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Bavarian Rock ’n’ Roller der ersten Stunde: Mit seinen „Spiders“ spielt Günther Sigl am 6. Februar beim Kult-Fasching im Planegger Heide-Volm – ein Höhepunkt der närrischen Zeit im Würmtal.

Frontmann der Spider Murphy Gang

„Ich bin immer noch Günther Sigl“

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Gräfelfing - Im Merkur-Interview spricht Spider Murphy Gang-Frontmann Günther Sigl über den Fasching, das Musikgeschäft und – Überraschung – über Rosi.

Herr Sigl, nach gut einem Vierteljahrhundert soll nun Schluss sein mit dem Kult-Konzert im Heide-Volm. Ein möglicher Abriss des Saals steht bevor. Macht der Gedanke wehmütig?

Sigl: Ja, das war schließlich immer ein Fixpunkt im Jahr und unsere eigene Idee. Immer im Winter, als unsere großen Tourneen vorbei waren, hatten wir live recht wenig zu tun. Da dachten wir uns, es gibt doch diesen schönen Saal, in dem wir an Fasching spielen könnten. Mein Vater hat ja schon immer erzählt, dass das Heide Volm zu seiner Zeit die Faschingshochburg war. Wir haben mit den Faschingskonzerten 1990 angefangen. Dann war plötzlich der zweite Golfkrieg und es hieß: da darf nicht gefeiert werden, wir haben Krieg. Nix da, haben wir uns gedacht. Das machen wir trotzdem. Man dürfte ja nie was machen, denn irgendwo herrscht immer Mord und Totschlag. Wir haben das dann durchgezogen und es ist gleich gut gelaufen. Jetzt, nach so langer Zeit bin ich schon ein bisschen traurig. Vermissen werde ich auch die guten Weißwürste und Brez’n, die uns der Heide immer spendiert hat (lacht). Aber der Fasching hat ja hier auch nicht mehr den Stellenwert.

Was bleibt besonders in Erinnerung?

Einfach der Spaß. Die Leute sind da immer gut dabei, singen mit. Wenn alle zu unserem Konzert in den großen Saal strömen, geht’s rund. Wir machen aber nicht groß was anders als sonst. Wir haben halt die Mitmach-Hits, die passen gut für Fasching. Ich hatte ja damals auch die Intention, in meinen Songs ein bisschen Gesellschaftskritik zu üben. Nicht, dass ich das forciert hätte, aber es hat sich eben so ergeben, dass mir Themen aufgefallen sind. Und das passt natürlich auch gut zum Fasching.

Sie sind seit Jahrzehnten im Musikbusiness. Wie hat sich das Geschäft verändert?

Mei, was in dieser Zeit alles passiert ist. Angefangen in Schwabing, im Memoland. Damals ist ja im Fasching eine Band ausgefallen. Wir haben gerade eine Demo-Kassette aufgenommen (lacht. „Ja, Kassetten gab es damals noch.“). Die hat der Memo wohl in die Hände gekriegt und wir wurden engagiert. Das war unser Start in München. Wir bekamen einen festen Tag. Georg Kostya hat uns dort entdeckt und uns empfohlen, dass wir bayerisch singen sollen. Nach einem Jahr haben wir unseren Produzenten Harald Steinhauer kennengelernt, der uns zu EMI gebracht hat. Zu der Zeit schwappte gerade die New Wave-Welle aus England herüber und auf einmal gab’s die Neue deutsche Welle. Auch wir sind da mit reingefallen – wehren uns auch nicht dagegen. Aber das hat eh nur ein paar Jahre gedauert, anschließend waren wir wieder eine bayerische Rock ’n’ Roll Band. Direkt einordnen konnte man uns eh nicht so recht.

Was waren die nächsten Schritte?

Dann kamen die Millionenerfolge. Heute ist ja kaum mehr vorstellbar, wie viele Platten wir verkauft haben. Eine tolle Zeit. Vom Schwabinger Club, der mit 150 Leuten überfüllt war, in die Westfalenhalle mit 15 000 Leuten – heftig. Aber im Gegensatz zu vielen NDW-Bands, die eher Studioprojekte waren, hatten wir Live-Erfahrung. Es war übrigens eine sehr kreative Zeit, aus der viel geblieben ist. Sicher, es war auch Nonsense dabei, aber textlich haben den auch die Beatles gemacht. Es war eine Ära, in der sich Leute was getraut haben. Das Minimalistische war schon gut.

Wie sieht es mit den technischen Veränderungen aus?

Man kann ja fast sagen, dass wir in einer archaischen Zeit angefangen haben. Mit unserem Transporter sind wir für unsere erste Platte nach Köln gefahren. Die Musikkonzerne waren früher ja riesig, mit großen Studios, eigenen Presswerken, Verwaltung. Im Studio haben wir unser Zeug aufgebaut und es ging los. Nicht anders als die Beatles damals auch. Wir arbeiteten allerdings schon 24-Spur-Aufnahmegeräten. Allein die rasante studiotechnische Entwicklung ist der Wahnsinn.

Auch die Menschen haben sich verändert.

