Lissy Detzer aus Gräfelfing betrachtet die Plakate am Gräfelfinger Bahnhofsplatz vor dem Bürgerhaus.
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Köpfe, Köpfe, Köpfe: Auf den vielen Plakatwänden im Würmtal werben derzeit die Parteien mit ihren Kandidaten. Hier betrachtet Passantin Lissy Detzer aus Gräfelfing die Plakate am Bahnhofsplatz vor dem Bürgerhaus.

Bundestagswahl

Wahlkampf um Köpfe statt Themen

  • Peter Seybold
    VonPeter Seybold
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Der diesjährige Bundestagswahlkampf war so personalisiert wie noch nie. Viele Bürger machten sich mehr Gedanken um die Kanzlerkandidaten als um Themen, haben einige Würmtaler Politiker beobachtet. Das Ergebnis sei wohl völlig offen.

Bei einigen Info-Ständen und Terminen mit dem Wahlkreisabgeordneten Florian Hahn war Gräfelfings Bürgermeister Peter Köstler (CSU) dabei – und hat eine „zwiegespaltene“ Bilanz: „Der Wahlkampf war sehr personalisiert, es ging erstaunlich wenig um Inhalte“, berichtet Köstler. So habe er einige negative Reaktionen auf Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet erhalten. „Dabei geht es doch bei der Wahl um die Richtung, in die wir gehen, und so wichtige Themen wie den Klimawandel“, sagt Köstler. Einige Male sei er gefragt wurden, ob die CSU für ein Tempolimit auf Autobahnen sei – was wohl daran liege, dass dies die erste Frage in dem diesjährigen „Wahl-O-Mat“ war, außerdem zu Aspekten rund um Corona. „Das häufigste Thema von vor vier Jahren, Flüchtlinge und Integration, spielte hingegen überhaupt keine Rolle mehr“, berichtet Köstler.

Briefwähler gab es schon viele

Laschet sei seiner Einschätzung nach überhaupt kein schlechter Kandidat, habe sich aber manchmal nicht geschickt verhalten, was vielen Wahlkämpfern passiere. Insgesamt hätte er sich gewünscht, dass die CSU bei manchen Themen, wie dem Gedanken der Stabilität und was die inhaltlichen Ziele sind, im Wahlkampf noch deutlicher geworden wäre.

Den Umfragen „traue ich nicht mehr so, es waren auf der Straße sehr viele Leute unentschlossen, auch wenn es selbstverständlich schon viele Briefwähler gab“, sagt Köstler, der deshalb auf einen ersten Platz für die Union hofft

Mit Olaf Scholz habe die SPD im Würmtal enormen Zuspruch

Nach ihrem angekündigten Rückzug als SPD-Bundestagsabgeordnete hat sich die Planeggerin Bela Bach aus dem aktiven Wahlkampf herausgehalten, ihn aber als Beobachterin verfolgt. „Der Wahlkampf war denkbar unpolitisch. Anstatt die drängendsten Fragen unserer Zeit zu diskutieren, etwa wie wir dem Klimawandel sozial gerecht begegnen, wie wir unsere Wirtschaft nach der Pandemie auf die Beine bringen oder welche Investitionen für die Verkehrswende am sinnvollsten sind, ging es um Lebensläufe und darum, wer bei welcher Gelegenheit möglicherweise zu viel lacht. Das ist nicht gut für die Demokratie“, meint auch Bach.

Die SPD habe im Würmtal mit Olaf Scholz enormen Zuspruch. Auch nach ihrem Eindruck hätten sich die Menschen insgesamt „weniger von Parteien beeinflussen lassen als von den Kanzlerkandidaten. Das ist sicherlich auch der großen inhaltlichen Annäherung der Parteien geschuldet. Die Unterschiede sind in den vergangenen Jahren stets weniger geworden“, meint Bach. Im Würmtal seien bezahlbares Wohnen und Klimawandel die häufigsten Themen gewesen. Nichtsdestotrotz glaube sie, dass das Ergebnis sehr knapp werden wird.

