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Wahlkampf bei Kaffee und Kuchen: Uta Wüst und Peter Köstler trafen sich zum Gespräch mit Merkur-Redakteur Martin Schullerus (li.) im Bürgermeister-Zimmer des Rathauses. 

Stichwahl in Gräfelfing

Wahlkampf in Zeiten der Corona-Krise

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Am 29. März treten sie zur Stichwahl um das Gräfelfinger Bürgermeisteramt an. Jetzt trafen Uta Wüst (IGG) und Peter Köstler (CSU) sich zum Doppel-Interview mit Merkur-Redakteur Martin Schullerus bei Kaffee und Kuchen – im Bürgermeister-Zimmer des Rathauses, dem zukünftigen Arbeitsplatz von einem der beiden.

Wie kommen Sie im privaten Umfeld mit der Corona-Krise zurecht?

Peter Köstler: Bei uns funktioniert es. Meine Frau arbeitet ja im medizinischen Bereich. Bei meinen Eltern ist es schon schwierig, klarzumachen: Jetzt bleibt mal lieber bitte zuhause und ich kaufe für euch ein, weil ich ja sowieso unterwegs bin.

Uta Wüst: Dem Sohn war es auch schwer zu vermitteln, dass er jetzt nicht einfach rausgehen und Freunde treffen kann. Wir bewegen uns eigentlich nur noch zur Arbeit. Es wird daheim gekocht, nicht mehr ausgegangen.

Was kann die Gemeinde Gräfelfing, in der Stand Freitag zehn Menschen infiziert waren, für die Bürger tun?

Wüst: Wenn die Unternehmen etwa in der Gastronomie Probleme bekommen, sollten wir uns lokal eine Unterstützung überlegen. Aber wir können auch kein Geld verschenken. Über mein Vorzimmer werden auch Hilfsangebote und -gesuche gesammelt. Da ist sehr viel Hilfsbereitschaft auch bei den Bürgern.

Köstler: Das Geld wird erst Schritt zwei sein. Ich denke, wir müssen mehr fürs Thema Rücksichtnahme werben. Ich kenne schon die Beschwerden wegen der Schließung des Wertstoffhofes. Da müssen wir um mehr Verständnis bitten. Die Kirchen haben es vorgemacht, die Gemeinde in großen Teilen auch. Ich finde die gestarteten Hol- und Bringdienste wichtig. Die Gemeinde wird aber kaum finanziell helfen können. Das hatten wir schon bei der Sanierung der Bahnhofstraße geprüft, und es kam unter dem Strich nichts raus.

Corona-Krise und Wahlkampf überlagern sich gerade. Empfinden Sie politisches Werben angesichts einer lebensbedrohenden Pandemie als deplatziert, ja unethisch – oder legitim und nötig?

Köstler: Ich glaube, auch jetzt sind politische Arbeit und ein funktionierendes Gemeinwesen samt politischem Ringen notwendig. Man muss aber politische Botschaften sehr genau trennen von sachlich-behördlicher Information.

Wüst: Man muss die Krise thematisieren, das ist die Arbeit derzeit: zu reagieren und zu informieren. Es ist doppelte Belastung, aber man muss beides wahrnehmen.

Köstler: Da würde ich mir aber im kollegialen Bürgermeister-Geschäft noch mehr Austausch wünschen. Ich bin derzeit über die Krise nur über die Medien informiert und die gemeindliche Homepage. Ich war in keinem Krisengespräch dabei, ich bin von Ihnen nicht informiert worden, habe aus der Zeitung erfahren, dass die Würmtal-Bürgermeister sich treffen, um eine Station aufzubauen. Das finde ich schade. Es kann jeden von uns ganz schnell auch treffen, und das kritisiere ich auch deutlich.

Wüst: Das nehme ich als Anregung, Sie da mehr einzubinden. Aber zum Teil überschlagen sich stündlich die Ereignisse.

Wie beurteilen Sie die Entscheidung, erstmals ausschließlich Briefwahl zuzulassen?

Köstler: Es ist ein echter Versuchsballon mit Blick auf die Wahlbeteiligung. Noch bequemer geht’s nicht.

Wüst: Es ist ein guter Test auch für Leute, die immer lieber ins Wahllokal gegangen sind.

Wie beurteilen Sie den Ausgang der Gemeinderatswahlen?

Wüst: Ich freue mich, dass wir jetzt einer mehr sind und wir fünf Sitze haben. Mir war klar, dass die Grünen ordentlich zulegen werden. Auf das neue Personal bin ich gespannt. Etwas mehr Verjüngung hätte ich mir gewünscht, aber ich finde schön, dass die Anzahl der Frauen und Männer jetzt gleich ist.

