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„Obdachlosig keit kann jeden treffen“, sagt Tanja Fees von der Arbeiterwohlfahrt. Die Würmtalgemeinden stellen Wohnungslosen Unterkünfte zur Verfügung – doch nicht alle nehmen das Angebot an.

Leben Am Rande der Gesellschaft

Obdachlos im Würmtal

Rund 20 Obdachlose leben derzeit im wohlhabenden Würmtal. Nicht alle wollen die Unterkünfte der Gemeinden nutzen.

Würmtal– Akademiker, Rentner, Alleinerziehende: „Es kann jeden treffen“, sagt Tanja Fees. Für die Arbeiterwohlfahrt (AWO) betreut sie Obdachlose im Würmtal. Und davon gibt es einige. Sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren, ist eine Herausforderung für die Gemeinden. Eine Trennung, eine Eigenbedarfskündigung – schon droht die Obdachlosigkeit. „Viele arbeiten, denen sieht man das nicht an“, erzählt Fees. Andere hätten den Überblick verloren über das, was ihnen an finanziellen Zuwendungen zustehe und das, was sie an Pflichten zu erfüllen hätten.

Planegg und Gräfelfing haben die AWO und damit Fees engagiert, die Obdachlosen in den gemeindlichen Notunterkünften zu betreuen. Daher kümmert sie sich derzeit um drei Personen in Planegg und zwei in Gräfelfing. Sie hilft ihnen, ihre finanzielle Situation zu klären, begleitet sie bei Behördengängen, unterstützt bei der Arbeits- und der Wohnungssuche. Obdachlose unterzubringen, gehört zu den Pflichten einer Gemeinde. Darüber hinaus bieten die Kommunen im Würmtal Bedürftigen weitere Hilfe – mit oder ohne Unterstützung der AWO. „Wir haben die Gautinger-Insel und das Sozialamt als Anlaufstelle“, erklärt die Sprecherin der Gemeinde Gauting, Ricarda Polz. Auch über eine Notunterkunft verfügt Gauting, derzeit seien dort acht Personen untergebracht. Die Gemeinde helfe Obdachlosen psycho-sozial sowie pragmatisch. „Alleine gelassen werden sie nicht“, sagt Polz. „Aber sie müssen es auch annehmen“, ergänzt sie.

Das ist nicht immer der Fall, weiß Anette Friedrich vom Kraillinger Ordnungsamt. „Es fehlt an der Mitwirkungslust der Leute, ihre Situation zu verbessern“, nennt sie ein Beispiel. „Manche wollen ihre Situation nicht wahrhaben“, sagt der Geschäftsleiter der Gemeinde Planegg, Stefan Schaudig. Und Ilse Amberger vom Planegger Bürgerbüro berichtet: „Neulich war in Planegg wieder einer auf der Straße unterwegs, dem haben wir unsere Unterkunft angeboten, aber der wollte lieber draußen bleiben. Man kann die Leute ja nicht zwingen.“

Die Planegger Unterkunft ist derzeit vergleichsweise leer. „Wir hatten schon 20 bis 25 Obdachlose. Elf Kinder hatten wir auch schon zusammen dort“, so Amberger. Dass so wenig Plätze belegt sind, führt Schaudig auch auf die Arbeit der AWO zurück. Deren Fachstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit versucht wie die Gemeinden, es gar nicht erst zur Obdachlosigkeit kommen zu lassen. „Aber viele gehen nicht aufs Amt“, stellt Amberger fest. In Neuried nehmen derzeit fünf Personen eine Notunterkunft in Anspruch. Teilweise wurden sie in gemeindeeigenen Wohnungen untergebracht, teilweise in angemieteten.

Die einzige Gemeinde, die keine eigene Unterkunft hat, ist Krailling. Doch auch dort gibt es einen Obdachlosen. „Wir mieten meistens Pensionen im Münchner Bereich“, erklärt Friedrich. Bislang hätten Bedürftige das Angebot für maximal vier Monate in Anspruch genommen. Sie möglichst schnell zu integrieren, ist finanziell interessant für die Gemeinde. Ein Zimmer in einer Pension koste sie 500 bis 600 Euro monatlich, so Friedrich.

Bis Obdachlose wieder über ein geregeltes Arbeits- und Mietverhältnis verfügen, kann viel Zeit vergehen. In den Unterkünften, die Fees in Gräfelfing, Planegg und Höhenkirchen-Siegertsbrunn betreut, bleiben Obdachlose im Schnitt 384 Tage. „Die meisten, die 2016 die Unterkünfte verließen, waren bis zu zwei Jahre dort“, sagt sie. Petra Hierl-Schmitz, Leiterin der Ordnungs- und Sozialverwaltung der Gemeinde Gräfelfing berichtet gar von einer Langzeitbewohnerin. „In deren Augen ist die Notunterkunft inzwischen ihr Zuhause“, erklärt sie.

Victoria Strachwitz

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