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Blitzlichtgewitter: Als der Angeklagte Thomas S. am Dienstagvormittag den Sitzungssaal A 101 des Landgerichts München II betritt, wird er schon von Kameraleuten und Fotografen erwartet.

„Manchmal möchte man nur laut schreien“

  • Barbara Nazarewska
    vonBarbara Nazarewska
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München – Der doppelte Kindermord von Krailling – wie soll man ihn erklären? Der Staatsanwalt sieht Heimtücke und Habgier als Motiv. Der mutmaßliche Täter Thomas S. steht jetzt vor Gericht. Beim Prozessauftakt gehen die Emotionen hoch. Der Angeklagte bleibt kühl.

Er schweigt. Dann lächelt er, immer wieder. Die Fotografen drücken auf die Auslöser ihrer Kameras. Thomas S., hellblaue Jeans, graues Sweatshirt, schwarze Turnschuhe, verschränkt die Arme und starrt sie an. „Ich bin der Stärkste im Hof“ – das hat er als Kind oft gesagt. Jetzt tut er so, als sei auch das Landgericht München II seine Bühne. Mir kann keiner was? Diesmal irrt er sich, wenn er das denkt.

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Es ist 9.56 Uhr, Dienstagmorgen, als der 51-Jährige den Sitzungssaal A 101 betritt. Die Zuschauer, die Journalisten: Sie alle haben auf den Postboten aus Peißenberg im Kreis Weilheim-Schongau gewartet. Er sieht jetzt anders aus als bei seiner Festnahme im vergangenen April: Die Locken sind ab, kein Bart, der Mann ist schmaler geworden. „Der war’s doch sicher“, zischt eine ältere Dame ihrer Sitznachbarin zu. „Mein Mandant macht keine Angaben – weder zur Person noch zur Sache“, sagt sein Anwalt Adam Ahmed. Er hat schon den Mörder von Modezar Rudolph Moshammer verteidigt.

Bilder: Mordprozess von Krailling

Bilder: Mordprozess von Krailling

Die unfassbare Tat von Krailling – wie soll man sie erklären?

Zwei wehrlose Mädchen soll Thomas S. am 24. März getötet haben. Sharon, 11, und Chiara, 8. Seine Nichten – erwürgt, erstochen, erschlagen. „Heimtückisch und aus Habgier“, heißt es in der Anklageschrift: weil Thomas S. pleite war. Und weil das Haus, in dem er mit seiner Frau Ursula und den vier gemeinsamen Kindern wohnte, vor der Zwangsversteigerung stand. Seine Schwägerin habe der Mann auch töten wollen: damit seine Frau alles erbt – Ursula S. ist die einzige Schwester von Anette S., der Mutter von Sharon und Chiara. „Um zu vermeiden, dass ein Verdacht auf ihn fällt, plante der Angeklagte, die Tötung seiner Nichten und seiner Schwägerin als erweiterten Suizid zu tarnen“, sagt Staatsanwalt Florian Gliwitzky. Die Menschen im Saal schütteln den Kopf. Thomas S. trommelt mit den Fingern seiner rechten Hand auf den Tisch.

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Sein perfider Plan, wenn es ihn gab, geht jedoch schief. Anette S., die Schwägerin, die in jener Nacht gleich ums Eck in der Kneipe ihres Lebensgefährten aushilft, kommt nicht wie gewohnt gegen 2 Uhr heim, sondern erst kurz vor 5 Uhr – zusammen mit ihrem Lebensgefährten. Sie entdeckt die Leichen ihrer Töchter, bricht zusammen. Der Täter ist da längst weg. Geflohen – aus Angst, entdeckt zu werden.

Der Lebensgefährte ruft die Polizei: „Kommen Sie schnell. In die Margaretenstraße, zu Anette S. Ihre beiden Kinder wurden getötet. Eines lebt vielleicht noch.“ Im Hintergrund hören die Beamten die Schreie der verzweifelten Mutter.

Vier Minuten nach dem Anruf treffen sie ein. Zwei Beamte, beide erst Mitte 20. Sie kommen von einer Geschwindigkeitskontrolle. Die Polizistin springt aus dem Wagen, läuft in das gelbe Mehrfamilienhaus, zückt ihre Dienstwaffe – vielleicht ist der Täter noch da? Auf der Treppe, die zur Wohnung der Familie im ersten Stock führt, kommt ihr Anette S. entgegen – mit blutverschmierten Händen: „Meine Kinder sterben, meine Kinder sind tot. Tun Sie was!“, schreit sie.