Köstler: Gegen den CSU-Trend zuzulegen – damit können wir sehr zufrieden sein. Wir haben unsere acht Sitze verteidigt, das war ein internes Ziel. Auch bei den Einzelstimmen sind wir sehr zufrieden, und wir haben Geschlechtergleichzahl in der Fraktion. Der Name Göbel zieht immer noch, das sieht man an den 65 Prozent bei der Landtagswahl in Gräfelfing, aber auch auf unserer Liste bei Ochmaa Göbel. Das stimmt mich alles zuversichtlich. Der Grüne Trend war nicht so überwältigend, wie manche vermutet haben.

Täuscht der Eindruck, dass Gräfelfing bei der Entlastungsstraße auf dem Nullpunkt steht? Hätte man nach der Ablehnung durch den Kreistag mehr tun können?

Wüst: Im Hintergrund ist viel gelaufen. Wir warten auf das Rechtsgutachten, ob wir es nicht doch als kommunale Straße machen können.

Köstler: Wir haben dazu aber keinen Beschluss, keine Gemeinderatsmeinung.

Wüst: Wir haben den Beschluss, das Planfeststellungsverfahren voranzutreiben, und das versuchen wir: einen Weg zu finden, wie wir das umsetzen können. Wir waren auch mit dem Landrat im Gespräch. Auf Kreisebene gibt es Ansätze.

Aber im Kreistag sind die Mehrheiten – Stichwort Grüne – nun ganz andere.

Wüst: Ja, deshalb müssen wir es wohl kommunal hinkriegen, aber es muss hieb- und stichfest sein, weil diese Planfeststellung sicher angegriffen wird. Planegg und Neuried haben ganz unterschiedliche Probleme mit der Straße. Aber wenn es um eine „Mobilitätstrasse“ mit vielen Angeboten – auch Radschnellweg, Schnellspur für Elektrobus – ginge, wäre eher die Chance da. Das wird dann viel größer und breiter, aber wenn das der Weg ist, die Umgehungsstraße weiträumig zu bekommen, würde ich den Versuch starten.

Köstler: Das klingt jetzt nach Zurückrudern für Gräfelfing. Wenn man die Busspur auch noch baut, die die Grünen fordern, haben wir die Autobahnbreite. Und so werden wir nie zu was kommen. Ich würde es den Nachbarkommunen anders schmackhaft machen. Als Eier legende Wollmilchsau werden wir diese Straße nicht kriegen. Unser Ansatz mit dem Junktim Straße und Verkehrskonzept ist im Moment noch ein anderer: Verkehr nach außen verlagern, um im Ortsbereich Räume für etwas Anderes zu gewinnen, Radverbindungen und so weiter.

Wüst: Dieses Junktim soll auch bestehen bleiben.

Sehen Sie im neuen Gemeinderat überhaupt noch eine Mehrheit für die Entlastungsstraße? Ich denke da offen gesagt auch an die IGG.

Wüst: Wir haben bei unserer Basis Überzeugungsarbeit leisten müssen. Das haben wir selbst bei sehr grünen IGG-lern mit Argumenten geschafft, und mit unseren Stimmen im Rat reicht es.

Köstler: Wenn die stehen, ja.

Erwarten Sie von dem Verkehrskonzept den großen Wurf – dass es die Verkehrsprobleme weitgehend behebt?

Wüst: Es soll uns zumindest Maßnahmen aufzeigen, wie wir den Verkehr managen. Wir haben ein Verkehrsproblem zu Stoßzeiten in der Pasinger Straße und in der Bahnhofstraße. Aber man kann sich im Ort flüssig bewegen, mit Fahrrad, Auto, Bus. Da geht es eher darum, Schwerpunkte zu setzen.

Köstler: Das Verkehrskonzept wird nicht die Probleme lösen. Es wird nur in diesem Junktim mit der Umgehungsstraße – und da bleibe ich auch ganz hart – helfen, den Verkehr zu kanalisieren und neue Verbindungen zu schaffen. Vielen ist es zum Beispiel ganz wichtig, Radwegeverbindungen für die größeren Distanzen, in die Arbeit oder zur U-Bahn, zu schaffen.

In welchem Jahr fahren die Gräfelfinger per Seilbahn nach Pasing und Martinsried/Großhadern?

Wüst: 2027.

Köstler: Ungefähr in zehn Jahren. Ich halte das für ein interessantes Projekt, da wo es passt. Die Achse Martinsried-Pasing kann ich mir gut vorstellen, zumal wir hier zum Glück einen engagierten Unternehmer vor Ort haben, der das vorantreiben will.

Wüst: Wir hatten dazu ein Meeting mit allen Beteiligten. Eine Idee wäre, nicht Pasing, sondern Freiham als Ausstiegspunkt anzupeilen, wo ebenfalls die U-Bahn hinkommen soll. Gräfelfing wäre als Pilotstrecke geeignet.

Wie sehr drängt die Zeit beim Neubau des Rudolf- und Maria-Gunst-Hauses?