Ja, die Leute haben sich damals noch Platten gekauft. Außerdem wurden super Cover gemacht, das war wirklich eine Kunst. Und wenn man sich eine Platte gekauft hat, war das ein richtiges Event. Du musstest 20 Mark hinlegen und dann bist du heim und hast die Platte von vorne bis hinten durchgehört. Und wieder... und wieder. Musik ist heute irgendwie ein Gebrauchsmedium geworden. Sie verschwindet schneller und ist wieder vergessen. Auch die Qualität, mit der die Leute Musik konsumieren, hat sich verändert. Heute existiert alles nebeneinander, der Stellenwert ist ein anderer. Musikalisch gibt es aber unverändert immer wieder fantastische Sachen. Die Songs haben ganz andere Strukturen, die ich teilweise gar nicht verstehe. Ich bin ja eher ein Old-school-Songwriter, Autodidakt. Eine weitere Veränderung ist, dass es Plattenverkäufe heute nicht mehr so gibt. Die Leute laden sich das Zeug runter. Früher hast du eine Tournee gemacht, um die Plattenverkäufe anzukurbeln. Platte – Tournee– Platte – Tournee. So war das bei uns. Und jetzt machen Bands ja eigentlich durch die Plattenverkäufe Werbung für eine Live-Tournee. Unser Glück war, dass wir keine Studio-Band waren. Als die Plattenverkäufe zurückgegangen sind, haben wir trotzdem immer noch unser Publikum gefunden. Auch wenn damals vereinzelt geschrieben wurde, ’Spider Murphy tingelt jetzt übers Land und durch die Bierzelte’. Wir haben immer unser Ding und uns nicht so viele Gedanken gemacht. Wir waren Musiker und wollten auch keine Popstars werden. Du machst das aus Spaß. Es begeistert dich, mit den Spezln Musik zu machen.

Gibt’s derzeit neue Projekte?

Ich arbeite ja schon länger an meiner zweiten Solo-LP. Das ist eine Art Hobby von mir, ein Ausgleich, weg von den Spiders. Man ist ja doch mit der Band in einer Schiene drin, und die Leute erwarten etwas von einem. Mit diesem Projekt bin ich ganz weg von den Spiders. Trotzdem: Ich bin immer noch Günther Sigl mit meinen Wurzeln. Ich habe mich nicht in der Musik neu erfunden. Die Wurzeln sind immer die traditionelle Musik. Blues, Country, Rhythm and Blues, aus dem der Rock ’n’ Roll entstanden ist. Ich kann in der Musik immer wieder etwas Neues entdecken und so viel Freude daran haben.

Hand aufs Herz. Macht’s ernsthaft immer noch Spaß?

Ja, ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen. Vorausgesetzt, ich bleibe gesund. Immerhin werde ich am 8. Februar 69. Meinen Geburtstag habe ich übrigens oft auch im Heide-Volm gefeiert.

Sie haben allerlei Musikgrößen getroffen. Wen hätten Sie gerne noch gesehen?

Bill Haley habe ich zum Beispiel verpasst. Das ärgert mich heute noch. Der hat damals im Schwabinger Bräu gespielt und ich glaube, wir hatten zeitgleich einen Gig. Kurz darauf ist er dann gestorben. Seine Band, die Comets, habe ich aber gesehen und eine Session mit ihnen gemacht. Die haben auch im Heide-Volm gespielt. Häufiger gesehen habe ich Chuck Berry. Der ist ja als Mensch nicht ganz einfach. Für mich ist er aber immer noch ein Idol. Meine erste LP war Chuck Berry live. Als Berry mal im Kongresssaal des Deutschen Museums gespielt hat, ist er nach 35 Minuten von der Bühne verschwunden. Es gab Tumulte, die Fans haben die Bühnenausfahrt blockiert. Mit seinem Fahrer ist er trotzdem durchgefahren und hat einige Fans auf die Motorhaube genommen.

Pflichtfrage: Gibt’s Rosis Nummer noch?

Wir haben die Nummer damals überprüft. Die musste sich ja auf acht reimen. 8-16-32. 32-16-8 wurde es dann – wegen des Reims am Schluss (just in diesem Moment klingelt Sigls Telefon.). In München hat es eine fünfstellige Nummer nicht gegeben. In mittleren Städten allerdings sehr wohl. In ganz Deutschland und im deutschsprachigen Raum. Einige Menschen hatten tatsächlich Telefonterror. Jugendliche haben sich einen Spaß daraus gemacht. Nach dem Motto: ’Komm, rufen wir mal bei der Rosi an.’ Eine ältere Frau im Heim hatte zum Beispiel die Nummer. Daraufhin haben uns viele Schreiben von Rechtsanwälten erreicht. Die Nummernänderungen haben wir dann bezahlt, Blumen geschickt und uns natürlich entschuldigt. Dass das so ein Hit wird und die zeitweise bekannteste Nummer Deutschlands, damit haben wir einfach nicht gerechnet.

Info

Die Kultparty im Heide-Volm steigt am Samstag, 6. Februar, ab 20 Uhr. Wer Günther Sigl gerne einmal solo erleben möchte: Am Sonntag, 6. März, ist er mit seinem Solo-Projekt „Habe die Ehre“ in der Iberl Bühne im Augustiner zu sehen.

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