„In Kinderfragen sind schon qualitativ hochwertige philosophische Positionen verankert“: Das Ehepaar Nathalie Weidenfeld und Prof. Julian Nida-Rümelin bei ihrem Vortragsabend in der Gräfelfinger Grundschule. Foto: js

Philosophie aus Kindermund

Gräfelfing - Julian Nida-Rümelin, Professor für Philosophie und politische Theorie, hat mit seiner Frau Nathalie Weidenfeld der Gräfelfinger Grundschule einen Besuch abgestattet.

„Können Meerjungfrauen Strafzettel verteilen?“ Kein Nonsense aus dem Kniffelquiz, sondern eine ernsthafte Denkübung steckt hinter dieser Kinderfrage. Aus der kindlichen Logik übersetzt soll sie heißen: Definiert sich eine Meerjungfrau durch ihre Handlungen, oder anders gesagt, zeigt sich unsere Identität durch bestimmtes Rollenverhalten?

„Kinder philosophieren gern“, sagt Nathalie Weidenfeld. Die Mutter von zwei Töchtern spricht aus Erfahrung, wenn sie versichert, dass die Frage „Wer bin ich“ schon bei Schulkindern eine große Rolle spielt. Die Probe aufs Exempel machte die Mitarbeiterin am Münchner Institut für Theaterwissenschaft, als sie sich Freunde ihrer Mädchen zum kleinen Philosophiekreis ins Haus holte. „Kinder sind begeistert, wenn man ihren Fragen Raum gibt und ernsthaft auf sie eingeht“, so ihr Resümee. Sie könnten sich zum Beispiel herzhaft darüber in die Haare geraten, ob der Mensch immer derselbe bleibe, auch wenn er sich verändert.

Zusammen mit Ehemann Julian Nida-Rümelin, Professor für Philosophie und politische Theorie, hat Weidenfeld jetzt einen kleinen Leitfaden für das philosophische Gespräch mit interessierten Sprösslingen verfasst, den Band „Sokrates-Club“. Auf Einladung des Elternbeirats stellte das Paar einige Kapitel daraus in der Gräfelfinger Grundschule vor, saß in Ledersesseln auf der Bühne und vermittelte den Eindruck, dass Philosophie für jede Altersgruppe spannend sein kann. „Sie ist Wissenschaft, aber auch eine Brücke zwischen dem menschlichen Selbstverständnis und anderen Wissenschaften“, so der Philosophieprofessor. Kinder können mit ihrem unverstellten Blick auf vermeintliche Selbstverständlichkeiten Erwachsene manchmal ganz schön aus der Fassung bringen. Weil die Juniorgrübler oft unvoreingenommen neugierig sind, stellen sie frisch von der Leber weg die verblüffendsten Fragen. „Sie denken sehr früh logisch, auch vorsprachliche Kinder haben eine entwickelte Begrifflichkeit“, verteidigte Nida-Rümelin seine These. Lediglich die Regeln für diese logischen Operationen blieben ihnen noch verschlossen, doch das ginge vielen Großen ebenso.

Doch vieles, was ein Erwachsener im Alltag einfach so einsteckt, ist für sie erst einmal ein Buch mit sieben Siegeln. „Kinder sehen sich permanent mit Situationen konfrontiert, die sie nicht zu kontrollieren vermögen.“ Sogar existenzielle Krisen könnten daraus entstehen. „Kann ein böser Mensch ein guter werden, wenn er einsieht, dass es besser ist, gut zu sein?“, oder „Was ist Gerechtigkeit, dürfen die mich ausgrenzen?“ Probleme dieser Art wirken im Moment vielleicht naiv, gehen aber an die menschliche Substanz und hielten auch die rund 70 erwachsenen Zuhörer des Abends nicht weniger in Spannung.

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