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„Ein krasses Geschenk“

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Von: Nicole Kalenda

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Jakob Schreier (v.l.), Johannes Brugger und Martin Brugger  in einem Berliner Park
Treffen im Park: Jakob Schreier (l.) und Johannes Brugger (Mitte) leben inzwischen in Berlin. Martin Brugger ist in München geblieben, schaut aber ab und an in der Hauptstadt vorbei. © Johannes Brugger

Drei Jungs aus der Karl-Valentin-Straße und ihr Schulfreund vom Feodor-Lynen-Gymnasium: Jakob Schreier hat am Drehbuch mitgeschrieben und verkörpert die Hauptfigur Jaksch, Bulgan Molor-Erdene spielt seinen Freund Bulli, Johannes Brugger ist Kameramann und Martin Brugger für die Filmmusik verantwortlich. Ohne die vier Planegger gäbe es „Fett und Fett“ nicht, die ZDF-Comedyserie, deren erste Staffel 2020 für den Grimme-Preis nominiert war und deren zweite jetzt in der ZDF-Mediathek zu sehen ist. Im Merkur-Gespräch erzählen Jakob Schreier (36) und Johannes Brugger (32) davon, wie es ist, 17 Folgen lang mit Freunden und Bekannten zusammenzuarbeiten.

Herr Schreier, Sie und Bulgan Molor-Erdene haben 2005 Abitur am FLG gemacht, die Zwillinge Johannes und Martin Brugger 2009. Wie haben Sie sich kennengelernt?

Jakob Schreier: Martin, Johannes und ich kennen uns, seitdem die beiden geboren sind. Unsere Eltern sind Nachbarn. Bulgan hat mit Martin und Johannes in einer Band gespielt, das ging jahrgangsübergreifend. Da habe ich nicht mit rumgepfuscht.

Johannes Brugger: Du warst auch kurz mal dabei.

Schreier: Aber ihr habt ohne mich mit The Velvet Noise angefangen. Ihr habt euch gefunden, und ich bin dann noch dazugekommen.

Ist das der Ursprung Ihrer Zusammenarbeit?

Schreier: Da wurden schon Grundsteine gelegt. Es gab damals den Skateplatz da oben und den Basketballplatz. Da hing man so rum. Johannes, Martin und Bulgan waren im Probe-Container, und ich mit dem Skateboard unterwegs. Im Prinzip war das der Ausgangspunkt für mehrere kreative Karrieren. Man hat gemerkt, man kann alles Mögliche machen im Leben. Alle haben sich Spielfelder gesucht. Beim Martin ist es die Musik geblieben. Er macht jetzt auch viel Musik für die Serie. Johannes, du hast eher mit Fotografie angefangen, oder?

Brugger: Genau, erst Fotografie und dann bin ich irgendwann zum Film rüber.

Das war 2000 bis 2010 vielleicht. Gedreht haben Sie deutlich später. Sie haben den Kontakt gehalten?

Brugger: München ist ja nicht so groß. Und die Szene ist überschaubar.

Schreier: Es gab Zeiten, in denen man sich nicht so oft gesehen hat. Dass wir zusammengearbeitet haben, kam später mit Chiara Grabmayr. Die habe ich an der Filmhochschule kennengelernt. Wir haben noch jemanden an der Kamera gebraucht, und Johannes macht Kamera. Dann haben wir jemanden gebraucht, der Musik macht, und haben Martin gefragt.

Und als Ihnen ein Laiendarsteller gefehlt hat, fiel Ihnen Bulgan ein.

Schreier: Als wir an der Isar gedreht haben, brauchten wir jemanden, der uns hilft, mit dem Schlauchboot das ganze Zeug hin und her zu fahren, und auch Komparse macht. Später haben wir gesagt: Der war eh schon im Bild. Der könnte jetzt eigentlich den Freund von Jaksch spielen. Das hat er so gut gemacht, dass er in der neuen Staffel mehr Raum und eine Hauptrolle bekommen hat.

