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Schieben statt radeln: Frauke Buchholz bei einer ADFC-Kundgebung im September 2015 in Gräfelfing.

ADFC Würmtal sucht Verstärkung

Ran an den Verkehrsraum

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Radwege sind gebaut, Wegweisesysteme eingerichtet. Jetzt geht es ans Eingemachte: die Neuverteilung des Verkehrsraums. Was in Kopenhagen und München längst praktiziert wird, lässt im Würmtal auf sich warten.

Würmtal – Seit fast drei Jahrzehnten gibt es die Arbeitsgruppe Verkehr Landkreis West im ADFC München. Sprecherin ist von Anbeginn an die Neuriederin Frauke Buchholz. Die erste Liste mit Vorschlägen zur Verbesserung der Situation für Radfahrer im Würmtal stammt aus dem Jahr 1991. Seitdem treffen sich die Mitglieder im Schnitt einmal monatlich, um im Kleinen an der Umsetzung der verkehrspolitischen Ziele zu arbeiten, die sich der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) auf die Fahnen geschrieben hat: nachhaltige Radverkehrsförderung, Gleichberechtigung der Verkehrsarten, Sicherheit und Akzeptanz der Radfahrer.

Der ADFC spricht sich gegen eine Helmpflicht aus und tritt für die Abschaffung der Radwegebenutzungspflicht ein. „Wir wollen keine Verpflichtung. Unsere Gesellschaft soll keine Zwänge ausüben, sondern Angebote machen“, sagt Martin Feldner, seit 1990 beim ADFC engagiert, seit seinem Umzug nach Gräfelfing vor sechs Jahren in der Würmtal-Gruppe.

Der Fahrrad-Club und seine Mitglieder mussten darum kämpfen, ernst genommen zu werden. Inzwischen stellen Buchholz und Feldner große Fortschritte fest, bei Autofahrern wie Kommunen. „Bewusstsein, Kenntnis und Rücksicht nehmen bei motorisierten Verkehrsteilnehmern stark zu“, sagt Feldner. Und weiter: „Die Verkehrserziehung müsste vor allen bei Radfahrern ansetzen.“ Er sieht es als „ernsthaftes Problem“ an, „dass sich 30 Prozent der Radfahrer nicht an die Regeln halten“.

Dass Jugendliche und Erwachsene auf dem Gehweg radeln, wo sie nichts zu suchen haben, und auf Radwegen gerne mal in der falschen Richtung unterwegs sind, mag auch an dem liegen, was der Gräfelfinger „negative Verkehrserziehung“ nennt. „Generationen von Schülern verstoßen gegen Regeln, weil es gar nicht anders geht.“

Ein Beispiel ist die Einmündung der Richard-Wagner-Straße in die Pasinger Straße in Planegg. Wer aus der Richard-Wagner-Straße kommt und weiter durchs Bruggergangerl radeln möchte, muss an der Einmündung absteigen und sein Rad einige Meter weiter nach Süden zur Ampel schieben. Links abbiegen darf er nicht. In den allermeisten Fällen radelt er aber über die Verkehrsinsel und auf dem Gehweg zur Ampel, was nicht erlaubt ist.

Die Arbeitsgruppe Verkehr des ADFC arbeitet darauf hin, dass solche Situationen gar nicht erst entstehen. Und die Kommunen wissen die Expertise inzwischen zu schätzen. „Standardmäßig werden uns alle Verkehrsplanungen zu einem frühen Zeitpunkt vorgelegt. Das klappt seit Jahren“, so Feldner. Beim Kreisverkehr am Ärztehaus in der neuen Martinsrieder Ortsmitte etwa habe man auf die Planung einwirken können. „Ohne viel Aufhebens“, sagt Feldner.

Manchmal kommt es aber auch vor, dass ein dem ADFC nahestehender Radfahrer Klage beim Verwaltungsgericht einreichen muss, damit etwas passiert. Der 2014 gebaute Kreisverkehr an der Kreuzung Lochhamer Straße/Rottenbucher Straße/Am Wasserbogen war so ein Fall. Schon im Vorfeld hatte der ADFC auf Fehler bei der Planung hingewiesen. Als nach dem Bau die Zahl der Unfälle von jährlich 1,2 auf sieben stieg, entschied sich ein ADFC-Mitglied zu Klage. Die Gemeinde gab ein Verkehrsgutachten und ein Sicherheitsaudit in Auftrag. Die Ergebnisse bestätigten den ADFC. Man einigte sich außergerichtlich: Gräfelfing verpflichtete sich zum Umbau, im Gegenzug wurde die Klage zurückgezogen. Der Umbau ist über ein Jahr her. „Seitdem gab es null Unfälle, und die Schülerlotsen sind zufrieden“, so Feldner.

Auch die Beschilderung eines Fuß- und Zwei-Richtungs-Radweges an der Pasinger Straße zwischen dem Kreisverkehr am nördlichen Ortseingang und der Richard-Strauss-Straße war schon Gegenstand eines Gerichtsverfahrens. Der ADFC hatte gefordert, Schilder aufzustellen, dass Radfahren erlaubt ist. Das Landratsamt, zuständig für die Beschilderung an Staatsstraßen, hielt das für überflüssig. Feldner: „Wir wollen klare Verhältnisse und eine für Kinder nachvollziehbare Beschilderung.“ Bei einem Ortstermin im September vergangenen Jahres legte das Verwaltungsgericht dem Landratsamt nahe, die Schilder anzubringen. Nun zeugt ein schwarzes Fahrrad auf weißem Grund mit Pfeilen in beide Richtungen von der Befahrbarkeit des Gehwegs.

„Unser Thema ist immer wieder der Verkehrsraum“, sagt Buchberger. Und der muss nach Meinung des ADFC anders aufgeteilt werden, um bessere Bedingungen für Radfahrer zu schaffen. In Neuried etwa setzt man sich seit Jahren für eine Verengung der Fahrbahn der Forstenrieder Straße in der Ortsmitte ein, um die Radwege verbreitern zu können. In der Pasinger Straße in Gräfelfing braucht es nach Ansicht des ADFC Schutzstreifen zwischen Biofachmarkt und Bäckerei. „Das würde Parkplätze kosten, was halt wehtut“, so Feldner. Der Radweg im nördlichen Teil der Lochhamer Straße in Martinsried auf Höhe des Obi-Gartencenters sollte auf Kosten der Fahrbahn um wenigstens 50 Zenitmeter verbreitert werden. Feldner: „Die große Aufgabe ist die Umverteilung der Verkehrsfläche an Knotenpunkten. Das muss nicht immer nur Fahrbahn sein, das können auch Parkplätze sein.“

Ob die Arbeitsgruppe in ihrer aktuellen Besetzung genug Energie aufbringt, um das durchzusetzen, wird sich zeigen. Das jüngste Mitglied ist Mitte 40, der Rest über 60 Jahre. „Wir brauchen Jüngere, die bei uns reinwachsen“, sagt Buchberger. Und Feldner: „Wir müssen uns dringendst verstärken. Wir haben zum Beispiel nicht die Kraft und die Leute für Verkehrsinfostände. Das ist ein ganz ernsthaftes Problem.“

Das nächste Treffen findet am Mittwoch, 28. November, 20 Uhr, in der Cafeteria der Musikschule Planegg-Krailling in der Pasinger Straße in Planegg statt. Wer mehr Informationen möchte, kann sich per E-Mail an Frauke Buchholz wenden: frauke.
buchholz@adfc-muenchen.de.

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