+
Sitztanz im Seniorenheim: Ob es das Angebot in Planegg auch in Zukunft geben wird, ist offen. Durch die Pflegereform bleiben Senioren möglichst lange zuhause und kommen zumeist pflegebedürftig ins Altenheim.

Pflegereform

„Befürchtungen haben sich bestätigt“

Die Pflegereform ist ein halbes Jahr in Kraft. Und die erste Bilanz ist, wie befürchtet, durchwachsen. Erhöhter Pflegebedarf trifft auf weniger Pfleger.

Planegg Erst muss er die Türe zu seinem Büro schließen. Die Bewohner singen gerade gemeinsam. Jetzt kann der Leiter des Evangelischen Alten- und Pflegeheims in Planegg, Ulrich Spies, konzentriert sprechen. Er genießt die Klänge, die vom Gang in sein Zimmer dringen. Doch er befürchtet, dass es den Singkreis in dieser Form nicht mehr lange geben könnte. Auch um die Zukunft von Rätselstunde und Sitztanz ist er besorgt. Die Pflegereform, die zum 1. Januar dieses Jahres in Kraft getreten ist, hinterlässt bereits erste Spuren.

Der Gesetzgeber habe damit ambulante vor stationäre Betreuung gestellt, meint Spies. „Auf den ersten Blick wirkt das gut“, sagt er. Doch bei genauerem Hinsehen, offenbaren sich Probleme. Im Januar hatten er und seine Kollegen im Würmtal bemängelt, dass Pflegekräfte in Altenheimen statt 3,1 Bewohner künftig 4,4 Bewohner versorgen müssten. Ein weiterer Kritikpunkt war, dass es für Menschen mit weniger Pflegebedarf durch die Reform teurer wird, in ein Heim zu ziehen. Die Reform könne damit zur Folge haben, dass sich weniger rüstige Menschen für einen Umzug ins Heim entscheiden als zuvor.

Laut Ulrich Spieß haben sich diese Befürchtungen bestätigt. Seit Januar habe er etwa 25 neue Bewohner in seinem Heim begrüßen dürfen, alle würden nun nach den neuen Pflegegraden eingestuft. Und die Tendenz sei klar: „Es kommen mehr ältere, multimorbide, demente Menschen. Das bedeutet eine Mehrbelastung für das Personal.“ Die medizinische Versorgung sei gut, die Pflege werde sichergestellt, aber von den Mitarbeitern werde viel Engagement verlangt, meint Spieß, der eigentlich nicht jammern will. Aber er sagt: „Wir sehen unsere Grenzen.“ Und er stellt die Frage: „Sollen wir die Grenzen so lange austesten, bis etwas zusammenbricht?“

Die Pflegereform sei als großer Wurf angekündigt worden, es habe hohe Erwartungen gegeben. Spies: „Die sind nicht erfüllt worden.“ Für das Personal sei nichts herausgekommen, was beispielsweise die Vergütung betreffe. „Außerdem brauchen wir mehr Geld im System, damit wir mehr Mitarbeiter pro Bewohner anstellen können.“ Schließlich benötige man mehr Personal, um Multimorbidität und Demenz begegnen zu können. „Demente brauchen einen Menschen, der da ist, der ihnen über den Rücken streichelt.“

Die Personalknappheit ist laut Spies nur ein Problem der Pflegereform. Wenn Menschen erst ins Heim zögen, wenn sie Zuhause nicht mehr ambulant versorgt werden könnten, bringe das weitere Schwierigkeiten mit sich. „Es wäre schöner, wenn sie früher kämen. Die Leute könnten sich dann wunderbar eingewöhnen.“ Zudem fördere dies die Lebendigkeit im Heim.

Zurück zur Singstunde: Einige Bewohner beherrschten gleich alle Strophen, sagt Spieß voll Bewunderung. „Das wird tendenziell abnehmen“, meint er, so viele agile Bewohner werde es aufgrund der Pflegereform künftig nicht mehr geben. Sollten weniger Senioren in der Lage sein, am Singkreis teilzunehmen, werde sich das auf das gesamte Heim auswirken. Viele Heimbewohner kämen zur Singstunde, obwohl sie selbst nicht mitsingen – nur um die Musik zu genießen. Was die Pflegereform betrifft, ist Spies daher überzeugt: „Da ist noch einiges zu tun.“

Victoria Strachwitz

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Planegg setzt der Linken eine Frist
21 Parteien stehen auf dem Wahlschein für die Bundestagswahl am 24. September. Für alle gelten in Planegg in Sachen Plakatierung dieselben Regeln. Eine Partei schert das …
Planegg setzt der Linken eine Frist
Mittelspannungsleitung durchgeschmort
Der Netzbetreiber Bayernwerk AG hat offenbar die Ursache für den Stromausfall gefunden, von dem am Mittwochabend rund 1000 Haushalte in Planegg und Gräfelfing betroffen …
Mittelspannungsleitung durchgeschmort
1000 Haushalte ohne Strom
Teile der Gemeinden Planegg und Gräfelfing waren am Mittwochabend zeitweise ohne Strom. Betroffen waren rund 1000 Haushalte entlang der Bahnlinie München-Mittenwald.
1000 Haushalte ohne Strom
Positive Bilanz der Dorffest-Veranstalter
Das Martinsrieder Dorffest 2017 war, nach drei Jahren Pause, aus Sicht der Veranstalter ein Erfolg, trotz der etwas widrigen Umstände.
Positive Bilanz der Dorffest-Veranstalter

Kommentare