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Kraillinger Firma streitet mit Tschechien ums Öl

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Auf dem Gelände der Viktoriagruppe lagert Öl in unterirdischen Tanks. Sie fassen 123 000 Kubikmeter.

Krailling - Tschechien hat Angst um einen Teil seiner Ölreserven – schuld ist ein Unternehmen aus Krailling.

Die „Viktoriagruppe AG“ bewahrt seit Jahren Millionen von Litern Diesel für den Nachbarn auf. Nun ist die Firma pleite. Frage: Wem gehört das Öl?

Das Gelände der Firma hat 230 Hektar und liegt mitten im Kreuzlinger Forst. Doch interessanter als die Oberfläche ist das, was sich darunter befindet: 32 Stahltanks, in denen Ölvorräte lagern. Nicht irgendwelche, sondern ein Teil der Notfallreserve Tschechiens. Angeblich sind es Millionen von Litern, auf die Bayerns Nachbar bei Versorgungsengpässen schnell zugreifen kann.

Schnell? Seit einiger Zeit ist sich Tschechien da nicht mehr so sicher. Denn die deutsche Betreiberfirma, der die 230 Hektar samt Tanks gehören, hat Insolvenz angemeldet. Das Verfahren um die „Viktoriagruppe AG“ läuft seit dem 1. Februar und liegt beim Amtsgericht Weilheim. Wie ein Sprecher sagte, wird im Zuge des Verfahrens besonders eine Frage zu klären sein: „Wem gehört das Öl“ – dem Land – oder der Firma?

In Tschechien schlägt der Streit gerade hohe Wellen. Denn der Insolvenzverwalter der Firma, der Münchner Rechtsanwalt Mirko Möllen, hält die Besitzverhältnisse für weniger eindeutig, als man meinen sollte. „Wir prüfen noch, ob der Diesel tatsächlich der tschechischen Republik gehört oder nicht“, sagte er unserer Zeitung. Bei der Begründung gibt sich Möllen einigermaßen verschlossen. Es handele sich um komplizierte Rechtsfragen. In jedem Fall sei er im Gespräch mit der tschechischen Rohstoffverwaltung SSHR. Die behauptet ihrerseits, sie habe Ende 2014 Unterlagen nach Deutschland geschickt, die Tschechiens Ansprüche beweisen.

Dass Staaten Erdölvorräte anlegen, ist keine Seltenheit. Deutschland etwa hat sich verpflichtet, dauerhaft so genannte strategische Ölreserven für mindestens 90 Tage vorzuhalten, um die Volkswirtschaft im Fall der Fälle am Laufen zu halten. Tschechien hat Reserven für 95 Tage. In Krailling soll nach Angaben eines SSHR-Sprechers Diesel für zwei Tage lagern. Dass sie seit 2010 in Oberbayern liegen, habe in erster Linie finanzielle Ursachen gehabt, sagt er. „Dort waren die Bedingungen besser.“

Der Behörde könnte das nun auf die Füße fallen. Im tschechischen Fernsehen sagte SSHR-Chef Pavel Svagr, seinem Land drohten wegen des Streits Verluste in Höhe von 54 Millionen Euro. Radio Prag zitiert Tschechiens Ministerpräsident Bohuslav Sobotka mit der Aussage, der Konflikt sei eine Belastung der deutsch-tschechischen Beziehungen. Am vergangenen Freitag suchte Sobotka das Gespräch mit dem deutschen Botschafter in Prag.

Für die Nachbarn ist dieser Fall beileibe keine Kleinigkeit. Sie sind froh, dass sie schon Ende 2014, als sich die Insolvenz der Viktoriagruppe abzeichnete, den Brennstoff aus den tschechischen Speichern der Firma verlagert hat – diesmal in Behälter eines staatlichen Betriebs.

Die Viktoriagruppe wollte sich gestern nicht äußern. Sie war schon in der Vergangenheit eher undurchsichtig aufgetreten. Zunächst saß die AG in München, bis sie 2009 das ehemalige IVG-Gelände erwerben konnte. Kurz nach dem Kauf sagte der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Christoph Hoenning, das Unternehmen verfüge über Eigenmittel in Höhe von 30 Millionen Euro. Wer aber hinter der Viktoriagruppe steckt, war nie ganz klar.

Nun geht es in die juristische Aufarbeitung des Falls. Möglich, dass sich im Vertragswerk von 2010 noch einige Ungereimtheiten finden. Ein Kuriosum: Dort ist nach Angaben des SSHR-Sprechers nicht geregelt, wie der Diesel im Notfall zurück nach Tschechien kommen soll.

Marcus Mäckler und Christine Novotny

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