Pionierübungsgelände

Krailling investiert in ein Natur-Refugium

  • Victoria Strachwitz
    VonVictoria Strachwitz
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Das Kraillinger Pionierübungsgelände ist ein Schatz. Forscher untersuchen die Stimmen der Vögel, Naturschützer und Gemeinde kümmern sich um seltene Arten. Jetzt wird noch ein Zahn zugelegt.

Krailling – Ganz versteckt gibt es im Kreuzlinger Forst wunderbare Flussauen. Das sehr seltene Wald-Wiesenvögelchen, eine Schmetterlingsart, fühlt sich dort wohl. Genauso der Kreuz-Enzian und eine Vielzahl besonders seltener, vom Aussterben bedrohter Pflanzen und Tiere. Das Einzige was fehlt, ist der Fluss. Denn auf dem ehemaligen Pionierübungsgelände in Krailling gibt es nur dessen Auen. „Man tut so, als ob das ein Überschwemmungsgebiet ist“, erklärt Horst Guckelsberger vom Landesbund für Vogelschutz (LBV). Ganz weit hergeholt sei das nicht. In der Eiszeit sei die Gegend schließlich Überschwemmungsgebiet gewesen.

Dass es im Kreuzlinger Forst heute wieder Flussauen gibt, ist der Bundeswehr zu verdanken. Sie versetzte die Fläche durch intensive Nutzung in seinen ursprünglichen Zustand. Mit Panzern verdichtete sie den Boden und weil sie aus Brandschutzgründen den Oberboden entfernte, kam dort Kies zum Vorschein. Zahlreiche Tiere und Pflanzen freuten sich über diese selten gewordenen Lebensbedingungen.

Schneisen eingerichtet

Seit rund drei Jahrzehnten ist die Bundeswehr weg. Die Gemeinde Krailling, der Bund, Förster und der Landesbund für Vogelschutz kümmern sich seitdem um das Gelände. „Wir versuchen, die Qualität zu erhalten – aber ohne Panzer“, erklärt Guckelsberger. Sie mähen, entbuschen, lichten aus, schaffen Flugschneisen für Schmetterlinge und fahren, falls nötig, Wasser zu den Teichen. Jetzt wurden die Kernflächen als landesweit bedeutsam eingestuft. Was als verlassener Bundeswehrstandort begann, ist jetzt ein vielfältiger Biotopverbund. Die jahrelange Arbeit hat sich gelohnt – und geht nun richtig los.

In seiner jüngsten Sitzung beschloss der Kraillinger Gemeinderat, die bisherigen Bemühungen noch zu intensivieren . „Da ist schon viel getan, aber es geht immer mehr“, sagt Umweltreferentin Verena Texier-Ast. Das Gelände sowie das benachbarte Tanklager werden jetzt ein BayernNetzNatur-Projekt und damit Teil von Bayerns landesweitem Biotopverbund. Ein externes Projektmanagement soll mit einer Bestandsaufnahme betraut werden und Verbesserungsvorschläge liefern. „Es geht um Nachhaltigkeit und die Schaffung von Biodiversität“, erklärt Verena Texier-Ast. Was die Gemeinde bisher in die Pflege des Geländes investierte, sagt die Umweltreferentin nicht. „Über Kosten reden wir nicht.“

Krailling investiert

Für das BayernNetzNatur-Projekt liegen jetzt aber Zahlen auf dem Tisch. Die Gemeinde will dafür in den kommenden fünf Jahren (2022 bis 2026) jährlich mindestens 3335 Euro investieren – für die Basismaßnahmen, so Verena Texier-Ast. Zusätzlich hat sich der Landkreis Starnberg verpflichtet, jährlich 29 568 Euro bereitzustellen. Die Beträge kommen der Entwicklung von Flächen zugute, die sich in Besitz der Gemeinde, des Bundes und der G1 Krailling Real Estate GmbH, also dem Tanklager, befinden.

Enge Zusammenarbeit

Wie viel im Sinne der seltenen Pflanzen und Tiere bislang erreicht wurde, begutachtete Ast erst am vergangenen Dienstag wieder. Zwei Mal im Jahr findet eine Begehung der federführenden Akteure statt, um zu sehen, wie Flora und Fauna sich entwickeln. Jetzt stand die Herbstbegehung an. „Das ist eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit“, freut sich Texier-Ast. Guckelsberger gerät ins Schwärmen, wenn er auf die Fläche zu sprechen kommt. „Wo gibt es heute noch Kiesflächen außerhalb von Kiesgruben“, sagt er. Tiere, die sonst in Überschwemmungsgebieten Zuhause sind, schätzten diese sehr. Die Schlingnatter beispielsweise sei angewiesen auf kiesige kahle Flächen, die Blauflügelige Ödlandschrecke ist auf extrem trockenen kalkhaltigen Böden Zuhause. „Der Kreuz-Enzian hat sich besonders schön entwickelt“, findet Guckelsberger. „Der ist in den vergangenen Jahren geradezu explodiert. Da sind wir sehr stolz darauf – und verwundert.“ Immerhin sehen die Flächen auf denen sich diese Pflanze wohlfühlt, nicht besonders attraktiv aus.

Und das ist an anderer Stelle auch ein Problem: „Auf Schotterflächen meint jeder, dass er herummaschieren darf, wie er mag“. Das taugt Guckelsberger nicht, aber bevor er viel schimpft, schwärmt er lieber weiter. Mit dem Kreuz-Enzian habe sich ein Schmetterling eingefunden, der sonst auf der Roten Liste steht: Der Kreuzenzian-Ameisenbläuling. Dieser sei auf eine ganz seltene Ameisenart angewiesen, da seine Raupen in deren Bau überwintern. „Das ist eine spannende Symbiose.“ Es tut sich also einiges auf dem Gelände.

Der Dialekt von Vögeln

Neuerdings sind dort auch noch Forscher der Technischen Universität München unterwegs. Sie untersuchen den Dialekt von Vögeln. Man könnte sagen, „eine bayerische Amsel klingt anders als eine sächsische Amsel“, erklärt Verena Texier-Ast. Seit einem Jahr zeichnen die Forscher deshalb Vogelstimmen auf. Sie haben rund zehn Nistkästen aufgebaut und verlängern damit die Liste derer, die sich auf dem Gelände um Flora und Fauna kümmern. Damit der Schatz den sie alle mit vereinten Kräften pflegen, zunehmend wertvoller wird, sind viele Helfer von Nöten. Texier-Ast vergisst nicht, sie zu erwähnen: „Es sind sehr, sehr viele Ehrenamtliche, die sich da kümmern.“

Horst Guckelsberger ist einer von ihnen. Er erwidert das Lob: „Was die Gemeinde macht, ist hervorragend.“ Für die Zukunft wünscht sich Guckelsberger aber ein Besucherlenkkonzept für Spaziergänger, Radler und Reiter. Einen derart vielfältigen Biotopverbund gebe es in der Region nicht noch einmal. Und: „Der Besucherdruck ist ein Problem, wenn die Leute kreuz und quer über das Gelände laufen.“ Im Rahmen des BayernNetzNatur-Projekts könnte sein Wunsch in nicht allzu ferner Zukunft in Erfüllung gehen.

Herbstbegehung des ehemaliges Pioniergeländes:.(v.li.) Stefan Schilling, Alexander Kampmeier, Norbert Kandler, Günther Paschek, Christoph Jäger, Horst Guckelsberger, Franz Wimmer, Verena Texier-Ast und Michael Maiblüh begutachteten, wie sich Flora und Fauna entwickelt haben.

Rubriklistenbild: © Michael Schönwälder

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