Feldgeschworener im Einsatz: Eberhard Schupp setzt mithilfe einer Flex eine Abmarkung, ein so genanntes Meiselzeichen, am Bordsteinrand von einem Flurgrundstück in der Balthasar-Graf-Straße. foto: dagmar rutt

Kein Job für Stubenhocker

Neuried - In Neuried haben vier neue Feldgeschworene ihren Dienst angetreten.

Seit Jahrtausenden sind Grenzstreitigkeiten Ursache für Mord und Totschlag. Einschlägige Skandale zwischen Grundbesitzern verhandeln Richter beinahe seit Adam und Evas Zeiten. Umso wichtiger die Aufgabe von Feldgeschworenen, Grenzsteine punktgenau zu setzen und sorgfältig zu warten. Vier von ihnen haben sich kürzlich in Neuried vereidigen lassen.

„Feldgeschworene müssen zuverlässige und verschwiegene Persönlichkeiten sein“, bestätigt auch Dagmar Hasler vom Bauamt. Tatsächlich existiert seit Jahrhunderten das sogenannte Siebenergeheimnis. Die Schar der Feldgeschworenen zählte in früherer Zeit sieben Mitglieder. Damals wie heute dürfen sie nicht verraten, mit welchen Geheimzeichen sie Grenzsteine umgeben, um feststellen zu können, ob Marken nachträglich versetzt wurden.

Andreas Böll ist selbst vom Fach. Der gelernte Bauzeichner hantierte von Berufs wegen mit dem Messgerät. „Jetzt sitze ich als Mediengestalter im Büro“, sagt der 38-Jährige. „Da tut mir der körperliche Ausgleich gut.“ Für seine Gemeinde macht er sich ab jetzt nicht nur als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr nützlich. Zu den jüngeren Vertretern der Feldgeschworenen-Garde zählt auch Christian Fechtner, bekennender Outdoor-Mensch, der gern Tennis spielt. In Neuried wohnt der 43-Jährige seit über einem Jahr. „Als Feldgeschworener lerne ich die Gemeinde besser kennen“, dachte der Neubürger. Vor körperlichen Anforderungen war ihm nicht bang. „Ich habe auch im Gartenbau gearbeitet“, erzählt er.

Für Stubenhocker wäre die Aufgabe des Feldgeschworenen tatsächlich nicht geeignet. Aber auch, wenn sie physische Kräfte erfordert, dem Alter der Feldgeschworenen scheint erst mal keine Grenze gesetzt. Als Paradebeispiel dient Eberhard Schupp. Für den rüstigen Rentner erweisen sich langes Bücken, das Schleppen bis zu 15 Kilogramm schwerer Steine über mehrere hundert Meter oder Graben in harter Erde nicht als unüberwindliche Hürde. Kein Wunder, schließlich handelt es sich um den deutschen Seniorenmeister in Slalom, Riesen-Slalom und Super-G, der auch bei einschlägigen Weltmeisterschaften die Plätze zwei bis vier belegte, und außerdem erfolgreich den Neurieder TSV-Nachwuchs trainiert. „Ich habe in der Bürgerversammlung gehört, dass man Feldgeschworene sucht“, sagt der frühere Neurieder Schulhausmeister, der sich weiterhin in seiner Gemeinde einbringen will. In der Balthasar-Graf-Straße schleift Schupp mit dem Winkelschleifer ein V in die Steinfassung eines Wiesenstücks. Die genaue Ortsbestimmung des Grenzzeichens legt Regina Ernstperger vom Vermessungsamt Wolfratshausen mit dem Tachymeter fest. Sie ermittelt Winkel und Strecke mit Hilfe von Punkten, deren Koordinaten bereits bekannt sind. „Auf Straßen verwenden wir Nägel, auf Ackerflächen Stahlrohre als Markierungen“, erklärt die Vermessungsingenieurin.„Sie werden bis zu 50 Zentimeter tief vergraben.“

Im Ganzen kann Neuried regelmäßig auf die tatkräftige Unterstützung von insgesamt sechs Feldgeschworenen zählen. „Das macht pro Jahr und Kopf drei bis fünf Einsätze“, berichtet Hasler. Die Ehrenamtlichen erhalten als Aufwandsentschädigung eine Stundenvergütung von 16 Euro. Bewerber haben eine Reihe von Kriterien zu erfüllen, wie die deutsche Staatsangehörigkeit (seit neuestem sind auch EU-Bürger zugelassen) oder das Mindestalter von 21 Jahren. Sie müssen wahlberechtig und seit mindestens sechs Monaten im Ort ansässig sein.

Eine Vorbedingung, die Christian Degmayr von der Berufsfeuerwehr München mit links erfüllt. „Ich wohne zeitlebens in Neuried“, sagt er, alter Hase im Geschäft und einer der beiden Kollegen, die dem neuen Viererkleeblatt nach wie vor zur Seite stehen. „Ich kenne die Landwirte, weiß, wo ihre Feldgrenzen sind und welches Grundstück wo hingehört.“ Seine Mithilfe war überall gefragt, bei Grundstücksteilungen, beim Bau der Kreisstraße M 4 ebenso wie im Forstenrieder Park, beim Sportpark oder dem Neubauviertel an der Zugspitzstraße.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Reine Luft im Bürgerhaus Gräfelfing
Reine Luft im Bürgerhaus Gräfelfing
Premiere: Pfarrer spenden die Firmung
Premiere: Pfarrer spenden die Firmung
Die aktuelle Entwicklung im Würmtal
Die aktuelle Entwicklung im Würmtal

Kommentare