+
Drehen, bohren, fräsen: Dieter Scharfenberg, hier an seiner alten Bohrmaschine von Alzmetall, geht in seiner Kraillinger Werkstatt dem Handwerk nach, das früher Dreher hieß. Was vollautomatische Maschinen nicht schaffen, fertigt der Meister als Einzelstück von Hand an.

Garagenwerkstatt

Dieser Meister hat den Dreh raus

Vertreter internationaler Unternehmen mit Rang und Namen gehen in einer unscheinbaren Kraillinger Garage ein und aus. Denn dort finden sie, was ihnen ihre modernen vollautomatisierten Industriemaschinen nicht liefern können.

KraillingIn der kleinen, vollgestellten Werkstatt riecht es nach Schmierfett und heißen Metallspänen. An den schweren alten Maschinen schafft ein Kraillinger Handwerker Spezialanfertigungen für Unternehmen mit Weltruf. Dieter Scharfenberg heißt der Mann mit dem weißen Haarschopf und dem grauen Vollbart. Der 73-Jährige, der so ganz im Verborgenen wirkt, übt einen Beruf aus, den es heute so nicht mehr gibt: Der Kraillinger ist Dreher, und zwar ein wahrlich meisterlicher – mit Brief und Siegel, einem Gespür und unendlich viel Erfahrung. Er fertigt Kolben, Muttern, Ventilaufsätze, Steuer-Zylinder, Verdampfer-Zylinder und vieles mehr aus Metallen wie Titan, Messing, Kupfer und Stahl sowie Kunststoff.

Was sich klein und bescheiden anhört, ist für moderne und leistungsfähige Geräte unverzichtbar. Seine Arbeiten wurden und werden, so sagt er, im Panzer Leopard II verbaut, im Kampfflugzeug Fiat G.91, in Rasenmähern der Firma John Deere und in Prüfstationen von Sony. Die Hendl vom „Wienerwald“ wären ohne seine Mitarbeit vielleicht nicht ganz so resch – die Scheiben seitlich der Hendl-dreher: sein Werk. Dass die Wassersportler bei den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 sauberes Wasser hatten, hat Dieter Scharfenberg mit zu verantworten. Er stellte damals die 650 Chlordosierstationen für die Firma Bayrol her – auch dies in seiner kleinen Werkstatt an der Margaretenstraße in Krailling.

Konzentration auf kleine Stückzahlen

In jüngster Zeit ist es ein wenig ruhiger um den Meister-Dreher geworden. Doch das bedeutet keineswegs, dass er sich zur Ruhe setzt. Der gebürtige Breslauer arbeitet weiter. Er konzentriert sich auf Aufträge mit kleinen Stückzahlen. „Da gibt’s noch Geld“, sagt er. Ein Kollege habe aufgehört zu arbeiten, ein halbes Jahr später sei er gestorben. Das soll Scharfenberg nicht passieren. „Am besten ist es, leise weiterzumachen.“ Und das macht er jetzt: „So lange meine Kunden zu mir halten.“

Wenn Scharfenberg an den Sonderanfertigungen arbeitet, dann sagt er: „Ich geh’ meinem Hobby nach.“ Er bezeichnet sich als Zulieferer. Und obgleich seine Maschinen lärmtechnisch nicht zu unterschätzen sind und er auch nicht auf den Mund gefallen ist, arbeitet er im Stillen. „Sony hat mich über die Gelben Seiten gefunden“, erklärt er. Werbung macht er nicht. Im Branchenbuch ist er als Dreher zu finden. Stolz verweist er auf seinen Meisterbrief, den er in seiner Werkstatt aufgehängt hat.

Viele Dreher gibt es heute nicht mehr. Der Beruf ist, wenn man so will, von gestern. Der stehe nicht einmal mehr in der Handwerksordnung, erläutert Scharfenberg. Und etwas verächtlich ergänzt er: „Heute heißt das Zerspanungstechniker. Das sind alles so hochtrabende Namen.“

Held des ehrbaren Handwerks

Außer dem Branchenbuch verhelfen ihm Kollegen zu Aufträgen. Sie empfehlen ihn, und er empfiehlt sie. „Ich mache das, was zur Tür reinschaut“, erklärt er. Wenn er etwas nicht machen könne, verweise er an sein Netzwerk. Er weiß, wem er etwas zu verdanken hat. So auch seiner Mutter, seiner Frau, seinem Sohn, seiner Tochter und seinen Freunden. Alle haben schon bei ihm in der kleinen Werkstatt mit angepackt. „Sonst hätte ich die großen Aufträge gar nicht stemmen können“, sagt er anerkennend.

Heute sind die Aufträge kleiner und das Leben ist ruhiger geworden. Heute kommt er in seine Werkstatt, wenn er fertig gefrühstückt hat. Und über Mittag geht er zum Essen nach Hause und gönnt sich einen Mittagsschlaf, bevor er sich wieder seinem Hobby widmet. Als stiller, weitgehend unbekannter Held seines ehrbaren Handwerks.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Planegg leistet sich weiter Eiswunder
Die Kunsteisfläche, die Winter für Winter am Feodor-Lynen-Gymnasium installiert wird, hat Planegg in der vergangenen Saison knapp 142 000 Euro gekostet. Diesen Luxus …
Planegg leistet sich weiter Eiswunder
Für immer Augustiner
Bruder Christian hat sich entschieden – für das Leben in der Gemeinschaft der Augustiner. Der 37-jährige Doktor der katholischen Theologie legt am Samstag die feierliche …
Für immer Augustiner
Wirte wütend: „Die reinste Schikane“
Er zählt zu den bayerischen Traditionsgerichten und ist fester Bestandteil jeder Brotzeit: der Obazde. Eine neue Verordnung der EU könnte das ändern. Wer die …
Wirte wütend: „Die reinste Schikane“
Alle Logos ausgetauscht
Die Umwandlung ist abgeschlossen: Alle sechs Würmtaler Tengelmann-Filialen wurden in den vergangenen Wochen zu Edeka-Märkten. Als Letzter war am Mittwoch der Supermarkt …
Alle Logos ausgetauscht

Kommentare