Ein Ironman lernt wieder laufen

- Ein halbes Jahr werde es dauern, bis er wieder arbeiten könne, sagen die Ärzte zu Oliver Brendel, als sie das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) diagnostizieren. Eine Zeitspanne, die für den 36-jährigen Gräfelfinger nicht in Frage kommt. Er schafft es in 65 Tagen.

Gräfelfing -Samstag trainiert Brendel immer am längsten. Auch am 31. März. Der zweifache Ironman bereitet sich gerade auf seinen dritten Extrem-Triathlon vor; der Ironman Austria soll am 8. Juli in Klagenfurt über die Bühne gehen. Brendel läuft 17 Kilometer. Seine schlechte Verfassung schiebt er auf Kohlehydratmangel. Er isst und fährt noch zwei Stunden Rad. Beim Fernsehen am Abend merkt er, dass Hände und Füße dauerhaft eingeschlafen sind. Am nächsten Morgen kann er den dreijährigen Sohn Jonas nicht mehr hochheben.

Seine Frau Ute fährt ihn sofort ins Klinikum Großhadern. Die Ärzte machen den ganzen Tag über Tests, Verdacht auf Schlaganfall. Zuletzt wird eine Lumbalpunktion durchgeführt und die entnommene Rückenmarksflüssigkeit untersucht. Der Arzt kommt mit "einer guten und einer schlechten Nachricht" zurück. Die gute sei, dass Brendel nicht sterben werde. Die schlechte, dass er an GBS, einer Entzündung der Nervenbahnen, erkrankt sei. Der Auslöser dürften Magen-Darm-Probleme in der Vorwoche gewesen sein.

Brendel erfährt, dass es zu Herzflimmern kommen kann und durch eine Lähmung der Lunge auch zu Atemstillstand. Ein Luftröhrenschnitt sei eventuell notwendig. Brendel bleibt im Klinikum, er weiß jetzt, dass er den Tiefpunkt noch nicht erreicht hat. "Man liegt da und betrachtet sich selber, wie man jeden Tag stärker gelähmt wird. Irgendwann kannst du gar nichts mehr machen." Geistig voll da, redet sich Brendel ein, dass die Arme bereits besser geworden sind. "Die Zeit, in der es immer schlechter wurde, war die schlimmste Zeit, die ich mir vorstellen kann. Dauernd sagte ich mir: Schlechter als jetzt kann’s dir nicht gehen."

Brendel erhält Immunglobuline per Infusion, fünf Tage lang. Er ist ein heulendes Häufchen Elend. Eines Nachts, als er gerade in einem Einzelzimmer untergebracht ist, kann er die Glocke nicht mehr betätigen, um die Schwester zu rufen, die ihm die Urinalflasche reichen soll. "Ich hätte auch in die Hose pinkeln können, aber das wollte ich auf keinen Fall. Man klammert sich sehr an diesen letzten Rest Menschenwürde." Also schreit Brendel, so laut es mit seiner heiseren Stimme geht, bis jemand kommt. Nach dieser Nacht hat er panische Angst im Dunkeln. Die Schwestern müssen die Tür offen lassen.

An Dutzende Monitore angeschlossen wird seine Vitalkapazität mit einem einfachen Röhrchen gemessen. Nase und Mundwinkel werden zugehalten, während Brendel pusten muss. 4,3 beträgt der Wert bei der Einlieferung, 2,1 beim schlechtesten Versuch.

Am 9. April ist auch noch das Gesicht gelähmt, die rechte Seite stärker als die linke. Brendel kann nicht mehr richtig schlucken. Er wird auf die neurologische Intensivstation verlegt, steht kurz vor der künstlichen Beatmung. Das bleibt ihm erspart, ebenso der Luftröhrenschnitt, was ihm später im Heilprozess Vorteile bringt. "Je länger du liegst und dich nicht bewegen kannst, desto länger brauchst du."

Es folgt die schlimmste Nacht: Nervliche Missempfindungen führen zu großen Schmerzen. Brendel hat das Gefühl, dass die Achillessehnen bis zum Zerreißen gespannt ist und seine Zehen mit aller Kraft nach hinten gebogen werden. Er kann mit seinen Augen sehen, dass der Fuß entspannt auf dem Laken liegt, aber das Gehirn glaubt den Nerven. In seiner Hochzeit nimmt Brendel 20 Tabletten täglich, fast alles Schmerzmittel.

Der zehnte Tag der Erkrankung ist der erste ohne Verschlechterung. Brendel kommt nach einer Nacht wieder weg von der Intensiv- auf eine Beobachtungsstation und nach sechs weiteren Tagen am 16. April in die Neurologische Rehabilitationsklinik nach Bad Aibling.

