Waldbesetzer Forst Kasten
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Sitzecke am Wegesrand: Gespräche werden im Laufe der Tage viele geführt.

Waldbesetzer in Forst Kasten

„Wir stehen in der Kiesgrube“

  • Nicole Kalenda
    vonNicole Kalenda
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Sie nennen sich BibiUndTina, Bärchen, Timo und Känguru. Sie sind 31, 21 und 17 Jahre alt, kommen aus der Gegend und kennen sich in Forst Kasten aus. Dass der Sozialausschuss des Münchner Stadtrats grünes Licht für die Rodung von 9,5 Hektar gegeben hat, um dort Kies abbauen zu lassen, hat sie in den Wald getrieben.

Würmtal – Den Impuls zur Waldbesetzung gab das Klimacamp Augsburg. „Das stieß sofort auf den fruchtbarsten Boden“, sagt Ingo Blechschmidt, einer der Sprecher der Aktivisten. Etliche Initiativen aus dem Raum München hätten sich angeschlossen – und Privatpersonen. Känguru (17) zum Beispiel. Den Anstoß für sein Engagement in Sachen Klimaschutz habe die „Fridays for Future“-Bewegung gegeben, sagt der Auszubildende. „Ich habe mir Greenpeace und Co. angeschaut und mir meinen eigenen Weg gesucht.“ Nun fungiert er als Versammlungsleiter.

Heute ist er mit dem Fahrrad zum Weg „Klaußner Geräumt“ gefahren, wo links und rechts je eine Plane zwischen den Bäumen aufgespannt ist. Planen und Isomatten schützen die Schlafsäcke vor Feuchtigkeit. Stühle bilden eine Sitzecke neben Paletten, auf denen Lebensmittel stehen. „Wir machen nicht besonders viel. Wir sitzen hier rum, diskutieren. Das sind viele sehr, sehr nette Gespräche, auch mit Bürgern, die vorbeikommen“, sagt er.

Gruß, Aufmunterung, Fragen

Eine Joggerin grüßt, eine Hundebesitzerin versucht, ihren Ralfi davon abzuhalten, an ein in Bodennähe aufgehängtes Transparent zu pinkeln. Sie ruft: „Respekt! Ich wünsche euch alles Gute.“ Und ein Radfahrer möchte wissen: „Was soll denn nun alles gerodet werden?“ Bärchen (21) zeigt erst in die eine, dann in die andere Richtung: „Im Prinzip von der Abrisskante da hinten bis zu dem nächsten Weg da vorne. Das sind 9,5 Hektar Prio 1. Wir stehen in der Kiesgrube.“ Bedroht seien die gesamten 42 Hektar, die als Vorranggebiet ausgewiesen seien. Der Mann fragt: „Welche Hoffnung habt ihr noch?“ BibiUndTina (31) antwortet: „Vielleicht erleben wir es ja mal, dass Entscheidungen für Menschen und gegen Kapitalinteressen getroffen werden. Geben Sie die Hoffnung nicht auf. Wir tun es ja auch nicht.“

Bis zum Vortag sei ständig Polizei präsent gewesen, nun fährt gelegentlich ein Streifenwagen vorbei, um nach dem Rechten zu schauen. Als „sehr kooperativ und kommunikativ, keinesfalls verhärtet“ wird das Verhältnis zu den Waldbesetzern auf Anfrage von einem Sprecher des Polizeipräsidiums München bezeichnet.

Spontane Spenden kommen in den Plastikbecher

Dass BibiUndTina, Bärchen, Timo und Känguru aufgeschlossen sind, merkt auch das Paar mittleren Alters mit Mountainbike und E-Bike. Die vier zeigen ihm bereitwillig, von wo bis wo die 9,5 Hektar gehen. Der Mann sagt ebenfalls: „Respekt, Leute, dass ihr Widerstand leistet. Ihr habt meine Unterstützung.“ Die ist nicht nur moralischer Art: 15 Euro stecken die beiden in den Plastikbecher, der zur Spendenbüchse umfunktioniert wurde.

Freundlich sein, auf Fragen antworten, aufklären – darin sehen die Waldbesetzer ihre Hauptaufgabe. Sie wollen die Aufmerksamkeit auf Bäume, Rodung und Kiesabbau lenken. „Wie finden wir demokratische Mehrheiten? Das funktioniert nur über Meinungsmache in den Medien, indem wir darüber reden, wie wir die Zukunft gestalten wollen“, sagt BibiUndTina. Der 31-Jährige, der im Würmtal wohnt, Physik und Elektrotechnik studiert hat und gerade an seiner Promotion arbeitet, war schon öfter bei Waldbesetzungen. Er sagt: „Wir haben das Privileg in unserem Land, dass wir uns gewaltfrei tatsächlich in so einen Wald setzen können, um Aufmerksamkeit zu erregen.“ Das sehe er als Verpflichtung an.

