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Trabbi-Invasion im Kasernenhof: Nach dem Mauerfall wurden 173 DDR-Bürger vorübergehend in Krailling untergebracht.

30 Jahre Mauerfall

DDR-Bürger nehmen Pionierkaserne ein

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Die Mauer war erst seit einigen Stunden gefallen, als am Morgen des10. November 1989 die ersten DDR-Flüchtlinge das Würmtal erreichten. Insgesamt 173 DDR-Bürger fanden für die folgenden Wochen Unterschlupf in der Bundeswehr-Kaserne auf dem heutigen Gelände der KIM. Ein Rückblick anlässlich des Mauerfalls vor 30 Jahren.

Krailling– „Es war früh morgens um vier, halb fünf, als die ersten Trabbis auf unseren Hof gefahren kamen. Im Laufe des Tages wurden es immer mehr. Wir hatten gerade keine Reservisten in der Kaserne, sodass deren Räume frei waren“, erinnert sich Manfred Krieger, damals Truppen- und Versorgungsbeauftragter der Kraillinger Kaserne. Bald war der ganze Kasernenhof voller Trabbis

Die Männer und Frauen, Kinder, Senioren und Familien vor allem aus Dresden, Magdeburg und Halle hatten gleich am Abend des 9. Novembers 1989 die Gelegenheit genutzt, sofort nach der Maueröffnung die DDR zu verlassen. „Es wusste ja noch niemand sicher, ob die Grenzöffnung dauerhaft bleibt“, erinnert sich Krieger. „Unterwegs auf der Autobahn begegneten die Flüchtlinge dem Bayerischen Grenzschutzkommando Süd, das die Leute zu uns weiter verwies.“

In der Kaserne, die die Bundeswehr damals in Krailling unterhielt, waren zu der Zeit etwa 60 bis 70 Bundeswehr-Angehörige vor Ort. Krieger und andere kümmerten sich um die Unterbringung und Verpflegung der Flüchtlinge. Die DDR-Bürger waren in Stuben mit drei bis vier Betten untergebracht, Essen gab es aus der Kasernen-Küche. „Das klappte alles sehr gut, auch gerade die Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung war überwältigend“, erzählt Dieter Hager, der sich als damaliger 2. Bürgermeister Kraillings um die Flüchtlinge kümmerte. Die Bürger spendeten vor allem sehr viel Spielzeug für die Kinder, aber auch Kleidung und anderes. „Die Flüchtlinge waren dafür zum einen dankbar, zum anderen merkte man ihnen schon die Situation an, in der sie sich befanden, nachdem sie fast alles zurücklassen mussten und auf fremde Hilfe angewiesen waren“, erinnert sich Hager. Viele hatten kaum Geld. Das ausgegebene Begrüßungsgeld reichte für eine Familie nicht lange. „Insgesamt war die Begegnung mit den Leuten aus der DDR ein Gewinn“, sagt Hager.

In der Kaserne „begegneten und unterhielten sich Soldaten und Flüchtlinge natürlich. Insgesamt war das Verhältnis aber hauptsächlich arbeitsbedingt, was keineswegs negativ gemeint war. Beide Gruppen kamen nur natürlich aus verschiedenen Welten“, erzählt Manfred Krieger. Bei einem gemeinsamen Supermarktbesuch erkannten etwa einige DDR-Bürger Orangen und Bananen kaum. „Als sie die vielen verschiedenen Hundefutter sahen, sagten sie zu mir, euren Hunden geht es aber gut. Auch sonst waren sie von dem Angebot sehr beeindruckt.“ Ein Flüchtling bot Krieger einen Trabbi für 100 D-Mark zum Kauf an, was dieser aber ablehnte.

Bei anderen Punkten erfüllten sich die Vorstellungen der DDR-Bürger hingegen nicht: „Manche dachten, hier im Westen ist das Schlaraffenland was Wohnungen und Arbeitsplätze angeht. Die Suche danach gestaltete sich aber herausfordernd“, berichtet Krieger. Auch Dieter Hager und das Rathaus kümmerten sich darum, Arbeitsstellen und Unterkünfte zu finden. Viele Flüchtlinge kamen in Firmen im Würmtal und im Starnberger Raum unter, vor allem im handwerklichen Bereich. „Für die Flüchtlinge war es natürlich schon eine Umstellung, dass jetzt niemand mehr von oben alles bestimmte, sondern sie selbstständig arbeiten mussten“, erzählt Hager. Die Gemeinde Krailling stellte einen DDR-Bürger für den Bauhof ein. Nach und nach fand sich für die meisten der Leute etwas.

Nach einigen Wochen hatten alle Flüchtlinge die Kaserne wieder verlassen, und der normale Betrieb ging weiter, bis 1994 die Kaserne geschlossen wurde. „Insgesamt waren diese Wochen natürlich ein ganz besonderes und prägendes Erlebnis in meiner Bundeswehr-Laufbahn“, sagt Manfred Krieger.

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