Erst ein prüfender Blick: Wolfgang Stempfl, Geschäftsführer der Doemens-Brauakademie, verkostet in dieser Testrunde gerade fruchtig-saure Biere. foto: jürgen sauer

Internationaler Brauerei-Wettbewerb 

Ortsbesuch bei den Oscars der Bier-Branche

  • Sebastian Dorn
    vonSebastian Dorn
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Gräfelfing - 115 Bier-Sommeliers sind schwer beschäftigt. Sie küren in Gräfelfing die besten Biere der Welt. Ohne Vollrausch, sondern mit viel Sachverstand. Ein Ortsbesuch.

Biertrinken kann so unfassbar kompliziert sein. Stefi aus Tschechien schwenkt ihr Glas, riecht am Bierschaum, schwenkt wieder, schnuppert noch zwei Mal, runzelt die Stirn, riecht ein viertes Mal und nimmt dann endlich einen Schluck. Einen Mini-Schluck. Der trainierte Stammtischbruder hätte da seine Halbe wahrscheinlich schon zu Dreivierteln ausgetrunken und zumindest innerlich einen Wutanfall bekommen. Aber Stefi trinkt nicht zum Spaß. Sie ist Jurorin beim „European Beer Star“ des Verbands Private Brauereien, dem weltweit zweitgrößten Wettbewerb für die Brauwirtschaft. Da muss man genau sein.

115 Experten aus 27 Nationen

Stefi ist am Freitagmittag natürlich nicht allein in der Brauakademie Doemens in Gräfelfing. 115 Bierexperten aus 27 Nationen probieren hier zwei Tage lang 1957 verschiedene Biere in 55 Kategorien. Mit im Rennen sind das klassische Helle, wie man es vom Stammtisch kennt, aber auch Starkbier mit 40 Prozent Alkoholgehalt. Das schmeckt saugreißlig und hat mit Bier nicht mehr viel zu tun, sagt zumindest ein Jurymitglied. Aber alles hat seine Daseins-Berechtigung – und die Chance auf den „Beer Star Award“ in Bronze, Silber oder Gold.

Bei der Vielzahl der Sorten kann natürlich nicht jeder Juror jedes Bier probieren. Sie haben sich in 14 Gruppen aufgeteilt. In einem sitzt Hans Peter Drexler aus Kulmbach. Er und sieben Teammitglieder tragen gelbe T-Shirts, sitzen an einem langen Tisch und haben jeweils acht Gläser vor sich stehen. Welche Marke wo eingeschenkt ist, wissen sie bei der Blindverkostung natürlich nicht: Die Tester sehen für die Bewertung nur eine vierstellige Nummer, die mit Filzstift auf jedes Glas geschrieben ist.

Gerade läuft eine Zwischenrunde in der Kategorie 36, „Imperial Stout“. Aus acht dunklen Bieren mit sechs bis zehn Prozent Alkoholgehalt kommen vier in die Finalrunde. Braumeister Drexler, der privat eigentlich immer Weißbier trinkt, konzentriert sich auf das Dunkle. Auf einem rosa Zettel benotet er nach neun Kriterien – von der Farbe und dem Schaum bis zur Bitternote. Wichtig: Anders als Wein-Sommeliers spuckt er nicht aus, sondern schluckt runter. „Sonst erkennt man den Nachgang nicht“, sagt Drexler. Die Profis ziehen beim Trinken sogar mit der Nase Luft übers Bier. Das ist hochkompliziert und ungefähr so wie mit dem Weißwurschtzuzeln. Das kann man können, muss man aber nicht.

Hier ist Biertrinken ist eine Wissenschaft 

Zwischen den einzelnen Sorten trinken die Biertester einen Schluck Wasser und kauen ein Stückerl Knäckebrot oder Baguette. Zum Neutralisieren. Haben alle probiert, diskutieren die Jurymitglieder gemeinsam, welches Bier ins Finale kommen soll. Da geht es um „gut gebaute Körper“, „Vollmundigkeit“, „kompakten Schaum“ und „florale Noten“. Biertrinken ist hier eine echte Wissenschaft.

„My worst is number 6466“, sagt ein italienischer Juror. Er meint: Bier Nummer 6466 taugt überhaupt nichts. „Es schmeckt nur nach Hopfen.“ Die anderen stimmen zu. Überhaupt herrscht sehr oft großer Konsens, obwohl Geschmäcker bekanntlich so verschieden sind. Betrunken ist nach einer professionellen, ganztätigen Bierprobe übrigens niemand. „Über den Tag verteilt trinkt jeder vielleicht eineinhalb Mass“, sagt Alexander Herzog, der die Pressearbeit koordiniert. Aber begeistert, das sind die Teilnehmer immer.

Die Preisverleihung gibt’s heuer zum 12. Mal. Im November werden in Nürnberg die Sieger gekürt. In den vergangenen Jahren haben die deutschen Biere am besten abgeschnitten, dicht dahinter folgten die amerikanischen. Manche Brauer sagen, dass eine Auszeichnung für sie genauso bedeutend ist wie die Oscars für die Filmbranche. Obwohl es nicht um Glamour geht, sondern um Marketing. Ziel der Ausrichter ist laut Hauptgeschäftsführer Dr. Werner Gloßner, die Genussvielfalt von Bier in den Fokus der Verbraucher zu rücken. Davon würden besonders die kleinen, privat geführten Brauereien profitieren. Sie hätten oft „mehr Mut zum Experimentieren als große Brauereien, die auf gleichbleibenden Geschmack setzen“.

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