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Ulrich Tausend: „Ich streite immer wieder“

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Von: Nicole Kalenda

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Ulrich Tausend, #Wellenbrecher, mit glitzernder Maske
Jetzt nicht nachlassen: Ulrich Tausend setzt sich unverändert für die Einhaltung der Corona-Maßnahmen ein. © Ulrich Tausend

Vor einem Jahr sprach ganz Deutschland über die Aktion #Wellenbrecher, die mit der Verbreitung von Corona-Warn-App und Mund-Nasen-Schutz eine zweite Ansteckungswelle verhindern wollte. Auch weil der Autor veganer Kochbücher und Verschwörungsideologe Attila Hildmann seine Anhänger auf die Youtube-Videos aufmerksam gemacht hatte. Initiator war der Gräfelfinger Ulrich Tausend (42).

Gräfelfing - Der Medienpädagoge, der sich auch berufsbedingt mit Hate Speech, also Hassreden in den Sozialen Medien, auseinandersetzt, ist noch immer nicht müde, zu erklären, zu diskutieren und seine Mitmenschen vom Sinn der Corona-Maßnahmen zu überzeugen.

Im September vergangenen Jahres ist das erste #Wellenbrecher-Video online gegangen. In den ersten Tagen wurde es tausendfach aufgerufen, dann wurde es ruhiger. Insgesamt kommt es bis heute auf knapp 45 000 Aufrufe. War es ein Erfolg?

Ulrich Tausend: Auf eine Million Aufrufe sind wir nicht gekommen, aber es hat schon ziemlich Wind gemacht. Der folgende Lockdown war der Wellenbrecher-Lockdown. Das hat jetzt vielleicht nicht nur mit uns zu tun, aber zumindest sind wir mit dem Thema auf Twitter trending gegangen. Und es wurde sehr stark diskutiert. Es gab in Baden-Württemberg eine ähnlich lautende Aktion, die noch mal für Wirbel gesorgt hat.

Waren Sie beim von der baden-württembergischen Landesregierung initiierten „#Wellenbrecher Trailer - Gemeinsam gegen die zweite Welle!“ involviert?

Ich glaube, die hatten das auch schon länger vorbereitet. Ob sie den Namen genommen haben, weil sie unseren gut fanden, oder auch schon vorher geplant hatten, weiß ich nicht. Wir finden es super, dass die das auch gemacht haben, aber wir hatten mit deren Wellenbrecher-Aktion nichts zu tun. Wir haben selbst ein paar weitere Videos rausgebracht. Ich persönlich habe noch etwas unter dem Titel „#FunWithMasks“ gemacht. Scherzhaft aufbereitet, damit das Maskenthema nicht immer so negativ betrachtet wird. Und die Wellenbrecherin Theresa Hannig hat beim Zündfunk Netzkongress eine Hate-Speech-Lesung gegeben, auf der an uns gerichtete Hasskommentare genannt wurden.

Sie haben damals versucht, mit Youtube beziehungsweise dem Mutterkonzern Google in Kontakt zu treten.

Das war ein längeres Thema. Wir dachten ursprünglich, dass die vielen negativen Bewertungen, die ganz schnell hintereinander kamen, eher technischer Natur waren, nämlich Bots. Es hat sich erst später herausgestellt, dass dem nicht so war. Dass das die ganzen Freunde von Attila Hildmann waren, die uns offensichtlich nicht so gut finden. Was wiederum wir sehr, sehr gut fanden, weil es uns eben sehr, sehr viel Aufmerksamkeit gebracht hat. Das haben die stark befeuert mit ihren Dislikes.

Zu Google sind Sie nie durchgedrungen?

Mit Google Kontakt aufzunehmen, ist mir nie wirklich gelungen. Aus dieser Geschichte wurde übrigens inzwischen eine szenische Lesung, was ich interessant finde. Die Künstlerin Tamara Banez hat sich hingesetzt und das als Inspiration genommen.

Wie beurteilen Sie heute das Pandemie-Geschehen?

Es ist viel passiert, nicht nur mit der zweiten, sondern auch der dritten Welle und einer startenden vierten Welle. Natürlich ist das Thema noch nicht ausgestanden. Auf der anderen Seite gibt es jetzt zum Glück schon länger Impfungen, was einfach ganz großartig ist. Dass so schnell Impfstoffe entwickelt werden, die auch noch so gut funktionieren. Allein in Indien sind schon über 600 Millionen Menschen geimpft, weltweit erheblich mehr als 3,5 Milliarden.

Sind Sie geimpft?

Ich bin natürlich geimpft. In der Beziehung ist viel Gutes passiert. Hätten wir keine Impfstoffe, wären wir jetzt in einer ganz anderen Situation. Aufgrund der Impfquote, der Erkenntnisse über das Virus und der leider noch nicht ausreichend hohen Impfquote kann es jetzt immer wieder Öffnungsschritte geben. Das entspannt die Situation.

Aber bei knapp 65 Prozent vollständig Geimpften wäre schon noch mehr drin.