Wie fing alles an?

Schreier: Erst haben wir eine Web-Serie gemacht, fünf Folgen. Über einen Zeitraum von zwei oder drei Jahren. Immer wieder eine kleine Folge zum Spaß. Damit sind wir hausieren gegangen und haben die bei Web-Serien-Festivals eingereicht. Wir dachten, dass das nur interessant ist, wenn man uns kennt, oder aus München ist oder aus dem Münchner Umland. Bei einem Web-Serien-Festival in Hamburg fanden die das super. Größenwahnsinnig haben wir weiter eingereicht, in London. Rio de Janeiro und in Los Angeles, Seattle, Seoul, Stockholm. Überall fanden die Leute das ganz lustig, mit englischen Untertiteln. Dann haben wir gedacht, vielleicht können wir mehr draus machen, und haben zweimal beim ZDF erfolglos angeklopft. Beim dritten Mal gab es eine Redakteurin, die es gut fand. Die hat uns an Bord genommen und geschaut, dass wir ein kleines Budget vom ZDF bekommen. Damit haben wir die Staffel produziert, die jetzt als erste Staffel in der ZDF-Mediathek steht. Es gibt insgesamt 17 Folgen, davon sind zwölf vom ZDF professionell gemacht.

Band The Velvet Noise
The Velvet Noise 2005: (v.l.) Bulgan Molor-Erdene, Babak Mohajer, Jakob Schreier, Martin und Johannes Brugger gewannen den Wettbewerb „Running for the Best“. © The Velvet Noise

Abgesehen von Ihren Jugendfreunden, die Sie akquiriert haben: Steckt auch Planegg in der Serie?

Schreier: In Folge fünf der neuen Staffel sind wir auf einem Junggesellenabschied in Bochum und tanzen recht wild zu einer Rockband. Dafür haben wir auf das Würmtal zurückgegriffen und einen Song von Mary Jane verwendet. Die waren ein bisschen erfolgreicher als The Velvet Noise. Es gibt eine Szene, in der Jaksch und Bulli im Hotelzimmer rumhüpfen und einer von ihnen erklärt den anderen Figuren: „Die waren alle mit uns auf der Schule. Das ist die Band unserer Jugend, und der Bassist ist jetzt mein Zahnarzt.“ Tatsächlich hat ein Bandmitglied von Mary Jane inzwischen eine Zahnarztpraxis im Würmtal.

Alles, was in der Serie passiert, ist Ihnen oder irgendjemandem in Ihrem Bekanntenkreis passiert?

Schreier: So ungefähr. Das haben wir mal als Devise ausgegeben.

Brugger: Es wird immer gesammelt im Freundeskreis, die schicksten Anekdoten.

Schreier: Chiara und ich wollten vor der neuen Staffel ein Abendessen machen und Leute aus dem Team einladen, aus der Produktion und vielleicht noch ein paar andere Leute, von denen wir wussten, dass sie Fett und Fett mögen. Dann kam Corona und wir konnten kein Abendessen mit zwölf Leuten machen. Wir haben die zwölf angerufen und mit jedem eine Stunde geredet. Das fanden wir so gut, dass wir weiter telefoniert haben. Am Ende haben wir 70 oder 80 Leute jeweils eine Stunde interviewt. Daraus haben wir in der neuen Staffel viel gezogen.

Das müsste jetzt aber schon noch für ein paar Staffeln reichen, oder?

Schreier: Es sind natürlich Sachen übrig geblieben. Aber wenn wir jetzt noch mal eine Staffel machen würden, würden wir wieder Interviews führen. Bis dahin ist dann Zeit vergangen. Vielleicht treibt die Leute anderes um. Die Figur Jaksch wird auch immer älter und das Drumherum auch.

Jaksch als Familienvater mit fester Anstellung und Lohnsteuerkarte?

