Kraillinger Doppelmord: „Verzweifelter Todeskampf“

München – Der Angeklagte schweigt weiter, aber die Indizien sind erdrückend. Am Tag zwei des Prozesses gegen Thomas S. präsentiert ein Sachverständiger zwei handfeste Beweise. Den mutmaßlichen Doppelmörder von Krailling lässt das offenbar kalt – jedenfalls auf den ersten Blick.

Wird er nervös? Thomas S., blaues Kurzarmhemd, helle Jeans, schwarze Schuhe, kratzt sich an der Lippe, blickt kurz ins Publikum, dann sofort wieder zum Richter. Dort stehen sie alle: der Staatsanwalt, sein Verteidiger, die Anwälte der Nebenkläger – und ein Sachverständiger vom Bayerischen Landeskriminalamt. Der hat gerade wichtiges Beweismaterial präsentiert: zwei Fingerabdrücke. Zweifelsohne stammten sie vom Angeklagten, sagt Peter Immerz.

Bilder: Mordprozess von Krailling

Thomas S., 51, starrt jetzt nur noch geradeaus. Die Menschen im Sitzungssaal A 101 des Landgerichts München II blicken sich an, eine ältere Dame raunt ihrem Mann zu: „Siehst Du. Der war’s doch!“ Es ist Tag zwei im Prozess gegen den mutmaßlichen Doppelmörder von Krailling. Und Sachverständiger Immerz ist der letzte Zeuge an diesem Mittwoch. Er trägt einen großen Ordner unterm Arm, als er hereinkommt – gleich, das ist klar, kommen die Details.

Details, die den Angeklagten schwer belasten sollen – die beweisen sollen, dass er am 24. März, mitten in der Nacht, in das Haus seiner Schwägerin Anette S. geschlichen ist und dort ihre beiden Töchter, Sharon, 11, und Chiara, 8, umgebracht hat. Die eigenen Nichten. Erwürgt, erschlagen, erstochen. Der Abdruck seines rechten Daumens sei auf einer Batterie aus einer Taschenlampe identifiziert worden, sagt Immerz. Die Taschenlampe hatten Beamte in der Maisonette-Wohnung von Anette S. nach der schrecklichen Tat sichergestellt. Ein weiterer Abdruck, diesmal vom linken Zeigefinger, fand sich nach Angaben des Sachverständigen auf der Rückseite eines Baumarkt-Kassenzettels für einen Strick. Mit diesem Strick soll der Täter die kleine Chiara gewürgt haben.

Mehr als 20 Minuten hatten Polizisten, Ärzte und Rettungssanitäter versucht, das Kind wiederzubeleben. Vergeblich. „Offenbar hat das Mädchen einen verzweifelten Todeskampf geführt“, sagte Notarzt Wolfgang Viehbeck vor Gericht. Sein linkes Ohr sei „richtig fragmentiert“ gewesen, lauter Schnittwunden. Der kleine Körper – ganz kalt. Bei der älteren Schwester Sharon soll schon zu diesem Zeitpunkt die Leichenstarre eingesetzt haben.

Während Viehbeck spricht, beugt sich der Angeklagte zu seinem Verteidiger vor und flüstert ihm etwas ins Ohr. Einige Zuhörer verlassen den Raum, vermutlich ertragen sie die Schilderungen der Polizisten und Sanitäter nicht. Immer wieder ist von „Blutlachen“ die Rede, von der verzweifelten Kinds-Mutter, die ganz hysterisch schreit: „Wer macht so etwas?“

Für die Anklage steht fest: der eigene Onkel – Thomas S., der selbst sechs Kinder hat, zwei davon aus seiner ersten Ehe. Der sich als „gesellig“ beschreibt und „fußballbegeistert“. Der auf den ersten Blick so schrecklich unauffällig wirkt. „Das kann man sich bei dem gar nicht vorstellen“, sagt eine junge Frau, die mittags die Gerichtsverhandlung verlässt. „Ich habe genug gehört für heute. Es ist furchtbar.“

Die Noch-Frau von Thomas S., Ursula, hat offenbar große Angst vor ihm. Dem Sender RTL sagte sie jetzt: „Wenn er jemals wieder auf freien Fuß kommt, habe ich immer den Gedanken, er bringt die Kinder wie auch mich um aus Rache.“ Thomas S. sitzt seit April in Untersuchungshaft.

Barbara Nazarewska

Rubriklistenbild: © dpa

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