Leben in einem Denkmal

Gräfelfing - Barbara Slamal lebt in der Gräfelfinger Stadler-Villa - und hat sich damit einen Lebenstraum erfüllt.

Wenn Barbara Slamal morgens aufsteht, lässt sie sich Zeit. „Ich liebe mein langes intensives Frühstück“, sagt sie. „Seit ich im Ruhestand bin, kann ich mir das leisten.“ Wie die Gräfelfingerin kultivieren viele Rentner die gemütliche Morgenstunde. Kaum einer wird dabei allerdings in einem Erker Platz nehmen, der im Neo-Renaissance-Stil prunkt, einen Schuss Rokoko inklusive oder auch eine Prise Jugendstil. In einer Kuschelnische mit postmoderner Sitzecke auf dem Holzpodest, ausgeschmückt mit der farbenfrohen Darstellung allegorischer Figuren in ebenso unbekümmerter Stilmelange. Kaum einer wird seinen ersten Schluck Kaffee genießen mit Blick auf ein Kreuzgratgewölbe der Hallendecke in drei Meter Höhe. Gar nicht zu reden vom Blickfang gegenüber, dem mit Ornamenten dekorierten Kamin aus Granit. Oder der mit einem Aufsatz bekrönten Zimmertüre aus geschwungenen, mit bunten Motiven verzierten Holzelementen.

Kaum einer - Barbara Slamal schon. Die ehemalige Niederbayern-Referentin im Landesamt für Denkmalspflege hat sich einen ganz besonderen Wohnsitz ausgesucht. Einen passenden. Sie lebt im Erdgeschoss einer denkmalgeschützten Villa. „Seit 1997 bin ich hier“, erzählt sie, eine Dame so zierlich wie wetterfest. Sie strahlt und man nimmt ihr sofort ab, dass sich mit dem Umzug nach Gräfelfing ein Lebenstraum erfüllte. Ein ganz besonderes Mieterdasein. Die 110 Jahre alte Stadler-Villa in der Steinkirchner Straße, turm- und zinnenbewehrte Burg, hatte die Architektin von jeher im Blick. 1903 erbaut vom Betreiber der Gräfelfinger Terraingesellschaft, dem Architekten Ludwig Stadler, blieb sie bis heute im Besitz der Familie. Die Erben leben in Italien.

Wohnen in einem Gemäuer mit 50 Zentimeter dicken Wänden ist allerdings nichts für Weicheier. Die Halle im Erdgeschoß wäre theoretisch zwar beheizbar, ist es praktisch aber nicht. „Das Öl schmilzt geradezu und die Wärme zieht nach oben“, erzählt die Bewohnerin. Während sich zentralheizungsverwöhnte Gäste hier über eine Daunenjacke freuen, kann Barbara Slamal über einen Slogan wie „Hilfe, ich wohne in einem Denkmal“ nur lächeln. Obwohl die kühle Luft, die durch die geöffnete Haustür dringt, sogar als Warm empfunden wird. „Ich bin glücklich, hier zu leben“, lautet vielmehr die Devise. Die Optik gibt ihr Recht. Nicht nur die Eingangshalle macht Eindruck. „Sie diente repräsentativen Zwecken“, vermutet die Bewohnerin, „gleichzeitig hat man früher billig gebaut. Das ist ein Widerspruch dieser Zeit.“

Die Wohnräume auf den Etagen sind nicht eben groß, genügten aber den Ansprüchen der bürgerlichen Mittelschichtsklientel. Auch die Bedürfnisse der aktuellen Mieterin stellen sich eher bescheiden dar. „Ich komme aus dem Denkmalsschutzamt, da würde ich bestimmte Dinge gar nicht erwarten“, meint sie. Zum Beispiel elektrische Leitungen unter Putz. Aber die Elektrik im Obergeschoss müsste auf jeden Fall saniert werden. „Ich wäre auch bereit, es hinzuzumieten und bei angemessenem Mietpreis instand setzen zu lassen. Aber die Erben sind sich nicht einig.“ Sorgen macht ihr auch die fehlende Doppeltür zur verglasten Veranda, den Boden hat sie in Eigenregie reparieren lassen. „Aber irgendwann ist Schluss.“ Die Veranda nutzt sie als Atelier, sie malt.

Das Leben im Denkmal ein Abenteuer? Beim Rundgang bis hinauf ins intime Turmzimmerchen, mitten durchs begehbare Schrankzimmer, heimst das alte Haus auch bei Außenstehenden zunehmend Sympathiepunkte ein. Der Streifzug vorbei am Kachelofen mit oktogonalem reliefverzierten Aufsatz, vorbei an Holzpaneelwänden, der Blick auf den uralten Buchenbestand im Garten überzeugt. „Das Haus ist ein Problemfall“, gibt seine Bewohnerin unumwunden zu. „Aber ich liebe es.“

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