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Anette Orth und Wolf Louis (stehend, li.) vom Helferkreis Asyl in Krailling mit Flüchtlingen, die sich um einen Arbeitsplatz bemühen: Das fehlende Personal der offiziellen Organisationen ausgleichen.

Asyl-Standort Würmtal

Helfer stöhnen über Bürokratie-Dschungel

Würmtal - Stundenlange Anhörungen, das Ringen mit Behörden und reihenweise Abschiebebescheide setzen den Würmtaler Helferkreisen für Flüchtlinge zu. An ihrem Engagement ändert das wenig.

Für Elisabeth Schneider-Eicke geht ein aufregendes und extrem anstrengendes Jahr zu Ende. „Mein Mann beschwert sich manchmal, weil er mich so selten sieht“, sagt Elisabeth Schneider-Eicke. Dass sie dabei lacht, zeigt, dass sie immer noch mit viel Herzblut dabei ist. Trotz aller Strapazen.

Elisabeth Schneider-Eicke ist Koordinatorin des Gräfelfinger Helferkreises. Nur zu gut erinnert sie sich an die chaotischen Zustände, die herrschten, nachdem die ersten Asylbewerber in die Turnhalle gezogen waren. „Manche Flüchtlinge sind zusammengebrochen, als sie gesehen haben, wo sie landen.“

Während zu Beginn vor allem Arztbesuche, das Abholen von Krankenscheinen und das Erklären der örtlichen Infrastruktur oberste Priorität hatten, stehen jetzt die Wohnungssuche, das Vermitteln von Arbeitsplätzen sowie Sprach- und Integrationskurse auf dem Programm. Etwa 170 der rund 200 Asylbewerber, darunter Syrer, Afghanen, Iraker und Nigerianer, leben derzeit in den Holzhäusern zwischen Gräfelfing und Martinsried. Die anderen 30 hat der Helferkreis dezentral in Wohnungen untergebracht.

Sieben Flüchtlinge haben bereits eine Arbeit gefunden, zahlreiche andere machen ein Praktikum. Manche konnten ihrem Fachgebiet treu bleiben, andere haben studiert, machen aber jetzt zum Beispiel ein Praktikum in der Altenpflege oder in einer Schreinerei.

Außerdem ist es dem Helferkreis und der Gemeinde gelungen, für jedes der rund 60 Kinder einen Betreuungsplatz zu finden. Doch trotz dieser Erfolge drohen manche Projekte zu scheitern. So hat es die rund 40 Ehrenamtlichen, die den festen Kern des Helferkreises bilden, einiges an Zeit und Mühe gekostet, die Genehmigung für einen Container zu bekommen. Dieser soll künftig als Gemeinschaftsraum dienen.

Probleme ganz anderer Art hat derzeit der Kraillinger Helferkreis. Seit die Gemeinde einen neuen Ordnungsdienst beauftragt hat, kommen die 133 Asylbewerber auf der Sanatoriumswiese nicht mehr an ihre Post. Diese müssen die Flüchtlinge persönlich beim Ordnungsdienst abholen. Dieser ist allerdings nur vormittags da, also zu einer Zeit, in der die meisten Asylbewerber arbeiten oder anderweitig beschäftigt sind.

Bei den Briefen handelt es sich jedoch um wichtige Terminpost, beispielsweise vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Darunter sind häufig Ablehnungsbescheide, gegen die die Flüchtlinge nur eine Woche lang Klage einreichen können. „Anscheinend mangelt es dem Ordnungsdienst an Personal“, sagt Anette Orth, eine der beiden Koordinatorinnen des Helferkreises.

Sie verweist auf die Stadt München, wo Flüchtlinge rund um die Uhr betreut werden. Krailling hingegen, zum Landkreis Starnberg gehörend, muss sich mit einer dreistündigen Betreuung begnügen. Und auch die Asylsozialbetreuung glänze durch Abwesenheit. „Es kann doch nicht sein, dass der Helferkreis das fehlende Personal dieser beiden Organisationen ausgleichen muss“, so Orth.

Zumal der Arbeitsdruck für viele Helfer schon jetzt zu hoch ist. So sind von den rund 110 Ehrenamtlichen, die der Helferkreis verzeichnet hat, nur noch rund 50 richtig aktiv. „Das Problem ist, dass wir uns allein durch den Behörden-Dschungel kämpfen müssen“, sagt Anette Orth. Es sei für die Helfer sehr zeitaufwendig und zermürbend, 133 Flüchtlinge durch das Asylverfahren zu begleiten. Gerade in Zeiten, in denen es Abschiebebescheide, vor allem für Afghanen, „geradezu hagelt“.

Von den damit verbundenen Strapazen können auch Sibylle Dippel und Ulrich Essig ein Lied singen. Das Ehepaar ist für die Koordination des Planegger Helferkreises zuständig. „Momentan dreht sich bei uns eigentlich alles um die Bescheide vom BAMF“, erklärt Sibylle Dippel. Sie und ihr Mann sind oft bei den Anhörungen dabei, in denen die Flüchtlinge ihre Geschichte schildern müssen. „So eine Anhörung dauert zum Teil zehn Stunden, wobei die ersten sechs Stunden nur aus Wartezeit bestehen“, so Dippel.

Momentan sucht der Planegger Helferkreis händeringend nach Juristen, die bereit sind, ehrenamtlich Bescheide zu prüfen und nötige Schritte in die Wege zu leiten. Doch auch Anwälte können vermutlich nicht verhindern, dass Sibylle Dippel und Ulrich Essig immer wieder Rückschläge hinnehmen müssen. Umso wichtiger sei es, die Notwendigkeit des Engagements nicht aus den Augen zu verlieren. Essig: „Was wir hier machen, ist eine langfristige Aktion.“

Karin Priehler

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