmt.

Auch andere Würmtaler Gemeinden bemühen sich, fahrradfreundlicher zu werden.


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