Sharon liegt am Boden, im Zimmer ihrer kleinen Schwester Chiara, sie trägt nur einen grauen Slip, aus ihren Wunden läuft noch Blut – und das Stunden nach der Tat. Fünfmal soll der Täter auf das Kind eingestochen haben. Die Lunge, das Herz – zerfetzt. „Sharon verstarb durch massiven Blutverlust nach innen“, steht in der Anklageschrift. „Ich versuche, das jetzt objektiv zu sagen“, betont ein junger Polizist in der Verhandlung am Dienstag. Zusammen mit seiner Kollegin war er als Erster am Tatort eingetroffen. „Aber manchmal möchte man nur laut schreien.“

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Alle wollen Thomas S. sehen

In den frühen Morgenstunden des 24. März läuft er vom ersten Stock ins Dachgeschoss der Maisonette-Wohnung. Dorthin, ins Schlafzimmer von Anette S., hatte der Mörder Chiara geschleift. Sie liegt in einer Blutlache, der Beamte versucht das Mädchen wiederzubeleben – per Herz-Druck-Massage. Doch bei jedem Druck fließt nur noch mehr Blut aus dem kleinen Körper. „Man hat gehört, wie die Luft aus den Einstichen entwichen ist.“ Chiara ist tot, sie starb durch „massive Gewalteinwirkung gegen Hals, Kopf und Oberkörper“, sagt der Staatsanwalt. Als ihre Mutter sie entdeckt, hat sie noch einen Strick um den Hals. Anette S. reißt den Strick herunter. Überall in der Wohnung – Blut.

Der junge Polizist, der das Mädchen wiederbeleben will, gibt irgendwann auf. Es ist dunkel im Dachgeschoss – und er fragt sich plötzlich: Versteckt sich hier noch der Täter? Der mutmaßliche Mörder ist aber zu diesem Zeitpunkt offenbar längst in der Arbeit – bei der Post in Feldafing nahe Starnberg.

Die Mutter der getöteten Mädchen sitzt in der Wohnküche, wird verhört. „Meine Kinder sind tot. Wer macht so was?“, fragt sie die Beamten immer wieder. Auf dem Esstisch liegt ein verbogenes Messer. Die Tatwaffe – das wird die Spurensicherung später feststellen. Sie wird auch den Strick finden, mit dem Chiara gewürgt wurde, und eine Hantel, mit der Thomas S. auf Sharon eingeschlagen haben soll – bevor er zu einem Messer griff. Die Klinge: 12 Zentimeter.

Krailling: Zwei Bäume für Sharon und Chiara

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Während Staatsanwalt Gliwitzky die mehr als drei DIN-A4-Seiten lange Anklageschrift verliest, blicken die Zuschauer immer wieder zu Boden. Manche reiben sich die Augen. Die Details – sie sind so grauenhaft, so unglaublich. „Der Mann muss geisteskrank sein“, wird später ein Prozessbeobachter sagen. „Ich bin selbst Vater – ich verstehe nicht, wie man so etwas tun kann.“ Thomas S. ist sechsfacher Vater; er hat noch zwei Kinder aus seiner ersten Ehe.

Als Fotos vom Tatort an die Wand geworfen werden, schauen viele weg. Die bunten Wände, an denen Bilder und Zeichnungen hängen, das Kinderspielzeug, die Kinderbücher, die Kinderkleider – das wirkt so friedlich, so voller Leben. Und dann dieser Doppelmord. Die Blutspuren überall.

Thomas S., der Angeklagte, er starrt auch an die Wand. Blickt in jedes virtuelle Zimmer der Maisonette-Wohnung von Anette S., seiner Schwägerin. Niemand im Sitzungssaal kann ihm dabei ins Gesicht schauen, er hat den Menschen den Rücken zugedreht. Erinnert er sich jetzt womöglich an die Tatnacht?

Die Matratzen der Kinder, sagt eine Beamtin von der Spurensicherung, seien feucht gewesen. Und sie hätten leicht nach Urin gerochen. Die Mädchen haben Todesängste durchlebt in jener Nacht. „Das will man sich nicht vorstellen“, flüstert ein junger Mann. Dann blickt er zu Thomas S., der regungslos hinter seinem Anwalt sitzt und sich hin und wieder Notizen macht.

„Der Angeklagte hat eine gute Gedächtnisleistung und berichtet flüssig“, sagt Gutachter Henning Saß, Professor für Forensische Psychiatrie, über Thomas S. Ende Mai hatte Saß den mutmaßlichen Doppelmörder in der Justizvollzugsanstalt Straubing „exploriert“, wie es im Fachjargon heißt – sechs, sieben Stunden lang. Thomas S. habe sich „kooperativ am Gespräch beteiligt“.

Saß erzählt viel über Thomas S. Wie er zum Beispiel als junger Mann nach Griechenland auswandern wollte – und nach einem Tag wieder umkehrte. Wie er eine Depression vortäuschte, um bei der Bundeswehr ausgemustert zu werden. Oder wie er zu studieren begann, dreimal – und stets abbrach. Thomas S., der gelernte Feinmechaniker, der seine Fachhochschulreife nachmachte und hoch hinauswollte – er scheiterte jedes Mal. Auch seine Selbstständigkeit floppte, sein Teppichgeschäft lief nicht gut. Zuletzt arbeitete er als Postbote, viele Jahre lang. Er sei unterfordert gewesen, aber immerhin habe er viel Freizeit gehabt, erzählte er Saß. Dienstschluss zehn, halb elf.

Die Lebertransplantation seines Sohnes Peter? Die Brustkrebserkrankung seiner Frau Ursula? Das habe die Familie gepackt, sagte er Saß: Man sei gut klargekommen. Aber irgendwann fehlte Geld, viel Geld. Und dann muss Thomas S. einen teuflischen Plan geschmiedet haben – glaubt die Staatsanwaltschaft.

Von Barbara Nazarewska und Angela Walser

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