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Der Morgen des 24. März 2011: Ein Beamter der Spurensicherung baut im Hof vor dem Mordhaus die „SceneCam“ auf.

Aufnahmen für die Ewigkeit

Krailling/München - Die Beteiligten am Prozess um den Kraillinger Doppelmord konnten sich jetzt anhand einer Videoprojektion ein Bild vom Tatort machen. Bei der Spurensicherung war modernste Technik zum Einsatz gekommen.

Er wirkt die meiste Zeit über unbeteiligt, ein paar Mal greift er zum Stift und notiert sich etwas, dann flüstert er seinem Anwalt einige Worte zu. Zu dem Vorwurf, er habe seine beiden Nichten Chiara und Sharon grausam ermordet, sagt Thomas S. nichts. Er macht von seinem Recht Gebrauch, zu schweigen. Für das Schwurgericht, bestehend aus drei Berufsrichtern und zwei Schöffen, eine höchst unangenehme Situation. Denn wer einen Menschen aufgrund von Indizien lebenslang ins Gefängnis schickt, muss von seiner Schuld voll überzeugt sein, Restzweifel darf es de jure nicht geben. Die Ergebnisse der Forensiker und Ermittler werden deshalb entscheidend für das Urteil sein – sofern der Angeklagte nicht wider Erwarten ein Geständnis ablegt.

Die Experten hatten nur wenige Stunden nach der Bluttat mit der Sicherung der Spuren am Tatort begonnen. Beamte des Polizeipräsidiums München fanden und katalogisierten in dem gelben Haus an der Margaretenstraße über 800 Spuren und 200 als tatrelevant eingeschätzte Beweisstücke, unter anderem eine Kurzhantel, ein Seil und ein Messer. Die Staatsanwaltschaft ist der Überzeugung, dass es sich um die Mordwerkzeuge von Thomas S. handelt.

Die Prozessbeteiligten konnten sich am Dienstag anhand einer Videoprojektion ein genaues Bild vom Tatort machen. Eine Beamtin der Spurensicherung präsentierte Aufnahmen der so genannten „SceneCam“. Die hochmoderne, 120 000 Euro teure Kamera ist mit einem Fischaugenobjektiv ausgestattet. Sie dreht sich innerhalb von vier Minuten einmal um die eigene Achse und liefert dabei in 1,5 Millionen Einzelschnitten ein hochauflösendes 360-Grad-Panoramabild des Tatorts. Dank dieser Technik können Räume noch Jahrzehnte später bis in den letzten Winkel betrachtet werden – im Original-Zustand nach einem Verbrechen. Kein Detail entgeht der Kamera, die mit starken Scheinwerfern ausgestattet ist, die selbst bei völliger Dunkelheit große Räume oder ganze Höfe bis hinauf in den vierten Stock in gleißendes Licht tauchen können. Elf vollsphärische Aufnahmen fertigte die Spurensicherung an, damit waren jeder Raum und jedes Durchgangszimmer des Hauses für die Ewigkeit gespeichert. Die Bilder waren am Morgen des 24. März angefertigt worden, wenige Stunden nach den Morden.

Zwei Stunden lang betrachtete das Gericht am Dienstag die Bilder der „SceneCam“. Im Schlafzimmer der Mutter und dem Kinderzimmer von Chiara waren auf dem Parkettboden großflächige rote Flecken zu sehen – dort verbluteten die Kinder. Im ganzen Haus fanden sich laut Spurensicherung „Bluteintragungen“, das ist der forensische Fachbegriff für Blutspuren. Auf einigen Wänden fanden sich gar blutige Handabdrücke. Ob sie vom Täter oder von Ersthelfern stammen, behielt die Beamtin der Spurensicherung vorerst für sich. Auch die mit Wasser gefüllte Badewanne wurde gezeigt, daneben liegend ein eingesteckter Handmixer. Wollte Thomas S. hier seine Schwägerin mit einem Stromschlag töten? Dies ist jedenfalls die Vermutung der Staatsanwaltschaft. Sie will während der nächsten Prozesstage weitere Indizien präsentieren, die Thomas S. belasten. Der Angeklagte nimmt die Aufnahmen im Haus seiner Schwägerin ohne erkenntliche Gefühlsregung zur Kenntnis. So hartgesotten sind viele der Zuschauer nicht. Als die Blutlachen in Schlaf- und Kinderzimmer gezeigt werden, wenden sie sich ab.

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