Zahl der Wohnungssuchenden steigt

Obdachlos im wohlhabenden Würmtal

49 erwachsene Obdachlose leben derzeit im wohlhabenden Würmtal, dazu kommen 16 Kinder. Vor allem wegen Eigenbedarfskündigungen sowie ungerechtfertigten Rauswürfen durch Vermieter landen viele auf der Straße.

Würmtal– 17 Obdachlose leben derzeit etwa in der Planegger Notunterkunft an der Pasinger Straße 25, 13 in der Kraillinger Notunterkunft an der Gautinger Straße. „Insgesamt gibt es in den letzten Jahren eine Zunahme an Obdachlosen, insbesondere aufgrund von zugewanderten EU-Bürgern, die aktuell überwiegend die Risikogruppe sind“, sagt Tanja Fees von der Arbeiterwohlfahrt (AWO), die im Auftrag der Gemeinden Obdachlose im Würmtal betreut. Die zugewanderten Bürger „lassen sich auf Vermieter ein, die sie zu horrenden Mieten in untragbaren Verhältnissen wohnen lassen. Können die Betroffenen die Miete nicht mehr bezahlen, landen sie unmittelbar auf der Straße“, erzählt Fees.

Tanja Fees hilft den Betroffenen unter anderem, ihre finanzielle Situation zu klären, begleitet sie bei Behördengängen, betreut die Suche nach einer Wohnung, das Erstellen von Bewerbungsunterlagen, die Suche nach einem Job und das Schreiben von Haushaltsplänen. „Eigentlich gibt es nichts, bei dem ich die Betroffenen nicht unterstütze“, sagt Fees. „Mein Eindruck dabei ist, dass so gut wie alle Betroffenen dankbar sind, wenn es einen Ansprechpartner vor Ort gibt. Ein erster Kontakt ist meist ziemlich schnell hergestellt, wenn die Beratung direkt in der Unterkunft stattfindet.“ Die Sozialarbeiterin ist dafür pro Woche 16 Stunden in Planegg, vier Stunden in Neuried, fünf Stunden in Krailling und sechs Stunden in Gräfelfing tätig. Noch 2016 kümmerte sich Tanja Fees im Würmtal nur um insgesamt 27 Menschen, 2017 schon um 46 Betroffene und dieses Jahr bereits um 65 Obdachlose. Dies hängt damit zusammen, dass die Koordinatorin in Neuried erst seit 2017 und in Krailling seit diesem Jahr aktiv ist. „Es gab aber auch abgesehen davon eine deutliche Zunahme“, sagt Tanja Fees.

20 Frauen und 29 Männer sind derzeit im Würmtal obdachlos. Das Durchschnittsalter liegt bei 42 Jahren, die Spanne reicht neben den Kindern von 16 bis 86 Jahren. Die durchschnittliche Verweilzeit der Betroffenen in den Notunterkünften ging im Gegensatz zur Gesamtzahl deutlich zurück. 2016 waren es noch 666 Tage durchschnittliche Aufenthaltsdauer, 2017 530 und heuer nur noch 372 Tage. Viele der Betroffenen sind obdachlos, obwohl sie berufstätig sind: 30 der 49 erwachsenen, von Obdachlosigkeit betroffenen Würmtaler haben eine Arbeit, 18 beziehen Arbeitslosengeld II, eine Person bekommt Rente.

„Meine Erlebnisse sind überwiegend, dass die meisten Betroffenen selbst überhaupt keine Chance haben, aus ihrer Situation heraus zu kommen, auch wenn sie dies wollen. Ihnen werden Steine in den Weg gelegt, sei es bei der Beantragung von neuen Leistungen bei einem neuen Jobcenter oder der Einstufung beim Krankenkassenbeitrag“, beobachtet Fees. Oft würde ohne die Sozialarbeiterin auch schon der Schritt zu anderen Stellen wie Schuldnerberatungen nicht klappen. „Viele Betroffene möchten ihre Geschichten nicht immer wieder neu erzählen und scheuen sich deswegen vor weiteren Beratungsstellen“, sagt Tanja Fees.

Alle Würmtal-Gemeinden bieten außer den gesetzlich verpflichtenden Notunterkünften keine weiteren speziellen Leistungen für Obdachlose an. Die Betroffenen können natürlich übliche Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld II bei den Landratsämtern beantragen. Die Gemeinde Krailling etwa führt wöchentliche Kontrollen bei ihrer Notunterkunft durch, die Gemeinde Planegg alle vier bis sechs Wochen. Denn die Notunterkünfte sollen auch solche bleiben und keine Wohnung für immer werden.

Peter Seybold

Rubriklistenbild: © dpa / Victoria Jones

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