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Philip-Morris-Stand vor dem Bürgerhaus: Zaal Sheklashvili (li.) lässt sich von Mitarbeiterin Michaela Pressler und Aria Mohammad Bedrud das IQOS-System erklären.

Umstieg von Zigarette auf Verdampfer IQOs

Philip Morris wirbt mitten in Gräfelfing

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Der Tabakkonzern Philip Morris, dessen Deutschland-Zentrale seit Jahren in Gräfelfing sitzt, wirbt derzeit mit einem Stand vor dem Bürgerhaus unter dem Motto „Rauchfreies Gräfelfing“ für den Umstieg von Rauchern auf die neuen IQOS-Tabakverdampfer. Der Gemeinderat stimmte zu, einige Eltern finden die Aktion zum Schuljahresbeginn unglücklich.

Gräfelfing– Dass ausgerechnet ein Tabakkonzern „für eine rauchfreie Zukunft“ wirbt, wie es in einer aktuellen Pressemitteilung von Philip Morris heißt, darf zunächst wundern. Schließlich beliefert der Weltmarkführer 37 Prozent der 17 Millionen Raucher in Deutschland mit Zigaretten – und das ganz freiwillig und profitabel. „Wir möchten den Konsumenten zeigen, dass es bessere Alternativen zu Zigaretten gibt“, sagt indes Markus Essig, Vorsitzender der Geschäftsführung von Philip Morris Deutschland.

Der Konzern steckte eigenen Angaben zufolge seit 2008 ganze 4,5 Milliarden Dollar in Entwicklung und Prüfung „potenziell risikoreduzierter, rauchfreier Alternativen zu Zigaretten“. Ergebnis ist der Tabakerhitzer IQOS. Er verdampft Tabak bei 300 Grad, statt ihn wie in der Zigarette zu verbrennen. Der Dampf enthält zwar süchtig machendes Nikotin, jedoch laut einer Untersuchung rund 90 Prozent weniger Schadstoffe als herkömmlicher Zigarettenrauch.

Diese Gemengelage machte es dem Hauptausschuss des Gemeinderates nicht eben einfach, über einen Antrag von Philip Morris zu entscheiden: Das Unternehmen bat, für knapp zwei Wochen besagten Stand an prominenter Stelle in der Ortsmitte betreiben zu dürfen. Gemeindeverwaltung und Gemeinderäte waren sich der Brisanz des Themas bewusst und diskutierten den Antrag in nichtöffentlicher Sitzung ernsthaft und differenziert. Eine überwältigende Mehrheit der Ausschussmitglieder befand schließlich, dem Antrag stattzugeben. Zu ihren Argumenten gehörte, dass man nicht über Jahr und Tag die Gewerbesteuer-Millionen von Philip Morris nach dem Motto „pecunia non olet“ dankbar einstreichen könne und andererseits die Nase rümpfen, wenn dieses Unternehmen mal einen Stand in der Bahnhofstraße wünsche.

Außerdem ließen sich die Gemeinderäte von einem Firmenvertreter glaubhaft versichern, es gehe um den weniger schädlichen Tabakkonsum im Vergleich zu Zigaretten und Adressaten seien nur „erwachsene Raucher, die ansonsten weiter Zigaretten rauchen würden“, wie ein Sprecher auf Merkur-Anfrage bestätigte, und sogar anfügte: „Gar nicht zu rauchen wäre am gesündesten.“

Alle Abwägung konnte nicht vermeiden, dass in der Öffentlichkeit erhebliches Erstaunen über die Genehmigung der Aktion durch die Gemeinde laut wurde. Unter Eltern von Schulkindern herrschte am gestrigen ersten Schultag deutlicher Unmut, der sich in vielen WhatsApp-Gruppen und in einer Mitteilung an die Presse Luft machte. „Dies ist eine Stelle, die zahlreiche Gräfelfinger Grund- und Hauptschüler sowie Gymnasiasten des KHG und FLG tagtäglich passieren und somit mit dem Thema Rauchen in Kontakt kommen“, schrieb Verena Münz. Ihr 13-jähriger Sohn habe ihr, nachdem er von der Schule kam, ausführlich von der Werbe-Lounge berichtet. Verena Münz: „Viele Eltern finden es wie ich ausgesprochen unglücklich, dass dieser Stand in dieser Größe und an so prominenter Stelle just zum Schuljahresbeginn zwei Wochen stehen soll.“ Zumal andererseits aus gutem Grund Drogenbeauftragte an die Schulen geschickt würden.

Im Merkur-Gespräch stellte Verena Münz klar, dass weder ihr Sohn noch andere Minderjährige ihres Wissens an dem Stand angesprochen worden seien. Allerdings würden Kinder naturgemäß von sich aus Interesse entwickeln und Fragen stellen. Und die seien auch beantwortet worden.

Der Sprecher von Philip Morris schloss es auf Nachfrage rundweg aus, dass die Mitarbeiter Minderjährige ansprechen und einladen würden. Selbst erwachsene Nichtraucher seien ausdrücklich nicht die Adressaten der Aktion. Das konnte eine Merkur-Kollegin aus eigenem Erleben bestätigen: Nach ihrem Hinweis, sie rauche nicht, habe es an dem Philip-Morris-Stand sogleich „Entschuldigung, schönen Tag noch“ geheißen.

Den Eltern, die ihre Kinder von dem IQOS-Stand fernhalten wollen, droht bereits am Wochenende neues Ungemach: Die Gemeinde erlaubte Philip Morris im gleichen Zuge, auch auf dem Straßenfest am Samstag einen entsprechenden Stand zu betreiben.

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