Schreier: Genau, das wäre wahrscheinlich der nächste Schritt. Mal schauen, wie er sich damit schlägt.

Wie ist Drehen unter Corona-Bedingungen?

Brugger: Anstrengender, aber ich finde, es ging. Wir wurden jeden Tag in der Früh getestet. Jeden Tag Schnelltest und zweimal die Woche PCR. Es gab verschiedene Kreise im Team, nach Unersetzbarkeit sortiert. Regie und Schauspieler als der innerste Kreis. Es wird versucht, dass diese Leute nicht so viel Kontakt haben. Es ist nicht superangenehm, zehn Stunden am Tag so eine FFP2-Maske zu tragen und währenddessen noch eine Zehn-Kilo-Kamera rumzuschleppen. Aber ich war eher froh, dass wir überhaupt endlich drehen konnten.

Schreier: Die Produktionsfirma hatte die ganze Zeit Angst. Wenn jemand Corona gehabt hätte, hätte man auch die Leute außenrum isolieren müssen. Auf jeden Fall wären wir zwei Wochen gestanden. Das ist ziemlich teuer. Wir hatten alle Glück oder haben sehr gut aufgepasst. Während der sechswöchigen Drehphase hatte niemand vom Team Corona.

Sie waren nicht immer gleichzeitig bei den Dreharbeiten. Ihr Bruder, Herr Brugger, wird nicht immer dabei gewesen sein.

Brugger: Der spielt auch mit. Einen Kumpel von Bulli. Er ist in Folge drei der neuen Staffel auf einer Party zu sehen.

Schreier: Johannes und ich waren fast immer zusammen am Set. Es wird nichts ohne Johannes gedreht. Martin war nur in seiner Zweitfunktion als Darsteller am Set.

Eigentlich wollte ich fragen: Streitet man sich auch oder kennt man sich einfach zu lange?

Brugger: Ach, Streiten. Das passiert eigentlich nicht mehr. Dadurch, dass wir schon vom Kindesalter an zusammen kreative Sachen gemacht haben, angefangen mit Musik, ist es so, dass man vielleicht eher Sachen diskutiert, aber wirklich Streiten kommt da nicht vor. Dafür kennen wir uns zu gut und schätzen wir uns zu sehr.

Schreier: Man muss sagen, dass wir eigentlich in verschiedenen Departments sind. Als Schauspieler und auch als Drehbuchautor habe ich mit Johannes so direkt nicht viel zu tun. Dazwischen steht die Regie. Kritikpunkte und Probleme werden mit Chiara geklärt. Wir müssen uns gar nicht streiten.

Herr Brugger, war Fett und Fett für Sie als Kameramann ein Durchbruch?

Brugger: Als Student an der Hochschule für Fernsehen und Film ein Projekt fürs ZDF machen zu können, ist ein Karriereboost. Es ist aber nicht so, dass ich mich vor Aufträgen nicht retten kann. Es ist eine Superchance gewesen, ein Projekt professionell zu machen, das aus Spaß begonnen hat und wo nur Freunde involviert sind. Und man wird dafür auch noch bezahlt. Das ist eigentlich ein krasses Geschenk.

Und Herr Schreier, waren Sie vorher schon berühmt?

Schreier: Berühmt bin ich auch jetzt noch nicht. Es passiert mir aber manchmal, dass ich irgendwo erkannt werde. Für mich war es auch ein Durchbruch. Als Schauspieler ist es mein Debüt. Ich habe davor schon ein Drehbuch geschrieben, aber nicht meine eigenen Sachen. Ich habe viel für Comedy-Shows geschrieben und auch ein, zwei Folgen für eine andere ZDFneo-Serie, aber das war weder meine Idee, noch hatte ich da kreativ den Hut auf.

