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Horst Tappert verkörperte 281 Folgen lang Oberinspektor Stephan Derrick. 

Todestag jährt sich zum zehnten Mal

Unvergessener Horst Tappert

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Am 13. Dezember 2008 ist der Gräfelfinger Schauspieler Horst Tappert in der Urologischen Klinik in Planegg gestorben. Natürlich vor allem für seine Rolle als Stephan Derrick bekannt, spielte Tappert sein Leben lang auch viele andere Fernseh- und Theaterfiguren. Privat in Gräfelfing lebte der Schauspieler zurückgezogen.

Gräfelfing – 281 Folgen lang, von 1974 bis 1998, verkörpert Horst Tappert den Oberinspektor Stephan Derrick, der zusammen mit seinem Assistenten Harry Klein (Fritz Wepper) Mordfälle im Großraum München löst. Die Krimiserie ist eine der erfolgreichsten Produktionen in der deutschen Fernsehgeschichte überhaupt. Mehr als 30 Millionen Zuschauer schalten in Spitzenzeiten ein, die Serie wird in über 100 Länder verkauft, unter anderem nach China, Russland, Spanien, Venezuela und in viele afrikanische Länder.

Dabei sind die Reaktionen nach den ersten Folgen vernichtend: „Denn zunächst sind die Geschichten so erzählt, dass der Täter nach den ersten Minuten bekannt ist, ähnlich wie bei Columbo“, erzählt Patrick Heisch, Vorsitzender des deutschen „Derrick“-Fanclubs im Merkur-Gespräch. Doch dieses Konzept und andere Details werden bald geändert. Tappert wird zu einem der beliebtesten deutschen Schauspieler.

Vor dem Zweiten Weltkrieg absolvierte Tappert, 1923 geboren, eine Lehre zum Industriekaufmann. Während des Krieges wurde er zur Wehrmacht eingezogen, später war er Soldat der Waffen-SS. Die SS-Panzergrenadier-Division „Totenkopf“, der Tappert zeitweise angehörte, war am Holocaust, etwa Selektierungsaktionen, beteiligt. Ob Tappert bei Kriegsverbrechen mitmachte, ist unklar. Seine zeitwillige SS-Angehörigkeit kommt erst fünf Jahre nach seinem Tod durch die Entdeckung seiner Wehrmacht-Karteikarte ans Licht.

Nach der Kriegsgefangenschaft arbeitete Tappert zunächst als Buchhalter am neu eröffneten Theater der Altmark in Stendal (Sachsen-Anhalt). Der dortige künstlerische Leiter brachte ihn zur Schauspielerei. Tapperts erstes Theaterstück war die Komödie „Flitterwochen“. Die erste Filmrolle, wortlos und nur für Sekunden zu sehen, hatte Tappert 1949 in „Frauenarzt Dr. Prätorius“. Nach Rollen in „Die Trapp-Familie in Amerika“ (1958) spielte Tappert in „Zu viele Köche“ (1961) bereits einen Hoteldetektiv. In den Folgejahren stellte er mehre Gangster wie einen Posträuberchef dar (unter anderem in „Hoopers letzte Jagd“, 1972), aber auch immer wieder Polizisten.

1973 ging es mit den Dreharbeiten zu „Derrick“ los. Der Oberinspektor trägt stets Anzug mit Krawatte, einen hellen Trenchcoat, seine Waffe gebraucht er nur im äußersten Notfall. Im Gegensatz zum „Tatort“ ist mit Tappert und Wepper immer das gleiche Ermittlerduo unterwegs, die Folgen spielen immer im Großraum München. „Ich glaube, dass das einer der Gründe für den immensen Erfolg ist“, sagt der Fanclub-Vorsitzende Patrick Heisch. „Man fühlt sich als Zuschauer in der Serie zu Hause, Tappert strahlt eine starke Souveränität aus. Außerdem sind die Bücher sehr gut geschrieben, für Gastauftritte spielen hervorragende Schauspieler wie Iris Berben, Klaus-Maria Brandauer, Götz George, Curd Jürgens und Maria Schell mit.“ Zu den Hochzeiten der Serie in den 70er und 80er Jahren gibt es nur wenige Fernsehsender und kein Internet.

„Ganz begriffen“ habe er „das Phänomen“ nie, sagt Fritz Wepper in einem Interview. „Aber ich glaube, es lag an unserer menschlichen Art. Wir begegneten den Verdächtigen mit dem nötigen Respekt, ließen stets die Unschuldsvermutung gelten.“ Während der Dreharbeiten, die meist ein Großteil des Jahres andauerten, „waren Horst und ich öfters zusammen als mit unseren Frauen. Trotz des Altersunterschieds mochten wir uns sehr“, so Wepper. Der bekannte Satz „Harry, hol schon mal den Wagen!“ wird ironischerweise kein einziges Mal in der Serie gesagt – sondern ist eine Erfindung von Harald Schmidt in seiner Late-Night-Show. 1998 wird die Serie eingestellt und Derrick, obwohl längst im Rentenalter, zu Europol befördert.

Am letzten Drehtag ist Patrick Heisch bei den Dreharbeiten zu Gast. „Tappert war sehr freundlich und zeigte uns alles, er war ein richtiger Gentleman“, erinnert er sich. Tappert zieht sich nach und nach weitgehend aus der Öffentlichkeit nach Gräfelfing zurück, wohin er kurz nach dem Krieg gezogen war. In dritter Ehe lebt er hier mit seiner Frau Ursula. Aus erster Ehe hat er drei Kinder.

„Er lebte bei uns sehr zurückgezogen, mit der Gemeinde gab es meines Wissens nach keinerlei Kontakt“, sagt Gräfelfings Rathaus-Sprecherin Sabine Strack. In den letzten Monaten vor seinem Tod im Dezember 2008 verlässt Tappert seine Villa überhaupt nicht mehr. Er ist ein Pflegefall, leidet an Diabetes, kann kaum noch laufen und liegt die meiste Zeit im Bett.

Drei Tage vor seinem Tod wird Tappert in die Urologische Klinik Planegg eingeliefert. Aufgrund seiner Patientenverfügung stellen die Planegger Ärzte am 13. Dezember 2008 die Beatmung und Infusion ein. Tappert stirbt mit 85 Jahren. An der Beerdigung am Gräfelfinger Gemeindefriedhof nehmen nur 15 Trauergäste teil. Tapperts Frau Ursula stirbt 2014.

Als Tapperts SS-Angehörigkeit bekannt wird, nimmt das ZDF 2016 sämtliche Derrick-Folgen aus dem Programm. Eine Entscheidung, die Patrick Heisch „nicht nachvollziehen kann, schließlich war die Serie auch ein Werk von vielen anderen Schauspielern, Drehbuchautoren und Regisseuren“. 1600 Fanclub-Mitglieder tauschen sich noch heute auf Facebook über die Serie aus und fahren zu den Drehorten der Serie. Im Gräfelfinger Gemeindearchiv gibt es so gut wie nichts zu dem verstorbenen Schauspieler, etwa Sachen aus seinem Nachlass. „Das wollte das Ehepaar Tappert ausdrücklich nicht“, sagt Archivleiterin Monika Frank. Was bleibt, sind die Erinnerungen an einen großartigen Schauspieler.

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