"Ich habe ein Geschwader Schutzengel gehabt"

- Hans-Erdmann Schönbeck erinnert sich an Stalingrad

VON THOMAS STEINHARDT Gräfelfing - Tausende Kilometer von Zuhause entfernt, mitten in Krieg und Vernichtung, war der Mond über Stalingrad seine Brücke zur Heimat. "Ich habe mir immer vorgestellt, die zu Hause sehen den selben Mond, das war meine Verbindung", sagt Hans-Erdmann Schönbeck. Der damals 20-Jährige hat die Schlacht von Stalingrad überlebt, schwer verwundet. "Ich habe ein Geschwader Schutzengel gehabt", sagt der Gräfelfinger rund 60 Jahre danach.

22. Januar 1943: Mit zerfetztem Rücken und wegen einer Rückgratverletzung erblindet, liegt Schönbeck fiebernd auf der blanken Erde in einem Erdloch, nahe der letzten Rollbahn, die noch in deutscher Hand ist. Ein Kamerad hat ihm eine Pistole in die Hand gedrückt. Nicht zur Selbstverteidigung, sondern um für den Selbstmord gerüstet zu sein. Noch in dieser Nacht, so rechnet man, würde das Gelände an den Feind fallen. "Ich hatte immer geglaubt, wieder nach Hause zu kommen. Ich konnte nicht fassen, dass es so enden würde", sagt Schönbeck. Doch kurz vor Tagesanbruch landet ein Flugzeug.

Derselbe Kamerad, der Schönbeck die Pistole gegeben hat, trägt ihn in die Maschine. Es sollen nur mehr Soldaten mit Kopfverletzungen ausgeflogen werden. Weil er blind ist, gehört Schönbeck dazu.

Der 1,83 Meter große Panzeroffizier, abgemagert auf 45 Kilogramm, bemerkt von den Szenen, die sich um die Maschine abspielen, nichts. Er gehört zu den letzten, die aus dem Kessel ausgeflogen werden, wenige Stunden später wird auch dieses Rollfeld erobert. Schönbeck verbringt Monate in den verschiedensten Lazaretten, sieht, wie Kameraden ohne Betäubung Arme und Beine abgenommen werden. An seine Gedanken oder Gefühle kann er sich kaum erinnern. Auch als sein Augenlicht wiederkehrt, nimmt er das einfach nur zur Kenntnis. Erst als er zusammen mit seinem Vater, der ihn in einem Lazarett abgeholt hat, nach Breslau zurückkehrt und die Mutter mit einem Blumenstrauß am Bahnsteig steht, fällt alles von ihm ab. "Ich habe zwei Tage lang vor Erleichterung und Glück geweint", sagt der 80-Jährige heute. "Ich habe mich halb tot gefreut, überlebt zu haben."

Freiheit als höchster Wert

Stalingrad hat Schönbeck zwar nicht berühmt gemacht. Als Zeitzeuge wird er aber doch immer wieder in Fernsehshows eingeladen. Er war Berater bei den Dreharbeiten zu dem Film "Stalingrad", den er letztendlich für misslungen hält, gibt Interviews. "Krieg kann man nicht erzählen", hat Schönbeck einmal geschrieben. Trotzdem versucht er es immer wieder, wenigstens um seine Botschaft klarer werden zu lassen: "Jeder Krieg ist unsinnig, hat nur Negatives. Ich verstehe nicht, dass die Menschen so dumm sind und immer wieder Kriege führen." Freiheit ist für ihn zu einem Schlüsselbegriff geworden.

Der zweite Weltkrieg endete für Schönbeck in Berchtesgaden. Er war als nicht mehr fronttauglicher Soldat dem Führerhauptquartier zugeordnet worden und war mit dem Stab um Hitler zusammen, pendelte zwischen der "Wolfsschanze" und anderen Quartieren.

Er zeichnete Karten und erfuhr, dass Hitler von der Einkesselung der sechsten Armee frühzeitig gewusst hatte. Wieder sei die Wut hochgestiegen, berichtet Schönbeck - genau wie am Heiligen Abend in Stalingrad, als bei der so genannten Ringsendung die Soldaten Hitler verflucht hätten. Über einen Vorgesetzten sei er zur Gruppe um Graf Stauffenberg gekommen. "Da war ich aber nur ein kleines Licht. Ich hatte Angst, man könnte mich entdecken. Aber wieder hatte ich Glück."

Nach dem Krieg blieb Schönbeck in Bayern. Er machte Karriere. 1974 zog er - mittlerweile Vertriebsvorstand bei BMW - nach Gräfelfing. "Das ist meine Heimat geworden." (zum Thema s. auch S. 3)

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