Mit einem Großaufgebot rückte die Polizei Ende Juni 2019 an.
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Mit einem Großaufgebot rückte die Polizei Ende Juni 2019 an, als es, bedingt durch eine vorangegangene Hausdurchsuchung, zu einem Tumult in der Kraillinger Asylunterkunft kam.

Polizeieinsatz in Kraillinger Asylunterkunft

Bewährungsstrafe für ältere Schwester

22 Monate nach dem dreifachen Polizeieinsatz in der Kraillinger Asylunterkunft ist ein Urteil gefällt worden. Eine heute 25-jährige Afghanin bekam eine Bewährungsstrafe und muss den von ihr verursachten Schaden wiedergutmachen.

Krailling Am 27. Juni 2019 durchsuchten Polizeibeamte morgens um 6 Uhr die Kraillinger Containerunterkunft. Dabei drangen sie auch in das Zimmer der afghanischen Familie ein. Die jetzt wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung, tätlichem Angriff auf Vollstreckungsbeamte und versuchter Gefangenenbefreiung angeklagte junge Afghanin und ihre Mutter empfanden den unverhofften Beamtenbesuch vor allem deshalb als Ehrverletzung, weil sie noch nicht vollständig bekleidet waren.

Im Sitzungssaal des Starnberger Amtsgerichtes ließ der Verteidiger der jungen Frau durchblicken, dass die Zimmerdurchsuchung ohne jeden Anlass erfolgt sei. Die erschrockenen Frauen verständigten den Bruder der Angeklagten, der zu dem Zeitpunkt nicht vor Ort war. Als der 18-Jährige auftauchte, eskalierte die Situation. Der Sicherheitsdienst rief die Polizei, die zum zweiten Mal an dem Tag anrückte. Sie wollte den aufgebrachten Bruder ins Dienstfahrzeug verbringen. Um die Festnahme zu vereiteln, griff die Angeklagte spontan zu Boden und schleuderte den Polizisten Kieselsteine und eine Flasche entgegen. Die Kiesel prallten an der Schutzkleidung ab und die Glasflasche verfehle ihr Ziel. Lediglich zwei Streifenwagen wurden durch die Steinwürfe beschädigt. Der Sachschaden belief sich auf gut 5000 Euro.

Versuch, Festnahme zu verhindern

Laut Anklage versuchte die 25-Jährige zudem, die Festnahme ihres Bruders zu verhindern, indem sie sich in den Weg stellte. Ihre Mutter wurde im Tumult von den Polizisten weggeschleudert und brach sich dabei den Arm. „Sie war aufgebracht und laut. Hysterisch“, beschrieb ein Polizist im Zeugenstand das Verhalten der Angeklagten. „Es war eine absolute emotionale Ausnahmesituation. Meine Mandantin hat sich dazu hinreißen lassen, Steine vom Schotterfeld auf die Polizisten und eine Glasflasche in Richtung der Beamten zu werfen. Sie wusste nicht, was sie mit ihrer Wut machen kann, mit ihrer Verzweiflung. Dass man anlasslos eine Hausdurchsuchung macht“, so der Verteidiger.

Der Hausmeister der Kraillinger Einrichtung ließ auf die ihm seit 2016 bekannte afghanische Familie nichts kommen: „Aufrührer? Nein. Gar nichts. Null. Nur höflich und freundlich.“ Offenbar nahm der Vorfall die Angeklagte derart mit, dass sie psychosomatisch reagierte und eine Zeit lang unter einer halbseitigen Gesichtslähmung litt, die sich inzwischen wieder gebessert hat. Um eine Verurteilung kam die zierliche Frau dennoch nicht herum. Kraft Urteil von Richterin Karin Beuting wurde die verhängte zehnmonatige Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt. Bewährungsauflage ist die ratenweise Schadenswiedergutmachung. Damit hat die 25-Jährige bereits vor einem halben Jahr begonnen. „Werfen mit Steinen ist eine gefährliche Sache, da hätte auch was Schlimmes passieren können“, so die Amtsrichterin, die der Angeklagten zugute hielt, dass kein Polizist verletzt wurde. Die Bewährungszeit beträgt drei Jahre. „Ich finde zehn Monate ziemlich viel. Das arme Mädchen war so durch den Wind“, sagt Brigitte Söhne vom Helferkreis Asyl in Krailling.

Andere Ermittlungsverfahren eingestellt

Die Polizei war an jenem Tag ein drittes Mal angerückt – diesmal mit Großaufgebot, um die Situation zu beruhigen. Im Nachgang zu den Vorfällen wurden mehrere Ermittlungsverfahren angestrengt, unter anderem gegen den Polizisten, der für den gebrochenen Arm der Mutter verantwortlich gewesen sein soll. Das Verfahren wurde im Mai vergangenen Jahres „mangels Tatnachweis“, wie es damals von der Staatsanwaltschaft München II hieß, eingestellt. Neun Flüchtlinge, denen Landfriedensbruch, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung vorgeworfen wurde, mussten länger warten. Die Gruppe wurde verdächtigt, Steine geschmissen zu haben. Im vergangenen Sommer bekamen auch sie die Nachricht, dass ihr Verfahren eingestellt wurde.

Noch nicht abgeschlossen ist laut Söhne der Prozess gegen den Bruder. Die Familie wurde kurz nach dem Vorfall in eine andere Asylunterkunft verlegt.

Nilda Frangos und Nicole Kalenda

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