+
Stopfmast ist in Deutschland verboten, Stopfleber von Gänsen und Enten jedoch käuflich erhältlich. Friedrich Mülln zeigt eine aus Ungarn stammende Stopfmaschine. Dort werden nach seiner Schätzung zwei Millionen Gänse und Enten in den in der EU eigentlich längst untersagten Einzelkäfigen gehalten. Dank SOKO Tierschutz und dem öffentlichen Druck nahmen Ketten wie Karstadt und Kaufhof Stopfleber aus dem Sortiment.

SOKO Tierschutz

Engagiert gegen Tierquälerei

  • schließen

Milchviehskandal im Allgäu, qualvolle Puten-Transporte zum Schlachthof nach Ampfing: Behörden ermitteln, Medien berichten. Den Anstoß dazu gibt der Verein SOKO Tierschutz. Seit einem Jahr hat er sein Büro in Planegg. Jetzt wurde er für den Deutschen Engagementpreis vorgeschlagen.

Planegg – Ein Briefkasten in der Eingangshalle der Rudolfstraße 112 mit der Aufschrift „SOKO Tierschutz/Friedrich Mülln“ ist der einzige Hinweis auf den Verein. „Es ist leider so, dass es durchaus Revancheakte in der Vergangenheit gegeben hat. Unsere Autos sind mehrfach beschädigt worden, Post wurde entwendet. Gerade wenn wir viel Aufmerksamkeit auf uns ziehen, kommt das Türschild erst mal weg“, sagt Friedrich Mülln.

2012 gründete er gemeinsam mit sechs Mitstreitern die Tierschutz-Organisation, die zu Tierversuchen und Missständen in der Nutztierhaltung recherchiert, diese dokumentiert und das Material veröffentlicht. Inzwischen hat der Verein 800 Fördermitglieder, 20 Aktivisten, einen größeren Unterstützerkreis und ein Netzwerk von nationalen und internationalen Kontakten.

Es besser machen als die großen Tierschutzorganisationen

„Das Team, das dahinter steht, gibt es im Prinzip seit den 90er Jahren“, sagt Mülln. Man habe schon lange Tierschutzskandale aufgedeckt, „nur unter anderer Flagge, für andere Tierschutzvereine oder auch selbstständig“. Die SOKO-Gründer wollten es besser machen als die große Tierschutzorganisation, für die Mülln und andere jahrelang gearbeitet hatten, nicht nur Themen aufgreifen, die ein hohes Spendenaufkommen versprechen wie etwa Welpen, sondern blinde Flecken suchen: „Etwas, was noch nie oder nicht ausreichend thematisiert wurde oder aus irgendwelchen Gründen tabuisiert wird.“

Vor vier Jahren beschloss die SOKO, über längere Zeit hinweg einen Schwerpunkt Milch zu setzen. Ziel: „Das ganze System von Zuchtbetrieben über Milchbetriebe bis zum Schlachthof auf den Prüfstand stellen.“ Sechs Schlachthöfe wurden seitdem von den Behörden geschlossen. Und in diesem Sommer lieferte SOKO Tierschutz Videoaufnahmen, die Tierquälerei in einem Milchviehbetrieb in Bad Grönenbach im Allgäu belegen, einem der größten im Freistaat mit mehr als 3500 Tieren an verschiedenen Standorten. 140 Fernseh- sowie 2000 Print- und Hörfunkberichte zählten die Planegger zu den Vorgängen im Allgäu. „Das hatten wir noch nie zu einem Thema, nicht einmal zu Tierversuchen an Affen.“

Schon als Teenager auf eigene Faust ermittelt

Sensibilisiert durch Berichterstattung, radelte Mülln als 13-Jähriger zu einer nahe gelegenen Putenmastanlage. „Ich war schockiert von dem, was ich da gesehen habe“, sagt er. „Heute haben wir einen größeren Rahmen und eine größere Reichweite, aber im Prinzip ist es das Gleiche wie mit 13.“ Nur dass Mülln nicht mehr Themen suchen muss, täglich kommen Missstandsmeldungen, per E-Mail oder über die Hotline, eine Telefonnummer unter der immer ein Vorstandsmitglied zu erreichen ist. Mal liefern Informanten das Filmmaterial, mal ermitteln die Tierschützer selbst.

„Es ist jedes mal die Hölle.“

Wie im Fall der Puten-Transporte aus Ungarn zu einem Schlachthof der Süddeutschen Truthahn AG in Ampfing, die in der vergangenen Woche für Aufmerksamkeit sorgten. Mülln filmte im Tarnanzug aus fünf Metern Entfernung, wie Männer lebende Tiere mit voller Wucht in den Transporter warfen. „Irgendjemand muss es machen. Ich reiß mich nicht drum. Es ist jedes Mal die Hölle, was man erlebt“, sagt er.

SOKO Tierschutz nun für Deutschen Engagementpreis vorgeschlagen

SOKO Tierschutz wurde 2015 mit dem mit 25 000 Euro dotierten Lush-Preis und im vergangenen Jahr mit dem „taz Panter Preis“ (5000 Euro) ausgezeichnet. Die Panter-Stiftung hat SOKO Tierschutz heuer für den Deutschen Engagementpreis vorgeschlagen, ausgelobt vom Bundesverband Deutscher Stiftungen. In fünf Kategorien gibt es je 5000 Euro zu gewinnen, außerdem via Online-Abstimmung einen Publikumspreis in Höhe von 10 000 Euro. Das Geld helfe, Kampagnen zu finanzieren, doch das sei nicht das Wichtigste. Mülln: „Popularität und Bekanntheitsgrad sind der beste Schutzschild, den es gibt.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Geschäftsleute an der Planegger Bahnhofstraße vorsichtig optimistisch
Mit dem Käfer-Delikatessenmarkt hat binnen eines knappen Jahres das vierte Geschäft auf der Planegger Bahnhofstraße aus Umsatzgründen geschlossen. Auch andere …
Geschäftsleute an der Planegger Bahnhofstraße vorsichtig optimistisch
Über 2,5 Millionen Euro aus „DigitalPakt“
Über 2,5 Millionen Euro und fünf Jahre Zeit, das Geld auszugeben: Dank dem „DigitalPakt Schule 2019 bis 2024“ können die Schulen im Würmtal üppige Fördergelder …
Über 2,5 Millionen Euro aus „DigitalPakt“
Abriss nun doch während der Schulzeit
Die Abbrucharbeiten für das alte Neurieder Feuerwehrhaus sollen am 23. September beginnen. Eigentlich hätte es schon vor Monaten abgerissen werden sollen. Doch es gab …
Abriss nun doch während der Schulzeit
Erste Experimente im Labor
Sommer, Sonne, Neurowissenschaften. Auf dem Martinsrieder Campus konnten zum zweiten Mal Schüler an der Fakultät für Biologie Universitätsluft schnuppern. Neben …
Erste Experimente im Labor

Kommentare