FETT UND FETT Szene im Zug
Staffel 2, Folge 5: Jogi (Oscar Lauterbach, v.l.), Jaksch (Jakob Schreier), Nicolai (Nicolai Zeitler) und Bulli (Bulgan Molor-Erdene) sind auf dem Weg zum Junggesellenabschied nach Bochum und feiern bereits im Zug. © ZDF/Johannes Brugger

Macht Ihnen Schauspielerei mehr Spaß als Drehbücher?

Schreier: Dafür habe ich es noch zu wenig gemacht. Ich sehe mich immer noch als Drehbuchautor. Ich sollte mich auch nicht Schauspieler nennen. Ich habe jetzt ein, zwei kleinere Schauspielaufträge bekommen und werde immer wieder zu Castings eingeladen. Ich merke aber, dass es mir schwerfällt, wenn ich den Text nicht selbst mitgeschrieben habe und die Regisseurin oder den Regisseur nicht so gut kenne wie Chiara.

Wird man reich?

Brugger: Reich nicht, aber bei der zweiten Staffel war das Budget normal. Da kann man gut von leben. In der ersten ZDF-Staffel war das eigentlich noch sehr Low Budget. Da haben wir wenig verdient.

Schreier: Bei der ersten Staffel fürs ZDF hatten wir so ein Debüt-Nachwuchs-Budget. Die Produktionsfirma, Chiara und ich haben mehr oder weniger den Pakt geschlossen, dass wir daran nichts verdienen. Wir wollten das Geld in das Produkt reingeben, damit es gut wird. War sozusagen Selbstaufopferung oder eine Investition, die sich in dem Fall auch gelohnt hat. Jetzt habe ich so viel Geld verdient, dass ich davon die zwei Jahre, die ich an dem Projekt gearbeitet habe, ganz ordentlich leben konnte. Aber es ist nicht so, dass jetzt viel übrig wäre.

Was sagen Ihre Eltern? Gefällt ihnen die Serie?

Brugger: Meine Eltern finden alles gut, was ich mache.

Schreier: Meine Mutter spielt mit in der neuen Staffel. Noch eine Karl-Valentin-Straßen-Bewohnerin. In Folge vier spielt sie meine Mutter. In der Folge besucht Jaksch seinen Cousin, Anton Schneider. Das ist ein Schauspieler. Wir haben lange nach einer Tante von Jaksch, also nach einer Frau gesucht, die die Mutter des Cousins spielt. Irgendwann haben wir gesagt, wenn meine echte Mutter Jakschs Mutter spielt, dann könnte das ja die Mutter des Schauspielers machen. Wir haben gefragt, und es hat geklappt. Das ist ein bisschen der Vibe von Fett und Fett. Ich glaube, meine Mutter hat sich gefreut. Ich fand es schön, dass ich sie mitnehmen konnte in meine Welt. Und dein Vater war auch irgendwann am Set. Der hat uns ein Auto geliehen.

Brugger: Er ist leider nicht zu sehen. Er war Komparse im Theater und verschwindet in der Unschärfe im Hintergrund. Ich denke, das ist okay für ihn.

Was machen Sie jetzt? Die Drehtage sind ein Jahr her.

Schreier: Die Postproduktion hat sich bis März dieses Jahres gezogen. Ich war dann ein bisschen auf Reisen. Noch reicht das Geld. Im September ist es dann aus. Dann fange ich wieder an zu arbeiten.

Brugger: Ich mache viele Musikvideos, dreh mal hier einen Tag, mal da einen Tag. Ich arbeite so, dass ich Geld zum Leben habe.

Was hat Ihnen an den 17 Folgen Fett und Fett besonders gefallen?


Schreier: Eine der schönsten Sachen an diesem Projekt ist, dass wir es irgendwie hinbekommen haben, dass alle am Set mehr oder weniger Freunde und Bekannte sind und sich gut verstehen und am Wochenende zusammen ein Bier trinken gehen oder einen Kaffee oder an die Isar fahren.

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