Grüne Wähler seien mehr an Themen als an Personen orientiert

Auf ihren Rückzug wurde sie oft angesprochen, berichtet Bach: „Mit den steigenden Umfrageergebnissen werde ich auch gefragt, ob ich es nicht bedauern würde, es nicht doch direkt ohne die Parteiliste versucht zu haben. Es nützt aber nichts, sich zu fragen, was gewesen wäre, wenn. Es ist gut so, wie es ist.“

Zwei Veranstaltungen mit dem Bundestagsabgeordneten Anton Hofreiter hat Sabine Pilsinger, Vorsitzende der Grünen im Landkreis München, moderiert und zudem unter anderem Haustürwahlkampf gemacht. Die Stimmung sei für die Grünen „sehr gut“ gewesen, berichtet Pilsinger. Direkt nach der Bekanntgabe der Kandidatur von Annalena Baerbock habe es einen „großen Schwung und Mitgliederboom“ für die Grünen gegeben, der dann wieder etwas zurückgegangen sei. Die gesunkenen Umfragewerte seien ihrer Ansicht nach eine „große Motivation“ für die grünen Wahlkämpfer, sich noch mal richtig ins Zeug zu legen. Im Gegensatz zu den anderen sei sie auch fast immer nach Inhalten gefragt worden. Dabei waren „natürlich die klassischen grünen Themen wie der Klimawandel, auch die schlimmen Ereignisse wie die Flutkatastrophe“, sagt Pilsinger. Laut ihrer Einschätzung sind grüne Wähler generell mehr an Themen als Personen orientiert. Den bundesweiten Wahlkampf ihrer Partei halte sie für „sehr gut, die Plakate waren auffällig, die Themen die Richtigen“, sagt Pilsinger.

Kommunalpolitische Themen spielten bei den Fragen der Bürger kaum eine Rolle

Welche Koalitions-Präferenz sie für die nächsten vier Jahre habe und ob sie sich eine Zusammenarbeit mit den Linken vorstellen könne, möchte Pilsinger nicht eindeutig beantworten. Es komme auf die Inhalte an.

Unter anderem an einigen Wahlkampfständen in Krailling war auch Rudolph Haux (FDP), erster Bürgermeister der Gemeinde, im Einsatz: „Die Stimmung war stets sachlich und uns gegenüber oft positiv, nie feindselig“, erzählt Haux. Bei den Fragen der Bürger hätten kommunalpolitische Themen fast keine Rolle gespielt. Wenn, „ging es oft um die aktuellen Ereignisse wie das Afghanistan-Desaster oder die Geschehnisse rund um Annalena Baerbock. Häufig war auch die Bundeskanzler-Diskussion ein Thema nach dem Motto, der oder die geht oder geht gar nicht.“ Manchmal fragten die Leute nach Klimaschutz, wozu der Bürgermeister dann auf die Maßnahmen in Krailling verwies.

Bürgermeister Haux hat einen Wahlkampf mit mehr Kämpfen erwartet

Insgesamt habe Haux „nach 16 Jahren Angela Merkel einen anderen Wahlkampf erwartet“ – nämlich einen, in dem mehr gekämpft und gerungen wird. Mit dem Wahlkampf der FDP bundesweit sei er aber „insgesamt zufrieden“. Die Fokussierung unter anderem auf die Verantwortung des Einzelnen und einem zwar starken Staat, der aber nicht überall rein regiere, ist nach Haux’ Ansicht die richtige Strategie gewesen.

Welche Präferenz er für eine Koalition nach der Wahl habe, möchte er nicht eindeutig sagen. Er sei aber in jedem Fall „jemand, der gegen einen Linksruck und für eine bürgerliche Koalition“ sei. Insbesondere bei den Grünen sei diese Links-Tendenz seiner Auffassung nach stärker ausgeprägt als bei der SPD.

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