„Wir sind mitten in der Klimakrise.“ Er spricht von Kipppunkten, deren Überschreiten irreversibel ist, und nennt das Abschmelzen des grönländischen Eisschilds. „Das ist eine Einbahnstraße. Das können wir mit keiner Technologie der Welt rückgängig machen.“ Zu Forst Kasten, Bannwald und Teil des Landschaftsschutzgebietes Forstenrieder Park, sagt er: „Es geht darum, unsere Lebensgrundlage und die der zukünftigen Generationen nicht für ganz kurzfristigen Gewinn zu vernichten, der absolut unnötig ist.“

„Kasti Austausch“ und „Kasti Ticker“

Bärchen, ebenfalls waldbesetzungserprobt und nach zweijähriger Auszeit in die Schule zurückgekehrt, ergänzt: „Ich sehe es ein Stück weit als unsere Verantwortung an, weil wir als Menschen diesen Mist gebaut haben. Seit über 50 Jahren kennt man die Auswirkungen, die der Mensch aufs Klima hat. Es ist langsam Zeit, da gegenzusteuern. Tiere haben diese Möglichkeit nicht.“

Die Teilnehmer der angemeldeten und genehmigten Versammlung wechseln, immer ist ein Versammlungsleiter dabei, mal sind es 17 Aktivisten, mal übernachten fünf, am vergangenen Sonntag waren es zehn und am Dienstagvormittag kurzfristig nur einer. Sie organisieren sich über die Telegram-App. Auf der Kommunikationsplattform haben sie zwei Gruppen: „Kasti Austausch“ und „Kasti Ticker“. Dort ist zu lesen, was los ist und was gebraucht wird. Im Augenblick sind es Edding-Stifte.

Bärchen ist alle zwei Nächte einen Tag zu Hause. Timo (17), der ebenfalls Schüler ist, hat erst einmal im Wald übernachtet, war aber fünfmal tagsüber da, radelt am Abend wieder nach Hause und kommt am nächsten Morgen zurück. Bärchen hat ein Regal mitgebracht, in dem Spiele wie „Halma“, „Uno“ oder „Phase 10“ liegen. „Gestern hatten wir Kniffel da. Ich mag Kniffel und Mäxchen sehr gerne.“

Kennengelernt haben sich Bärchen, BibiUndTina, Timo und Känguru am vergangenen Samstag – hier in Forst Kasten. „Wir sind alle nicht organisiert, keine Gruppe in dem Sinne. Wir sind Leute, die diese Versammlung aufrechterhalten, diese Mahnwache aufrechterhalten“, sagt Bärchen. Er hat über das Klimacamp München von der Aktion erfahren, Timo von Känguru, und Känguru sagt: „Ich bin mit linken Menschen hier aus der Gegend vernetzt. Wenn hier etwas passiert, was eigentlich recht selten ist, dann geht das rum über Mund-zu-Mund-Propaganda, über Nachrichten, Kettenbriefe und Posts im Internet.“

Bürgi, Aktivisti, Menschi, Mitbewohni und Kasti

„Linke mögen den Buchstaben i“, sagt Bärchen. Die vier Waldbesetzer sprechen bevorzugt geschlechtsneutral von Bürgis, Aktivistis, Menschis, Mitbewohnis, vom Kasti und von Transpis. Bärchen: „Wir haben Transpis aufgehängt und wir haben auch Transpi-Malsachen. Wir können noch mehr malen und aufhängen.“

Ob Grünzug-Netzwerk Würmtal, „Rettet den Würmtaler Wald“ oder „Wald Neuried Erhalten“ – die Bürgerinitiativen seien schon da gewesen. Känguru: „Die kommen und unterstützen uns.“

Wildfremde Menschen versorgen die Besetzer. „Wir leben essenstechnisch größtenteils von dem, was uns Bürgis vorbeibringen“, sagt Känguru. Heute sind es Nudeln mit Tomatensoße und Gemüse, es war auch schon einmal eine Schwarzwälder Kirsch und häufig ist es heißer Kaffee. „Die letzten Tage haben wir sehr viel Schokolade bekommen“, erzählt Bärchen. „Wir haben einen Haufen Schokolade, einen Haufen Brot und einen Haufen Aufstriche. Wir verhungern hier echt nicht. Dieses Versorgungsnetzwerk ist wahnsinnig cool.“

Bis gerodet wird, werden noch Monate oder Jahre vergehen. Ob bis dahin der Wald besetzt bleibt, werde sich zeigen. „Ich glaube nicht, dass das der Fall sein wird“, sagt Bärchen. „Zum ersten Bagger sind wir auf jeden Fall wieder da. Dann kommen wir wieder und dann kommen wir richtig wieder.“ Das sieht auch BibiUndTina so. Er erwartet viel Auftrieb: „Die Pandemie lässt vielleicht den Sommer über nach. Eventuell gibt’s eine Rodungssaison ab Oktober. Ich frage mich, ob den politischen Entscheidungsträgern bewusst ist, dass dann nicht ein paar Hundert Menschen im Wald sind, sondern Tausende.“

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