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Rund 4000 Schellackplatten nennt Walter Erpf sein Eigen. Hinzu kommen 12 000 Originalarrangements für Orchester und 3500 für Klavier und Gesang sowie eine Sammlung von Grammophonen.

Serie „Sammler im Würmtal“

Walter Erpf: Fasziniert von einer Epoche des Aufbruchs

Schönes oder Kurioses: In Würmtaler Wohnzimmern und Kellern finden sich allerlei Sammlungen. Wir stellen einige Sammler und ihre geliebten Objekte vor.

Krailling – Das Musikstück „Mein kleiner grüner Kaktus“ der legendären Comedian Harmonists, verewigt auf einer Schellackplatte, ist einer der jüngsten Schätze, die Walter Erpf sein Eigen nennen kann. Entdeckt vor kurzem in einem Keller eines Gräfelfinger Hauses, hat diese besondere Scheibe den Weg zu Sammler Erpf nach Krailling gefunden. „Sie wurde mir mit anderen Platten geschenkt“, erzählt Erpf. Es gebe nicht mehr viele von diesen Aufnahmen. Andere Liebhaber dieses speziellen Tonträgers und der Musik der 1920er- und 1930er-Jahre würden viel Geld für den „kleinen grünen Kaktus“ bezahlen, weiß der Experte. Momentan erhielte man im Internet an die 1500 Euro dafür. Eine stolze Summe für eine gepresste Platte, die gerade mal etwas mehr als drei Minuten Spielzeit pro Seite bietet. Aber Walter Erpf kann das Geld nicht locken: „Die behalte ich.“ Das Sammlerherz des passionierten Musikers und Klavierlehrers frohlockt da viel zu sehr über diese entdeckte Rarität.

Seine ersten Schellackplatten bekam Walter Erpf von seinem Vater, der in überschaubarem Rahmen an die 60 Scheiben anhäufte. Vorwiegend die Unterhaltungsmusik der Comedian Harmonists, dem international bekannten Berliner Vokalensemble der Jahre 1927 bis 1935. „Die hatte er, als ich klein war, auf Tonband überspielt und uns während unserer vielen Urlaubsfahrten zum Bodensee hoch und runter vorgespielt.“ So inhalierte Walter Erpf quasi das Lebensgefühl der „Roaring Twenties“ – der goldenen 1920er- und 1930er-Jahre, einer Blütezeit der deutschen Kunst und Kultur – von Kindesbeinen an. Heute gehören ihm an die 4000 Schellackplatten.

Es sei die Faszination jener Epoche – eine entschleunigte und gleichzeitig wahnsinnig turbulente Zeit – die ihn nicht mehr loslasse. „Die kulturellen Möglichkeiten haben sich damals über die Grenzen vernetzt“, erläutert er. Den 1920er- und 1930er-Jahren sei der Aufbruch aus der strengen Kaiserzeit immanent gewesen, so der Sammler weiter. Alles hätte nur so gesprudelt: Es kamen neue Jazzbands über den Großen Teich aus Amerika, und alle halbe Jahr tanzte die wilde Gesellschaft einen neuen Tanz wie den Shimmy, den Charleston oder den Black Bottom. Auch die Mode – vom schicken Bubikopf bei den Damen bis zu den viel kürzeren Kleidern – wurde sehr viel freizügiger.

Walter Erpf ist jedoch kein Sammler, der seine Errungenschaften unter Verschluss hält. Man kann ihn beispielsweise buchen für Vorträge über die Geschichte der Comedian Harmonists. Oder für solche „über das Schicksal von Komponisten, Textern und Interpreten der sogenannten ,leichten Muse’, die in den 1920er- und 1930er-Jahren bekannte Publikumslieblinge waren und die wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum von den Nazis verfolgt wurden“. Ein Thema, das Erpf sehr wichtig ist.

In seinem Keller – im ehemaligen Schwimmbad des Hauses – stehen viele Ordner, angefüllt mit Informationen, die die Lebenswege dieser Künstler minutiös belegen. Aber nicht nur diese und sein Klavier für die Unterrichtsstunden findet man hier. Der bald 60-Jährige besitzt auch noch 12 000 Originalarrangements für Orchester und 3500 für Klavier und Gesang, unzählige Druck-Erzeugnisse und Werbeplakate aus jener Zeit, Kleider wie etwa ein Ballkleid aus Wien von 1926, Möbel sowie Musikinstrumente. Erpf zeigt ein Schlagzeug, gebaut 1927. All diese Devotionalien fanden des Öfteren schon den Weg in Ausstellungen, die Erpf selbst kuratierte. Sein besonderer Stolz gilt den mittlerweile 25 Grammophonen. Diese in Gang zu setzen, gleicht einer Zeremonie, und ihnen zu lauschen, versetzt den Zuhörer im Handumdrehen ins vorige Jahrhundert.

Sammeln und Bewahren ist jedoch nur die eine Seite seiner Leidenschaft. Die andere: diese leichte, oft süffisant-anmutende Musik zu Gehör bringen. Mit Mitte 20 gründete der Kraillinger bereits das Ballhausorchester „La Rose Rouge“, mit dem er erst kürzlich im Planegger Kupferhaus mit bekannter Schlager- und Tanzmusik der 1920er- und 1930er-Jahre auftrat.

Carolin Högel

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