Wie Daniel Schmitz, der keiner Kirchengemeinde angehört, kehren viele Menschen im Würmtal der Kirche den Rücken zu. In Gräfelfing beispielsweise war die Zahl der Austritte 2014 knapp 50 Prozent höher als im Vorjahr. Foto: dagmar rutt

Mehr Kirchenaustritte im Würmtal

Würmtal - Gut gemeint, schlecht kommuniziert. So erklären sich Würmtaler Kirchenvertreter die vielen Austritte nach der Änderung bei der Steuererhebung.

Skandale sind die üblichen Unheilbringer. Der verschwenderische Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, Missbräuche, Vertuschungen. Das bescherte der Katholischen und der Evangelischen Kirche bislang die Austritte. Die Kirche hänge in der Vergangenheit fest, wird ihr gerne vorgeworfen, auch das kostet sie Mitglieder. Jetzt ist die Kirche in der Moderne angekommen, zumindest im Hinblick auf die Erhebung der Kirchensteuer.

Seit 2015 führen die Banken die Kirchensteuer auf Kapitalerträge direkt über die Finanzämter an die entsprechende Kirche ab. Und schon hagelt es Austritte. Insgesamt 563 Mitglieder haben sich im vergangenen Jahr von der Katholischen und der Evangelischen Kirche im Würmtal verabschiedet, nachdem die Banken ihre Kunden über die neue Art der Erhebung unterrichtet hatten. Das ist rekordverdächtig.

Allein in Gräfelfing waren es 2014 insgesamt 145 Austritte. Zum Vergleich: 2013 waren es noch 97. „Die vielen Austritte kamen wegen der neuen Art der Steuererhebung zustande“, heißt es im dortigen Standesamt klar. In Neuried waren es 2014 84, zuvor 63 Austritt, in Krailling 76, zuvor 54. In Gauting hat sich wenig getan, dort waren es im letzten Jahr 150 und im Jahr davor 145 Austritte. In Planegg summiert sich die Zahl der Austritte im vergangen Jahr auf 108. „2014 sind es ein bisschen mehr gewesen als 2013“, sagt Standesbeamtin Manuela Fischer.

Neu war für sie, dass nun auch ältere Menschen der Kirche den Rücken kehrten. „Im Alter von 70 Jahren hatten wir das bislang selten“, erklärt die Beamtin. „Die wollen nicht auch noch Kirchensteuer zahlen, auf das, was ihnen noch bleibt“, hätten ihr die Bürger erklärt. Auch Stefan Banner vom Gautinger Standesamt kann bestätigen, dass vermehrt ältere Menschen austreten.

Pfarrer Bernhard Liess von der Evangelischen Waldkirche Planegg, die auch für Gräfelfing und Krailling zuständig ist, zeigt sich frustriert über das offenkundige, gleichwohl folgenschwere Missverständnis. Es habe sich ja nichts geändert: „Die Banken haben mit Briefen Sorgen geweckt, und das hat man möglicherweise nicht abgesehen“, sagt er. „Es zahlt ja jetzt keiner mehr Kirchensteuer, das ist alles Unsinn.“ Der Geistliche fragt sich angesichts dieser Entwicklung, ob die Änderung der Erhebung nötig gewesen sei (siehe auch Interview unten).

Auch Gräfelfings katholischer Pfarrer Anton Schönauer vermutet die Steuer als Urheber der vermehrten Austritte. „Wenn ich mit der Kirche schon ein bisschen ein Problem habe, braucht nur noch ein kleiner Stoß zu kommen, und die Entscheidung ist gefallen“, meint er. Und die Kirchensteuer sei eben für viele ein Reizthema.

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