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Thomas S. muss lebenslang ins Gefängnis

Urteil im Krailling-Mord: Zweifelsfrei schuldig

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München/Krailling - Er leugnet bis zuletzt, aber es hilft ihm nichts: Thomas S. muss für den Mord an seinen beiden Nichten Chiara, 8, und Sharon, 11, lebenslang in Haft. Der Täter zeigt keinerlei Emotion, dafür viel Häme.

Am Ende lügt er wieder. Als der Angeklagte das letzte Wort hat, als er eine letzte Chance bekommt, die Wahrheit zu sagen, da sagt er nur: „Mir wurde die DNA untergejubelt.“ Und dann starrt Thomas S., 51, trotzig den Vorsitzenden Richter an. Ermittler sollen sein Blut in der Wohnung an der Margaretenstraße in Krailling verteilt haben – nachträglich, um ihn reinzureiten. „Ich bin mir 100 Prozent sicher, dass ich meine Nichten nicht getötet habe.“

Eine Stunde später wird Thomas S. verurteilt: zweifacher Mord, lebenslang, mit besonderer Schwere der Schuld. „Es gibt keinen Zweifel an der Täterschaft des Angeklagten“, heißt es in der Urteilsbegründung. Thomas S., sechsfacher Vater, hat zwei Mädchen umgebracht. Heimtückisch und aus Habgier. Weil er pleite war, und weil sein Haus in Peißenberg vor der Zwangsversteigerung stand.

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Auch die Mutter seiner beiden Nichten, Sharon, 11, und Chiara, 8, wollte er töten. Anette S. musste beiseitegeräumt werden, damit seine Ehefrau Ursula, die Schwester von Anette S., erbt – und endlich die finanziellen Probleme gelöst sind. Thomas S., der Postbote mit einem Nettogehalt von rund 1400 Euro monatlich, lebte gern über seine Verhältnisse, aber irgendwann stand der Gerichtsvollzieher vor der Tür. Es gab keinen Schleichpfad mehr, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. Es gab nur eine Lösung: den Tod von Chiara, Sharon und Anette S.

„Er wusste, dass hier Vermögenswerte vorhanden waren“, sagt der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. Die Tat sollte wie ein erweiterter Suizid aussehen – nicht, dass der Verdacht des Mordes aufkomme. Ein perfider Plan, der schieflief. Weil Anette S. überlebte. Aber: „Ihr Lebensinhalt ist vernichtet worden“, sagt der Richter.

Thomas S. schüttelt nur den Kopf. Benimmt sich auch heute so wie an allen vergangenen Verhandlungstagen. „Ich war in dieser Nacht nicht in Krailling“, behauptet er stur. Dann lümmelt er sich auf die Anklagebank. Er grinst, hört gar nicht auf. Als der Richter beschreibt, wie Thomas S. die beiden Mädchen massakriert hat, bekommt man das Gefühl: Gleich lacht er laut los.

Die Menschen im Sitzungssaal A 101 des Landgerichts München II schütteln die Köpfe. Einige schluchzen, der ein oder andere Journalist legt sogar den Stift aus der Hand, um die vielen grausamen Details des Doppelmordes nicht aufschreiben zu müssen.

Thomas S., blaues Hemd, Jeans, Brille, sitzt mit verschränkten Armen auf seinem Platz, blättert in einem großen Ordner, der vor ihm liegt – und schüttelt den Kopf.

Bilder: Mordprozess von Krailling

Er erzählt viel an diesem Morgen. Eine gefühlte Ewigkeit macht er dort weiter, wo er rund zwei Wochen zuvor aufgehört hat: verhöhnt die Zeugen, wirft ihnen Falschaussage vor. Unterstellt den Ermittlern, sie hätten geschlampt. Redet sich in Rage, wirft sogar das Mikrofon vom Tisch, aus Versehen. Läuft rot an, seine Stimme wird höher und schriller, die Worte schießen aus seinem Mund wie Kugeln aus einem Maschinengewehr. „Halt doch endlich Dein Maul“, zischt ein junger Mann in der ersten Reihe.

