Polizisten schildern schreckliche Details

Krailling/München - Beamte der Polizei Planegg haben zum Prozessauftakt um den Mord an den Schwestern Chiara und Sharon als Zeugen ausgesagt. In schrecklichen Details beschrieben sie die Szenerie am Tatort in der Kraillinger Margaretenstraße.

Es ist der 24. März 2011. In der Polizeiinspektion 46 in Planegg klingelt um 4.45 Uhr das Telefon. Thomas Muck (40), wachhabender Beamter an diesem Morgen, nimmt den Hörer ab. Am Apparat ist Klaus P., Wirt des Schabernack und Freund von Annette S., der Mutter der Mädchen. „Die Kinder wurden umgebracht, eines lebt vielleicht noch. Kommen sie schnell.“ Im Hintergrund hört Thomas Muck „verzweifeltes Schreien“ einer Frau, wie er vor Gericht aussagt. Er notiert sich die Adresse, verständigt eine Streife, die gerade in Neuried Geschwindigkeitsmessungen durchführt, und beordert sie nach Krailling. An Bord des Streifenwagens sind Maureen Wagener (27) und ihr Kollege Christoph Büchele (28), beide Kollegen aus der Wache in Planegg.

Büchele zittert vor Gericht die Stimme, als er auf dem Zeugenstuhl Platz nimmt und den Einsatz nacherzählt. Vier Minuten benötigen die beiden jungen Polizisten bis zur Margaretenstraße 20. Sie wissen von ihrem Vorgesetzten Muck, dass zwei Kinder tot oder schwerverletzt sind. Vor dem Haus steht Klaus P. und wartet auf die Streife. Er sieht das Blaulicht und rennt sofort Richtung Haus zurück, Maureen Wagener springt aus dem Auto und läuft ihm hinterher. Büchele setzt noch einen Funkspruch ab. Maureen Wagener überholt Klaus P. und betritt das Haus. Es geht eine Treppe hinauf, rechts flackert Licht. Das Wohnzimmer. Die Polizistin zieht ihre Dienstwaffe, der Täter könnte noch im Haus sein. Auf einmal stürzt eine Frau aus einem Zimmer am Ende des Wohnzimmers. Es ist Anette S., ihre Hände sind blutverschmiert. „Meine Kinder sterben, tun sie etwas“, schreit sie. Wagener läuft in den dunklen Raum, es ist ein Kinderzimmer. Am Boden liegt Sharon, nur mit einem Slip bekleidet. Wagener holt kurz Luft, bevor sie fortfährt. Im Gericht ist kein Mucks zu hören. „Das Mädchen lag auf dem Boden, ich sah mehrere Stichwunden in der Brust“, berichtet Wagener. Sharon, elf Jahre alt, liegt in einer Blutlache und atmet nicht mehr.

Sekunden später ist Christoph Büchele in der Wohnung. Er stimmt sich kurz mit seiner Kollegin ab und läuft die Treppe nach oben in das Schlafzimmer von Anette S.. Es ist stockdunkel, Büchele tastet sich vor, leuchtet mit seiner Taschenlampe. Im Obergeschoss findet er auf dem Boden Chiara (8), ebenfalls in einer Lache aus Blut. Neben dem Mädchen liegt ein Seil. Es ist vermutlich eine von drei Tatwaffen neben einer Hantelstange und einem Messer. Klaus P. und Anette S. stehen im Wohnzimmer. Während Klaus P. laut Polizei gefasst wirkt, ist S. abwechselnd in sich gekehrt und aufgebracht. Büchele und Wagener besprechen sich kurz, dann beginnt Büchele mit Wiederbelebungsversuchen bei Sharon. Sie hat keinen Puls, ist aber noch etwas warm. Zehn Minuten lang kämpft der 27-Jährige um das Leben der Gymnasiastin. Doch sobald er Luft in ihre Lunge bläst, strömt Blut aus den Wunden in der Brust. Der Notarzt erklärt Sharon wenig später für tot, ebenso Chiara, um die sich Sanitäter und herbeigerufene Polizeibeamte kümmern.

Immer mehr Polizisten und Einsatzkräfte betreten das Haus in der Margaretenstraße. Der Kriminaldauerdienst beginnt mit der Spurensicherung. Paulus und Anette S. dürfen sich nicht vom Wohnzimmertisch wegbewegen, ordnet die Polizei an. Es sollen keine Spuren vernichtet werden. Weil Beamte bei Paulus und S., die im nahegelegenen Schabernack gewesen waren, Alkoholgeruch wahrnehmen, soll ein Test durchgeführt werden. Paulus ist aufgebracht und weigert sich. „Er fühlte sich in die Ecke gedrängt“, sagt Büchele. Die Mutter der toten Mädchen ist kooperativ. Sie hat ein Promille. Paulus beruhigt sich bald darauf wieder. Noch am Wohnzimmertisch befragt die Polizei das Paar nach möglichen Tätern. „Wir haben keine Feinde“, sagt S.. Der Name ihres Schwagers, der vor Gericht unbeeindruckt den Schilderungen der Planegger Polizisten lauscht, fällt nicht. Eineinhalb Stunden lang befragt das Gericht die Planegger Beamten, ehe sie entlassen werden. Heute wird der Prozess fortgesetzt. Der bestialische Mord hat die Polizisten emotional stark mitgenommen. Das wollen die Beamten nicht verhehlen. Büchele geht die Erinnerung an den 24. März 2011 besonders nahe: „Manchmal ist es schwierig, die richtigen Worte zu finden, manchmal möchte man nur laut schreien.“

Rubriklistenbild: © dpa

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