30 GBS-Patienten aus ganz Südbayern werden dort im Schnitt jährlich behandelt. Sie bleiben zwischen drei Monaten und einem Jahr. "Ziel ist, sie wieder gehfähig zu machen und mit ausreichender Möglichkeit, die Arme einzusetzen, zu entlassen", sagt Oberarzt Dr. Friedrich von Rosen.

"Sportler haben einen Vorteil dadurch, dass sie ihren Körper gut kennen und in der Therapie besonders motiviert und vernünftig dosiert mitarbeiten", so von Rosens Erfahrung. Sie begännen früh damit, Eigenübungen zu machen. Das Gehirn sei an Bewegungstraining gewöhnt. Brendel bescheinigt der Arzt, "dass der Verlauf tatsächlich besonders erfreulich war mit einer sehr schnellen Besserung der Lähmungen. Dennoch wird es noch viele Monate dauern, bis Leistungssport wieder sinnvoll ist."

Brendel muss mit 36 Jahren wieder lernen zu laufen, zu essen und die Arme zu bewegen. Er kommt auf die Frühreha-Station 21. Am ersten Tag stellen sich sämtlich Therapeuten vor. Brendel sagt: "Ich bin wahnsinnig froh, hier zu sein. Sie können mit mir machen, was Sie wollen. Ich mache jede Therapie mit, die es gibt."

Die Schlucktherapeutin setzt ihn auf passierte Kost. Die Physiotherapeutin vergibt Punkte: 44 sind der schlechteste mögliche Wert. Brendel erhält 43, er kann mit der linken Hand in einer unkoordinierten Bewegung den Mund erreichen. Die Arme kommen als erstes wieder, erst der linke. Brendel ist in der Lage, mit einem Löffel mit verdicktem Griff wieder selbst zu essen. Er trainiert die rechte Hand, bis das Glas mit Inhalt am Mund ankommt. Irgendwann darf er in den Speisesaal: "Wieder ein Stück Normalität."

Brendel fragt nach zusätzlichen Therapien: "Was kann mir helfen, dass ich schneller stehen kann?" Er hebt im Liegen das Becken, immer wieder. "Du hast ja nichts zu tun." Brendel will so schnell wie möglich raus. Er sieht, dass es Tischtennis als Anwendung gibt, und denkt sich: "Wenn ich einmal Tischtennis spiele, dann habe ich es geschafft."

Morgens um 9 Uhr beginnt die erste Anwendung. Bis 17 Uhr ist Brendel beschäftigt: Bewegungsübungen, Teilbäder mit CO2, die das Taubheitsgefühl in Händen und Füßen vertreiben sollen, Vier-Zellen-Bäder, in denen Strom durchs Wasser geleitet wird, damit sich die Nervenstrukturen wieder ordnen. Auch psychologische Gespräche: "Das Kranksein ist eine Riesenbelastung. Man freut sich wahnsinnig, darüber zu reden."

Seine Familie, die täglich in Großhadern war, kommt jetzt an den Wochenende und Feiertagen, wenn keine Therapien angesetzt sitzt. Brendel braucht Ablenkung: "Die Tage vergehen wie Kaugummi. Du fühlst dich wie im Gefängnis."

Der Gräfelfinger benutzt nacheinander vier Rollstühle. Der erste elektrische bringt ihm ein Gefühl von Freiheit: Er kann selbst in die Cafeteria fahren und ein Spezi trinken. "Ich habe das blöde Spezi kaum zum Mund bekommen, aber das war egal."

Nach vier Wochen in Bad Aibling kann Brendel wieder gehen. Erst mit Rollator, einer Gehhilfe, wie sie ältere Menschen benutzen, dann eigenständig. Anfangs etwas wacklig, nach einer Woche ganz normal. Er hat die größtmögliche Unabhängigkeit wiedergefunden.

Am 23. Mai darf er das erste Mal Tischtennis spielen, gegen einen arabischen Rollstuhlfahrer. "Ich hatte vergessen, dass ich total schlecht in Tischtennis bin", sagt Brendel. Am gleichen Tag fährt er mit seiner Physiotherapeutin fünf Minuten Rad nach Bad Aibling rein. Zwei Monate zuvor ist er 100, 150 Kilometer am Stück gefahren, jetzt ist er sofort erschöpft. "Mir fehlt es an Kraft."

Tags darauf ist Brendel von anfangs 43 bei null Punkten angekommen, am 25. Mai wird er entlassen. Die Füße sind noch taub, die kleinen Finger pelzig. Am Montag, 4. Juni, will Brendel zum ersten Mal wieder arbeiten, er ist Leitender Redakteur im Bereich Unterhaltung bei ProSieben.

"Für mich steht fest, dass ich wieder einen Ironman machen kann und machen möchte", sagt Brendel. "Das Beste ist wahrscheinlich, mich nicht an meinen Bestleistungen vor der Krankheit zu messen." Er will von vorne anfangen: Jede Zeit wird eine neue Bestzeit nach GBS sein.

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