Thomas S. sagt flapsig: „Wen interessiert schon bei der Staatsanwaltschaft die Wahrheit?“ Der Staatsanwalt wird später erklären, es sei „hanebüchen“, was Thomas S. von sich gegeben habe. „Man sitzt hier und hört sich das über Stunden an. Das ist derartig fabulös. Man müsste anfangen zu lachen, wenn es nicht so traurig wäre.“

Thomas S. bleibt bei seiner Version. Hält sich für unschuldig. Lässt von seinem Verteidiger acht Anträge stellen – alle lehnt der Richter ab. Über die „Unglaubwürdigkeit der Zeugen“ müsse das Gericht befinden, sagt er knapp, nicht der Angeklagte. Thomas S. schüttelt erneut den Kopf.

„Ich habe Sie beim letzten Mal aufgefordert, Verantwortung zu übernehmen“, sagt Nebenklage-Anwalt Andreas von Mariassy und schaut dem Angeklagten in die Augen. Von Mariassy vertritt den leiblichen Vater von Sharon und Chiara. Thomas S. zuckt mit den Schultern. Genauso gut könnte er sagen, das hier gehe ihn nichts an. „Stellen Sie sich der Verantwortung“, wiederholt Mariassy. „Heute ist nicht Schluss.“

Thomas S. wird in der Justizvollzugsanstalt Straubing viel Zeit haben, sich über seine Verantwortung Gedanken zu machen. Doch an diesem Tag wirft er Mariassy nur einen Satz hin: „Vermutlich wollten Sie an mein moralisches Verständnis appellieren.“

Das moralische Gewissen – sofern Thomas S. eines hat – sagt ihm nur eines: Die Zeugen in diesem Prozess lügen, und das auf seine Kosten.

Irgendwann bittet sein Verteidiger um eine Unterbrechung. Kurz davor hat er sich noch selbst schnell verteidigt, sich von seinem beratungsresistenten Mandanten distanziert: „Die Verteidigung hat nicht behauptet, dass hier manipuliert wurde“, sagt Adam Ahmed. Der Staatsanwalt nickt. Beim Plädoyer erklärt Ahmed überraschend: „Die Verteidigung wird ausnahmsweise keinen konkreten Antrag stellen. Sie hat Vertrauen in die Entscheidung des Gerichts.“

Es wäre absurd zu glauben, Ahmed hätte nicht geahnt, wie das Gericht entscheidet. „Die Beweislage spricht gegen ihn“, sagt er vor der Urteilsverkündung. Er meint mit „ihn“ Thomas S. „Wenn es zum Schuldspruch kommt, besteht kein Grund zur Schuldminderung.“

„Glauben Sie ihm?“, fragt eine TV-Journalistin. Ahmed antwortet: „Dazu möchte ich nichts sagen.“ Ehrlicher wäre gewesen: Thomas S. lügt. Aber er kommt damit nicht durch.

Thomas S. hat vermutlich wirklich geglaubt, dass er vor Gericht einen legendären Auftritt hinlegt. Das ist ihm gelungen – aber nicht so, wie er sich das gedacht hat. Bis zum Ende der Beweisaufnahme hatte er geschwiegen. Dann aber verteidigte er sich plötzlich. Wollte klarstellen, dass er nicht ein Doppelmörder sei. „Er hat versucht, seine eigene Einlassung dem Ermittlungsergebnis anzupassen“, sagt der Richter in der Urteilsbegründung. Thomas S., so scheint es, hielt sich für besonders schlau.

Nur: Wie soll man seine Aussage glaubwürdig hindrehen, wenn die Indizien so erdrückend sind wie Beweise?