Wüst: Die Förderung wird sicher nicht nur einmal ausgeschrieben. Man wird sich zur Gestaltung noch auseinandersetzen müssen. Das Konzept an sich haben wir ja.

Köstler: Aber die Frage ist doch die innere Gestaltung und gute Funktionalität.

Wüst: Das muss sich nicht widersprechen. Aber die inneren Abläufe müssen wirtschaftlich darstellbar sein, und es soll ein Zuhause sein, in dem man sich wohlfühlt.

Köstler: Hätte man da nicht schon schneller sein können?

Wüst: Die Förderrichtlinien wurden erst im Oktober 2019 erklärt. Wir haben jetzt einen dritten Entwurf vorgestellt, der aber noch nicht Begeisterung ausgelöst hat. Deshalb müssen wir eine Ehrenrunde drehen.

Köstler: Das darf nicht als Ausrede gelten, es hinauszuschieben. Das bauliche Konzept haben wir seit zehn Jahren. Das finde ich schade.

Wüst: Aber an dem ganzen Prozess war der Gemeinderat beteiligt.

Köstler: Ja, und wir hätten einen mit dem Gemeinderat abgestimmten Plan längst haben können.

Ist die Heitmeiersiedlung nach dem Eklat um das neue Wohngebiet für dieses Thema verbrannt?

Köstler: Das Thema Wohngebiet ist verbrannt durch das massive Desaster, das wir da erlebt haben. Das Thema wohnen an der Starnberger Straße kann man nach wie vor gut vertreten; die Offenheit, dort wohnbautechnisch etwas zu tun, ist da, und wir sollten sie nutzen – samt guter Verkehrsanbindung.

Wüst: Die Aufgabe war, zu zeigen, was dort strukturell und städtebaulich denkbar wäre. Man hätte einen Abschnitt davon realisieren können. Eine Entwicklung entlang der Starnberger Straße finde ich nach wie vor sinnvoll. Es ist aber nicht mit größter Priorität zu verfolgen, weil es Außenraum und nicht die vorgezogene Innenraumverdichtung wäre. Ich würde es zum Beispiel sehr begrüßen, wenn die Genossenschaft am Anger sich zu einer Erweiterung entschließen würde, da ist noch Luft.

Wird in den nächsten Jahren am Jahnplatz gebaut, sollten Sie Bürgermeister/in werden?

Wüst: Klar.

Köstler: Ja, es fragt sich nur was und wo genau. Da muss sich was bewegen. Wir kennen das Potenzial. Die Bürger wünschen sich eine Veränderung an dieser desolaten Stelle, mit guter Nahversorgung. Die Gemeinde hat die Chance, entlang der Bahn etwas zu entwickeln.

Wüst: Ich hatte mir vorgestellt, da leichter voranzukommen. Aber jetzt sind wir schon relativ nah dran. Der Architekt der Eigentümer ist auf die Wünsche aus dem Bauausschuss eingegangen. Ich hoffe, dass wir nach den Wahlen den vorhabenbezogenen Bebauungsplan für das Postgrundstück aufstellen. Wir müssen Aubinger Straße und Jahnplatz auch als Stöpsel für den Durchgangsverkehr gestalten, weil die Unterführung Aubing schon sehr konkret droht.

Köstler: Da stimme ich zu.

Befürworter und Gegner schäumen, wenn es um die angedachte Welle in der Würm geht. Würden Sie dieses Projekt als Bürgermeister/in vorantreiben?

Köstler: Ich würde es aktiv nicht vorantreiben. Mich persönlich überzeugt es nicht. Ich habe Verständnis für diese Community aus verschiedenen Generationen. Aber der Eingriff mit Technik in dem Naturgewässer, der Betrieb, die Haftung, sind mir nicht klar. Wir müssen auch aufpassen, was die Region da unten an Freizeitnutzung verträgt.

Wüst: Wir sind dran, genau diese Unklarheiten sauber zu beantworten. Ich finde es eine sehr charmante Vorstellung. Die Einbauten sind an einer Stelle, wo schon die Betoneinfassung da ist. Es ist eine Chance, was Besonderes zu haben, wo die Jugend sich draußen sportlich betätigt. Die Sorge der Anlieger kann ich nachvollziehen, dass man da Halligalli anzieht. Vielleicht können wir das mit einem Sicherheitsdienst hinkriegen.

Was machen Sie am Sonntag, dem 29. März 2020, um 21 Uhr?

Wüst: (lacht) Jetzt höre ich mir mal an, was der Herr Köstler sagt, dann antworte ich.

Köstler: Ich denke, da werde ich schon zu Hause sein, weil sich eine öffentliche Feier verbietet und die Restaurants abends geschlossen sind. Vorher werde ich im Rathaus sein.

Wüst: Ich mache einen kleinen privaten Umtrunk hier in meinen Räumen.

So verlief die Bürgermeisterwahl  am 15. März.

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