Selbstliebe und der Drang zum Beherrschen

- Diplompsychologe sprach über Narzissmus und Macht

VON LEO ERNSTBERGER Gräfelfing - "Narzissmus und Macht - psychologische Störungen in der Politik" lautete das Thema eines Vortrags für die Literarische Gesellschaft Gräfelfing im Bürgerhaus. Referent war der Diplompsychologe und Psychoanalytiker Dr. Hans-Jürgen Wirth, der in seiner Praxis in Gießen und als Privatdozent an der Universität Bremen arbeitet.

Das mit Schuld und Strafe besetzte Thema bedarf einer Erinnerung an die antiken sagenhaften Ursprünge: Schuld und Strafe betreffen die Bergnymphe Echo, die von Hera wegen Begünstigung der Liebschaften des Zeus in ihrer Sprache beschnitten wurde und der nur noch das letzte Wort blieb, das sie hörte. Bestraft wurde auch Narzissus, der schöne Jüngling, weil er Echos Liebe verschmähte. Er verging vor Sehnsucht nach seinem eigenen Bild im Wasser und wurde in eine Narzisse verwandelt. Sigmund Freud deutet dies als Rückfall gehemmter Triebe auf unreife Formen ihrer Befriedigung. Literarisch führt Hermann Hesse mit seiner Erzählung "Narziss und Goldmund" zum Thema. Der mittelalterliche Klosterschüler Narziss beschreibt im Sinne von Hans-Jürgen Wirth den Narzissmus: "Es ist die Eigenschaft, dass ich ein Gefühl für die Art und Bestimmung der Menschen habe, nicht nur für meine eigene, auch für die der anderen. Diese Eigenschaft zwingt mich, den anderen dadurch zu dienen, dass ich sie beherrsche. Wäre ich nicht zum Klosterleben geboren, so würde ich Richter oder Staatsmann werden müssen."

Wie politisches Herrschen und Narzissmus eng verflochten sind, legte Hans-Jürgen Wirth in seinem Vortrag breit gefächert dar. Macht als schillerndes Phänomen bewegt sich im unauflöslichen Spannungsfeld zwischen Selbstliebe und der Absicht, dem Wohl der Menschheit zu dienen. Dies, so der Referent, schaffe Abstufungen des Narzissmus von der gesunden Objektbeziehung zur egoistischen Ichbezogenheit. Überzeugend konnte klargestellt werden, wie Eigenliebe der Mächtigen auf Bestätigung angewiesen ist, und wie bei fehlender Anerkennung die narzisstische Wut des Mächtigen wächst. Er überspannt den Bogen und scheitert.

Terrorismus ist Narzissmus

Der 11. September 2001, als Ereignis, das die Welt verändert, veranlasste Dr. Wirth im Anschluss zu einer Psychoanalyse des Terrorismus. Terroristen seien Fanatiker, die alle Gefühle abgetötet haben und im Kollektiv, dem sie sich untergeordnet glauben, als eine Art von Sklaven wirken. Die Hingabe an Ideen, ohne eigene Liebesfähigkeit, mache den Terroristen zur stark narzisstischen Persönlichkeit. Wie diese, etwa bei den Palästinensern, von einer überwertigen Idee vom Jenseits, von Körperfeindlichkeit, Angst vor der Frau und einer Überhöhung der Männer begleitet wird, konnte der Referent überzeugend vermitteln: Der Heilige Krieg soll das Böse vernichten. Die Terroristen-Suizide erscheinen als Ausdruck einer "kollektiven narzisstischen Kränkung".

So betrachtet Wirth die Amerikaner als kollektiv traumatisiert, weil sie einem für unmöglich gehaltenen Inferno hilflos zusehen mussten. Und wenn der Irak-Krieg als narzisstisch begründet aufzufassen ist, sieht Wirth in den Ereignissen dennoch eine Chance für eine gerechtere Welt: "Der 11. September könnte ein Anlass sein, die Globalisierung der Weltmärkte zu ergänzen durch eine Globalisierung der Ethik und des menschlichen Mitgefühls."

Dieser positive Ausblick ist auch nachzulesen in dem Buch von Hans-Jürgen Wirth "Narzissmus und Macht - Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik"; Psychosozial-Verlag.

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