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Klimawandel und Power-Futter bringt die innere Uhr von Amseleltern völlig durcheinander: Sie brüten mitten im Winter. Dieses Junge kann den ungewöhnlichen Geburtstermin nur überleben, weil ein Vogel-Experte es großzieht. 

Immer mehr Jungvögel sterben in der kalten Jahreszeit

Vogel-Papa rettet Winter-Amsel

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Vogelschützer Gerhard Wendl konnte es gar nicht glauben, als ihn der Notruf erreichte: Eine frisch geschlüpfte Amsel soll in einem Garten ums Überleben kämpfen. Ein Amselküken – im Januar? Aber es stimmte. Dahinter steckt ein Naturphänomen, das wirklich alarmierend ist.

Gräfelfing/Gröbenzell – Gerhard Wendl sitzt in seinem Wohnzimmer in Gröbenzell und schaut immer noch fasziniert auf den kleinen, zerrupften Vogel auf dem Tisch, der seinen Schnabel gierig in Richtung Futterlöffel streckt. Für Wendl ist es nicht ungewöhnlich, dass er Vögel zum Aufpäppeln in seinen eigenen vier Wänden beherbergt. Der 73-Jährige engagiert sich seit fast 40 Jahren für den Vogelschutz, ist ein gefragter Experte. Aber ein Amsel-Küken um diese Zeit, das hat selbst er noch nicht erlebt.

Anfang Februar erreichte Wendl ein Notruf. Ein Mann hatte im Garten in Gräfelfing seit Tagen ein Vogelnest mit zwei kleinen Amseln beobachtet. Plötzlich war eines der Küken verschwunden, das andere hatte sich im Gebüsch verhangen. Der Gräfelfinger alarmierte sofort den Experten. „Ich habe ihm nicht geglaubt, dass es eine frisch geschlüpfte Amsel sein soll“, sagt Wendl ganz offen.

Als er das Tier in Obhut nimmt, wird er schnell vom Gegenteil überzeugt. Etwa acht Tage ist der Vogel alt. Wendl beginnt zu rechnen. 20 Tage brütet das Amselweibchen, etwa vier Tage dauert es, bis es das befruchtete Ei ablegt, dann noch der Nestbau von etwa zwei Tagen – der Vogelexperte kommt zu dem Ergebnis, dass die Amseleltern bereits vor Silvester losgelegt haben müssen. Vermutlich mit einer Kurz-Balz, da allein die im Normalfall ein ziemliches Prozedere ist. Absolut außergewöhnlich sei dieser Zeitpunkt für die Amsel-Brut, sagt Wendl. Normal sei Mitte März, denn eigentlich orientieren sich die Tiere am Tageslicht.

Der Gröbenzeller hat zwei Erklärungen für dieses Naturphänomen. „Es wird immer wärmer, das ist wohl der oft verschriene Klimawandel“, stellt Wendl fest. Die ungewöhnlich milden Temperaturen verbessern die Lebensbedingungen für die Tiere, sie können auch im Winter Futter finden. Die Amsel ist längst kein Zugvogel mehr, sie hat gelernt, dass sie zuhause überleben kann. Und die Amsel setzt Prioritäten: Passt das Nahrungsangebot, bleibt sie. Umso mehr, wenn der Mensch brav Vogelhäuschen mit Körnern & Co. auffüllt. „Das Futter wird immer besser“, erklärt Wendl. Früher waren Sonnenblumenkerne und Weizen drin, jetzt gibt es richtige Power-Mahlzeiten mit den heiß begehrten Insekten (siehe Kasten).

Für die Amsel scheinen die Brutbedingungen also perfekt, selbst im Januar. Doch genau darin besteht die Falle. Denn der darauffolgende Monat, der Februar, ist gewöhnlich der kälteste im Jahr. Die Vögel finden keine echten Insekten mehr, das Zufüttern durch den Menschen allein reicht nicht aus. „Das überlebt kein einziger Jungvogel“, sagt Wendl. Die erste Brut ist damit komplett ausgelöscht. Auf Dauer könnte das – neben dem Insektensterben – zu einem ernsten Problem für den Vogelbestand werden, da weniger und weniger Nachwuchs überlebt, das befürchtet zumindest der Experte.

Die kleine Amsel aus dem Gräfelfinger Garten ist diesem Schicksal gerade noch entflohen. Wendl zieht sie nun selbst auf. Tagsüber nimmt er sie mit in seine Vogelauffangstation nach Olching, wo er ihr aus einem Blumentopf ein Nest gebaut hat, das auf einer Wärmeplatte steht. Abends begleitet sie Wendl nach Hause. Dort gibt es Spezialfutter: mit Hüttenkäse und Drohnenbrut.

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