Täglich klettern trotz Corona: Die Planeggerin Irmgard Braun hat eine komplette Boulder-Landschaft in ihrem Schlafzimmer eingebaut.
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Täglich klettern trotz Corona: Die Planeggerin Irmgard Braun hat eine komplette Boulder-Landschaft in ihrem Schlafzimmer eingebaut.

Kletterwand im Schlafzimmer: Die 68-jährige Irmgard Braun bleibt auch zu Pandemie-Zeiten fit

Bouldern über dem Bett

Über der Schlafzimmertür ist eine Leiste mit unterschiedlich großen Einkerbungen befestigt. Irmgard Brauns wichtigstes Trainingsgerät für die nächsten Monate. Das ist es nicht nur zu Corona-Zeiten.

Planegg - Die 68-jährige Irmgard Braun stärkt an der Leiste während des Winters ungefähr jeden dritten Tag ihre Finger. Zusammen mit Stretching-Übungen dauert das eine Stunde. „Um gut zu klettern, muss man auch beweglich sein“, erklärt die Kletterin, deren Schlafzimmerwände bis in den Dachgiebel hinein zu Kletterwänden umfunktioniert sind.

Seit mehr als 25 Jahren wohnt die ehemalige Kunst- und Mathematiklehrerin, die im schwäbischen Kirchheim unter Teck aufgewachsen ist, mit ihrem Ehemann Andreas Dick in Planegg. Eine Woche vor dem November-Lockdown waren sie gemeinsam in der Fränkischen Schweiz. Das ist Brauns Lieblingsgebiet zum Klettern in Deutschland. „Dort ist es ziemlich steil, und es gibt viele kleine Löcher, da die Felsen versteinerte Korallen sind“, schwärmt die 1,70 Meter große, schlanke Frau. Da brauche man sehr viel Fingerkraft. Braun zeigt ihre „Kletterpranke“, wie sie selbst sagt. „Finger, Sehnen, Bänder und Muskeln verändern sich durch den Sport“, erklärt sie. Klettern sei ein Ganzkörpertraining.

Sie sei zwar nicht die geniale Technikerin, da sie sich selbst alles beigebracht habe, und ihre Kletterpartner seien nicht besser als sie. „Es gibt leider wenig für mich zum Abschauen“, sagt sie. Das überrascht kaum. Die 68-Jährige erzählt, dass sie trotz einer Handgelenksverletzung vor zwei Jahren im neunten Grad klettert. In der Welt des Klettersports ist das nichts für Gelegenheitskletterer und auch für Jüngere anspruchsvoll. Die bis jetzt höchste jemals erreichte Schwierigkeit liegt bei Grad zwölf.

Alter spielt keine Rolle

Doch für Braun spielt das Alter keine Rolle. Geburtsdaten, Jahreszahlen, das zählt bei ihr nicht. Als sie mit 30 ernsthaft mit dem Klettersport begann – davor sei sie mit ihrem ersten Mann nur so mal „gekraxelt“ – schreckte es sie wenig, dass man sie für zu alt hielt und ihr prophezeite, sie würde keine großen Leistungen mehr bringen können. Braun zeigte, was in ihr steckt. Zu Zeiten, als Frauen noch eher selten als Seilerste gingen, kletterte sie namhafte große Touren im Gebirge im Vorstieg und machte Erstbegehungen im Oberen Donautal. Ende der 80er bis Anfang der 90er Jahre war sie in der deutschen Sportkletterer-Nationalmannschaft, bestritt Deutschland- und Weltcups. In Stuttgart hat sie einen großen Wettkampf vor Tausenden von Zuschauern gewonnen. Das hat sie natürlich gefreut. Aber es geht ihr nicht um den Sieg über andere. „Ich will besser sein als ich“, meint sie, wenn man sie nach ihrem Ehrgeiz befragt.

Klettern ist der Sport Nummer eins für sie geblieben. „Das Verrückte ist, auch mit über 60 Jahren merke ich praktisch keinen Unterschied“, sagt sie. Radfahren, schwimmen, golfen. Braun winkt ab. „Das sind immer die gleichen Bewegungen.“ Die wären ihr zu langweilig. Beim Klettern müsse sie sich jeden Moment auf etwas Neues einstellen, da jede Route anders sei. Angst zu verunglücken, habe sie nicht. Bevor sie zu klettern anfange, schaue sie sich die Tour genau an, überlege, wo sie mit ihren Fingern Halt im Felsen findet. Wenn sie den Eindruck habe, es sei zu schwierig, oder das Wetter könnte umschlagen, dann verzichte sie auch mal auf eine Wand.

Ideal sind 15 bis 16 Grad und Windstille

Das ideale Wetter sei für sie bei einer Außentemperatur von 15 bis 16 Grad und Windstille. Über 20 Grad schaue sie, dass sie im Schatten klettere. Vom Frühling bis zum Herbst nutzt sie jede Gelegenheit, ihrem Hobby in der Natur zu frönen. Zwei- bis dreimal wöchentlich ist sie unterwegs. Geht das nicht, findet man sie in der Kletterhalle. Die Routen sind dort unterschiedlich schwer und entsprechend gekennzeichnet, sodass jeder sich heraussuchen kann, was zur eigenen Leistungsfähigkeit passt und Spaß macht. Mit drei bis vier Kletterfreunden klettert sie regelmäßig auch unter der Woche. Ihr Ehemann, der mit seinen 56 Jahren noch berufstätig und Redakteur bei der Mitgliederzeitschrift des Alpenvereins ist, hat meistens nur am Wochenende und im Urlaub Zeit dafür.

Ihn traf sie 1989 in einer Kletterkneipe, er war frisch gebackener Bergführer, und sie schrieb Texte für das Bergsteiger-Magazin „Alpin“; seit Ende der 80er Jahre arbeitete sie nicht mehr als Lehrerin. Sie war viel auf Reisen, kletterte in Australien, USA, Thailand. Irmgard Braun schwärmt von der Symbiose von Sport und Natur. „Klettern, das ist für mich der Moment, in dem ich meinen Körper ganz intensiv spüren kann und absolut gegenwärtig bin.“

Ihr Ehemann teilt diese Leidenschaft mit ihr. Mittlerweile ist auch ihre gemeinsame Tochter von der Kletterei überzeugt. Zunächst sei sie ausschließlich fürs Reiten zu begeistern gewesen, erzählt Braun. Doch seit zwei Jahren geht sie mit ihnen auch zu ihren Lieblingsfelsen in der Fränkischen Schweiz. Braun freut sich darüber. Am liebsten möchte sie die Freude, die sie für das Klettern empfindet, auch an andere weitergeben. „Ich möchte Mut machen, dass man auch mit 60 oder 70 Jahren noch mit dem Klettern anfangen kann“, sagt sie. Klettern sei ein Breitensport geworden und ein idealer Alterssport, weil man sich dabei, anders als etwa beim Handball oder Badminton, eher langsam und kontrolliert bewegt; die Verletzungsgefahr ist bei guter Sicherung sehr gering. Die Vorstellung, jenseits der 60 sei alles vorbei, sei jedenfalls „Blödsinn“.

Marion Brucker

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