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Jedes Jahr verlassen Mitglieder die evangelischen und katholischen Kirchen im Würmtal. 

Zahl der Austritte nimmt nicht ab

„Die Kirche ist den Leuten wurscht“

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Es gab keine Skandale. Und die evangelische Kirche feiert das Reformationsjubiläum. Doch die Zahl der Kirchenaustritte wird nicht weniger.

Würmtal– „Uns schlägt kein Hass entgegen“, sagt der Pfarrer der evangelischen Waldkirche in Planegg, Bernhard Liess. Dennoch verliert er jedes Jahr rund ein Prozent seiner Schäfchen. Und es trifft nicht nur ihn. Auch die anderen christlichen Gemeinden kämpfen, denn die Zahl der Kirchenaustritte im Würmtal ist weiter stabil, auch wenn in jüngster Zeit keine Skandale oder Irritationen mehr für Schlagzeilen sorgten.

Protestanten und Katholiken halten sich mit Austritten in den meisten Gemeinden im Würmtal die Waage, so die Information der Standesämter. „Geht es einer Konfession schlecht, trifft es auch die andere“, erklärt Liess. „Das ist ganz absurd“, sagt er in Erinnerung an zurückliegende Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche.

Bislang verabschiedeten sich heuer 316 Menschen im Würmtal von der evangelischen und der katholischen Kirche. Das Hauptproblem sei, die zunehmende Indifferenz der Menschen. „Die Kirche ist den Leuten wurscht“, sagt Pfarrer Liess. „Die Leute überlegen sich, für welchen Verein sie Beitrag zahlen“, sagt er und sieht darin auch etwas Gutes. „Es ist nicht schlecht, dass die Leute sich bewusst dafür entscheiden, Mitglied der Kirche zu sein.“

Neurieds katholischem Pfarrer Wieslaw Poradzisz fehlt allerdings teilweise das Engagement seiner Schäfchen. Von 40 Firmlingen, die sich bewusst für die Kirche entschieden hätten, sehe er hinterher nur zehn regelmäßig. „Aber das ist ein allgemeiner Trend auch in Vereinen“, weiß er. In Neuried haben heuer bislang 41 Katholiken und sieben Protestanten ihrer Kirche den Rücken gekehrt. Damit scheint Neuried die einzige Gemeinde im Würmtal zu sein, in der es heuer einen prägnanten Unterschied zwischen den Austritten aus der katholischen und denen aus der evangelischen Kirche gibt (Zum Vergleich 2016: römisch-katholisch 34, evangelisch 21).

Poradzisz erklärt dennoch, „wir machen uns keine Sorgen“. Es gebe jedes Jahr auch drei bis fünf Eintritte, zusätzlich zu den 25 bis 30 Taufen. Damit hielten sich Aus- und Eintritte in etwa die Waage. Freilich bedauert er die Austritte: „Es ist immer schade.“ Aber er respektiere die Entscheidung der einzelnen Menschen. „Das Geld spielt eine große Rolle bei den Austritten“, meint er im Hinblick auf die Kirchensteuer. „Wenige sagen: ,Es stinkt mir in der Kirche’“. Er habe auch schon Wiedereintritte von Menschen gehabt, die erklärt hätten: „Irgendetwas hat mir gefehlt.“

Derzeit gehören in Deutschland über 50 Prozent der Menschen einer der beiden Volkskirchen an. „Das wird sich sicherlich ändern und das wird gesamtgesellschaftliche Fragen aufwerfen“, meint Liess. Weniger Mitglieder bedeute weniger Geld und das bedeute, Kräfte müssten gebündelt werden. „Man muss nicht sofort handeln“, sagt er. Aber man müsse über die Strukturen nachdenken. Poradzisz und Liess schreiben alle an, die aus der Kirche austreten und suchen das Gespräch. Rückmeldungen bekommen sie selten. „Das lässt darauf schließen, dass es kein konkreter Ärger ist“, der den Anstoß zum Austritt gab, meint Liess. Die Kirche sei heute einfach vielen gleichgültig.

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