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Seit Jahrzehnten in Sachen Partnerschaft engagiert: Traudl und Erwin Holzapfel

Partnerschaft Planegg – Bärenstein

Ein Vierteljahrhundert der Freundschaft

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Eine Planegger Delegation bricht am Freitag nach Sachsen auf, um 25 Jahre Freundschaft mit Bärenstein zu feiern. Erinnerungen an die abenteuerlichen Anfänge nach der Wende:

Planegg– Schon Mitte der 80er Jahre bemüht sich Planegg um eine Städtpartnerschaft mit einer DDR-Gemeinde. Doch die Suche nach einer Partnergemeinde im Osten Deutschland bleibt lange vergebens. Es bedarf der Deutschen Einheit und familiärer Bindungen, bis mit Bärenstein ein Partner gefunden ist. Was auf offiziellen Wegen nicht klappt, verdankt Planegg schließlich einem Zufall.

Das Feodor-Lynen-Gymnasium bekommt im Februar 1990 Besuch von einer Gruppe Lehrer aus dem sächsischen Bärenstein. Organisiert wird das Ganze von einem Planegger Lehrer und dessen sächsischer Cousine, die ebenfalls unterrichtet. Abends trifft man sich in der Gaststätte Schienhammer in Martinsried. Ein erster Kontakt ist geknüpft. Im November schauen Bärensteins Bürgermeister Heinz Grosser und sein Bauamtsleiter Peter Kautzschmann im Würmtal vorbei.

Im Zuge der Einheit sind westdeutsche Beamte aufgefordert, bei der Entwicklung der kommunalen Verwaltung in den neuen Bundesländern zu helfen. Im Februar 1991 fährt Planeggs Kämmerer und Geschäftsführender Beamter Erwin Holzapfel deswegen für eine Woche nach Bärenstein. Seine Frau Traudl begleitet ihn. „Ich bin eigentlich widerwillig nach Bärenstein gegangen“, sagt Erwin Holzapfel, der weder Verwandte noch Freunde in der ehemaligen DDR hat. „Uns haben die Beziehungen dahin gefehlt.“

Die Zeit für korrektes Handeln fehlte oft

Die Woche Amtshilfe in Bärenstein wird Holzapfel nie vergessen. Der Kämmerer, Walter Oettel, hat bisher in einer Posamentenfabrik gearbeitet, der Bauamtsleiter Kautzschmann sei Elektriker gewesen. Beide wurden als gewählte Gemeinderäte mit ihren jeweiligen Ämtern betraut. Erfahrene Verwaltungsfachleute habe es nicht gegeben, so Holzapfel. Und auch nicht die Zeit, sich immer an sämtliche Regeln zu halten. Als dringend ein Abwasserkanal über Privatgrund gelegt werden muss, ist vom Eigentümer nur die Adresse „Schmitz, Australien“ bekannt. Also verzichtet man auf die Einholung einer Genehmigung und legt los.

Während Erwin Holzapfel in der Geschäftsleitung, der Kämmerei und beim Bürgermeister tätig ist, werden seiner Frau sämtliche sozialen Einrichtungen Bärensteins gezeigt. „Wahnsinnig schlimm war das Altenheim, das hat mich runtergezogen. Gemeinschaftsduschen, teilweise ohne Vorhang“, erinnert sich Traudl Holzapfel. Die Planegger sagen eine Waschmaschine zu. Die Heimleiterin mag nicht so recht daran glauben, bis die Waschmaschine tatsächlich eintrifft. Im Laufe der Jahre werden drei ausrangierte Feuerwehrfahrzeuge folgen, außerdem ein Bauhof-Lkw und ein Unimog, die, statt verkauft zu werden, in Bärenstein ihre Dienste tun.

„Die Ostdeutschen wurden über den Tisch gezogen.“

Abends sitzt man zusammen, tauscht sich aus, diskutiert und räumt mit Vorurteilen auf. Es bürgert sich ein, dass sämtliche Verträge oder Vorlagen für Formblätter, die in Bärenstein erst angeschafft werden müssen, ins Planegger Rathaus gefaxt werden und auf Holzapfels Schreibtisch landen, bevor man zustimmt. „Da hat man erst gesehen, wie mit der Grenzöffnung die Ostdeutschen von den Westdeutschen über den Tisch gezogen wurden“, sagt Holzapfel. Wann immer Bärensteins Kämmerer Oettel die Holzapfels besucht, hat er Akten dabei, die gemeinsam durchgesehen werden. Und wenn Holzapfels, die bis zu fünfmal im Jahr die 420 Kilometer nach Bärenstein auf sich nehmen, im Erzgebirge sind, wird ebenfalls gearbeitet.

Am 23. Mai 1992 unterzeichnen Planeggs Bürgermeister Alfred Pfeiffer und der damalige Bärensteiner Bürgermeister Rolf Franke das Freundschaftsabkommen der beiden Gemeinden. Eine Partnerschaft ist innerdeutsch nicht möglich. Auf den Tafeln, die heutzutage an den Ortseingängen Planeggs auf die Partnergemeinden hinweisen, wird allerdings kein Unterschied gemacht zwischen Bärenstein, Meylan, Klausen oder Didcot.

Holzapfels haben in Bärenstein Freunde gefunden. Jahrelang machen sie gemeinsam Urlaub. Als sie zum ersten Mal über den Brenner fahren, stehen den Freunden Tränen in den Augen. Nie hätten sie gedacht, jemals diese Grenze überqueren zu können. Erwin Holzapfel: „Es waren Kleinigkeiten, die für uns selbstverständlich waren und ihnen viel bedeutet haben.“

Großen Anteil an einem guten partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Planegg und Bärenstein haben auch die Feuerwehren. „Keine Feier ohne gegenseitigen Feuerwehrbesuch“, sagt Erwin Holzapfel. Erst vergangenen September reisten Planegger Feuerwehrler zum 140. Geburtstag der Bärensteiner Wehr.

Gelebtes Europa: ein deutsch-tschechischer Ortskern

Holzapfels sind inzwischen seltener im Erzgebirge. Die Autofahrt ist zu beschwerlich geworden für den 76-Jährigen und seine sieben Jahre jüngere Frau. Doch die Feierlichkeiten an diesem Wochenende lassen sie sich nicht entgehen. 35 Planegger haben sich für die Busreise angemeldet. Am Sonntag kehren sie zurück aus einer Gemeinde, die inzwischen den europäischen Gedanken verkörpert wie kaum eine andere. Seit 2013 besitzen Bärenstein und das tschechische Vejprty eine gemeinsame, länderübergreifende Ortsmitte.

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