Die Ermittler fanden DNA-Spuren von Thomas S. am Tatort – und an den Leichen der Kinder. Viele DNA-Spuren, eindeutige DNA-Spuren. Für die Staatsanwaltschaft stand von Anfang an fest, dass Thomas S. in der Nacht zum 24. März 2011 gegen Mitternacht von Peißenberg, wo er mit seiner Familie lebte, nach Krailling fuhr – direkt in die Margaretenstraße, um sich in die Wohnung seiner Schwägerin Anette S. zu schleichen.

Er wusste, dass ihre beiden Töchter längst schliefen – und dass die Mutter nur wenige Meter entfernt in der Kneipe ihres Lebensgefährten aushalf. Er ging in Chiaras Zimmer und würgte das Mädchen mit einem mitgebrachten Seil. Als er bemerkte, dass die ältere Sharon wach geworden war, passte er sie in der Wohnküche ab. Mit einer Hantelstange, die er dabeihatte, schlug er auf sie ein. Sharon wich aus, da schnappte sich Thomas S. ein herumliegendes Messer, stach wie von Sinnen zu – so oft und so stark, dass das Kind kurz darauf innerlich verblutete. Dann stieß er die Tür zur Chiaras Zimmer auf.

Die Kleine hatte versucht, sie zuzuhalten, hatte mitbekommen, was der Onkel mit ihrer Schwester gemacht hatte. Sie wollte ihr eigenes Leben retten – aber sie konnte nicht. Thomas S. zertrümmerte mit der Hantelstange ihren Schädel. Und dann, obwohl diese Verletzungen tödlich waren, stach er auf sie ein, mindestens elfmal. Chiaras Todeskampf kann man sich kaum vorstellen. Und man will es auch nicht.

Danach schleppte Thomas S. das sterbende Kind ein Stockwerk höher, ins Schlafzimmer der Mutter. Er drapierte das Mädchen aufs Bett; ähnlich machte er es unten mit Sharon. Anette S., die unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen wurde und verkleidet ins Gericht kam, soll später ausgesagt haben, sie habe das Gefühl gehabt, damit wollte ihr jemand „eine reinwürgen“.

Anette S. fand die Leichen ihrer Kinder gegen halb fünf Uhr morgens, als sie mit ihrem Lebensgefährten nach Hause kam. Sie schrie, sie weinte, sie wiegte die toten Mädchen in ihren Armen. Ihre Kleidung war danach voller Blut – dem Blut ihrer Kinder. 40 Stunden lang vernahm die Polizei Anette S., auch weil sie unter Verdacht stand. Sie ist Nebenklägerin im Prozess. Ihre Anwältin, Annette von Stetten, sagt, dass sie seit einem Jahr ein „vertrauensvolles“ Verhältnis zu Anette S. habe. Trotzdem kann die Mutter bis heute nichts über ihre Töchter erzählen. „Ich kenne nur eine Geschichte“, sagt von Stetten – und die hat ihr Klaus P. erzählt, der Lebensgefährte.

Es ist eine Geschichte, die vielen im Gerichtssaal Tränen in die Augen treibt. Klaus P. hat an seinem Arm eine Fischtätowierung, und je nachdem, wie er seinen Arm beugt, wird aus dem Fisch ein Hai oder ein Delfin. Chiara sagte immer wieder zu ihm: „Klaus, zeig’ mir den Delfin.“ Ja, Klaus P. soll die Mädchen wie seine eigenen Kinder geliebt haben.

Die Anwältin sagt: „Die häufigste Frage, die mir in diesem Verfahren gestellt wurde, ist: ,Wie geht es Anette?’ Wie es ihr geht? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wie es einer Frau geht, die so etwas erlebt hat.“ Eine Frau, die beide Kinder durch einen grausamen Mord verlor. „Aber ich weiß, dass die Antwort darauf nie wieder ,gut’ sein wird“, sagt sie.

Thomas S. starrt vor sich hin.

Von Barbara Nazarewska

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