Negativ ist, dass es, obwohl die Impfstoffe so früh kamen, obwohl sie so gut funktionieren auch gegen die Delta-Variante, die viel ansteckender ist, leider weiterhin ganz schön viele Leute – auch wenn es eine klare Minderheit ist – sich nicht impfen lassen, obwohl sie es könnten. Und zum Beispiel die digitalen Apps wie die Corona-Warn-App nicht nutzen, obwohl sie es könnten.

Das finden Sie schade?

Schade ist einfach zu wenig. Sich nicht zu impfen, ist eben keine persönliche Entscheidung. Impfen geht darum, dass man damit möglichst eine Herdenimmunität erreicht. Das gelingt nur, wenn viele mitmachen. Es ist faszinierend, dass so viele Leute, auch gerade in meinem Umfeld, weiterhin abwarten wollen und teilweise auch einfach in einen richtigen Trotz reinkommen, weil sie sich gedrängt fühlen. Sie sprechen von einer Impfpflicht, die es nicht gibt, von Verletzung der Grundrechte und Diktatur.

Wie begegnen Sie solchen Menschen?

Ich selber tanze viel und habe dabei viel mit Menschen zu tun, die sehr esoterisch sind. Aus meiner Sicht passt der Begriff Egoteriker besser, weil ich oft das Gefühl habe, dass sie einfach daran denken, was sie wollen und was sie für richtig halten. Was die Wissenschaft macht, ist ihnen meistens ziemlich wurscht. Das sind Menschen, die für sich achtsam sein wollen, aber eine ganz andere Definition von Achtsamkeit haben als ich. Für mich gehört Solidarität hinzu, weil ich auch den anderen Menschen gegenüber achtsam sein will, vor allem den Menschen, die schwächer sind. Das frustriert mich sehr. Auch in meinem Freundkreis gibt es Leute, die unter Verkennung von Tatsachen, irgendwelche Sache sagen, die ich einfach nicht nachvollziehen kann, die aber nur sehr schwer zu überzeugen sind. Während es weniger werden, wirkt es, als ob es extremer würde. Ich sehe es als großes gesellschaftliches Problem an, diese Leute zu erreichen und wieder zu integrieren.

Sind Sie für eine Impfpflicht für alle?

Ich bin da bei Karl Lauterbach, der gesagt hat, eine Impfpflicht ist immer das Eingeständnis des Scheiterns der normalen Prozesse des Überzeugens, weil eine Impfpflicht einen starken Trotz bei manchen Leuten auslöst, die vielleicht anderweitig erreichbar wären. Ich glaube, dass man noch viele erreichen kann, ohne dass man eine Impfpflicht hat.

Sind Sie im Laufe der Monate des Streitens müde geworden?

Ich streite immer wieder über das Thema, gerade auch in meinem persönlichen Umfeld. Das Thema ist mir weiter wichtig. Ich erkläre immer wieder, wie diese App funktioniert, auch wenn nur wenige Leute sie nutzen, was frustrierend ist. Vor allem im persönlichen Bereich und im Tanzumfeld bin ich ein bisschen bekannt, gerade weil ich mit so vielen Leuten gesprochen und Stellung bezogen habe.

Hat es Folgen für Ihr Verhalten, wenn Sie Menschen treffen, die gegen das Impfen eingestellt sind?

Ich habe auf jeden Fall viele Veranstaltungen gemieden, weil ich mich da nicht wohlgefühlt habe. Ich habe aber schon auch, gerade jetzt im Sommer, wo ich viel draußen war, einige Veranstaltungen besucht. An einer Veranstaltung war ich auch beteiligt. Da habe ich sehr stark Wert darauf gelegt, dass alle Leute getestet wurden. Dass wir einfach vor Ort auf das Thema achten. Das war mir sehr wichtig.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Mitmenschen langsam müde werden? 3G, 2G, 3G plus, man blickt nicht mehr durch, wo man jetzt Maske tragen muss.

Grundsätzlich ist das große Problem, dass sich viele Menschen in Deutschland noch gar nicht impfen lassen konnten, weil erst seit Kurzem Impfstoffe für die Gruppe der Zwölf- bis 17-Jährigen zugelassen sind. Gerade die Jugend und die Kinder mussten sich stark zurücknehmen für Ältere, für Erwachsene. Jetzt zu sagen, das Thema ist durch, weil man inzwischen selbst geimpft ist, geht nicht. Ich weiß nicht, ob wir als Gesellschaft etwas gelernt haben und eher präventiv aufpassen und nicht erst, wenn es wieder zu spät ist.

Würden Sie sich wieder engagieren, wieder riskieren, Hass-Mails und Dislikes zu erhalten, weil es für Sie wichtig ist, Position zu beziehen?

Ja, ich würde mich wieder engagieren und ich werde mich auch früher oder später engagieren. Ich finde, es ist ganz wichtig, dass wir eine aktive Zivilgesellschaft haben.

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