Das bayerische Gesundheitsministerium gibt am 27. Januar spätnachts den ersten Corona-Fall bundesweit bekannt. Ein Webasto-Mitarbeiter hat sich bei einer chinesischen Kollegin angesteckt. Ein halbes Jahr später ist nichts mehr so, wie es früher einmal war – auch nicht im Würmtal.
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Ende März nimmt die Kraillinger Corona-Teststation ihren Betrieb auf. 

Würmtaler Chronologie

Ein halbes Jahr mit dem Coronavirus

  • Nicole Kalenda
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Das bayerische Gesundheitsministerium gibt am 27. Januar spätnachts den ersten Corona-Fall bundesweit bekannt. Ein Webasto-Mitarbeiter hat sich bei einer chinesischen Kollegin angesteckt. Ein halbes Jahr später ist nichts mehr so, wie es früher einmal war – auch nicht im Würmtal. Eine Chronologie.

Würmtal – Die Globalisierung bringt das Virus SARS-CoV-2 ins Würmtal: Eine Mitarbeiterin vom Unternehmensstandort Shanghai schleppt es Ende Januar bei einer Dienstreise zum Stockdorfer Webasto-Stammsitz unwissentlich ein. Symptome zeigt sie erst nach ihrer Rückkehr nach China. Insgesamt acht Kollegen erkranken, dazu Angehörige. Webasto reagiert mit einer kompletten Unterbrechung aller Kontakte, bei denen die Infektion übertragen werden kann. Das Stockdorfer Hauptquartier wird für 14 Tage geschlossen, die Mitarbeiter arbeiten von zu Hause aus. Die Würmtaler Apotheken melden den Ausverkauf von Desinfektionsmittel und Mund-Nasen-Schutz. Dabei ist die Maskenpflicht noch Monate entfernt. Mitte Februar kehren die Webasto-Mitarbeiter nach Stockdorf zurück.

Erster Fall im Kreis München am 4. Februar gemeldet

Der erste Coronavirus-Fall im Landkreis München wird am 4. Februar gemeldet. Zu wenig ist bekannt über die Verbreitungswege. Der Erreger SARS-CoV-2 löst Covid-19 aus, was als zunächst neuartige Lungenkrankheit eingestuft wird. Erst Wochen später werden die Wissenschaftler so weit sein, in Covid-19 eine Systemerkrankung zu erkennen, denn das Coronavirus kann fast jede Zelle im Körper befallen. Da Covid-19 oft symptomfrei verläuft, sehen sich viele vor allem in der Anfangsphase der Pandemie in Deutschland nicht gefährdet. Dass auch Infizierte, die sich nicht krank fühlen, das Virus weiterverbreiten, wird nicht von allen realisiert.

Die Fußballerinnen des TSV Neuried ringen mit sich, schließlich brechen sie Ende Februar zum Trainingslager am Gardasee auf. Zu dem Zeitpunkt mehren sich die schlechten Nachrichten aus Italien, das deutlich stärker vom Coronavirus getroffen ist. Zwei Spielerinnen ist das Risiko zu groß, sie bleiben zu Hause. Trainer Josip Hrgovic berichtet aus Arco: „Hier ist alles in Ordnung. Wir haben niemanden mit Maske gesehen, wir merken nichts.“

In den Würmtaler Firmen und Gemeindeverwaltungen finden Krisensitzungen statt, bei denen sich alles um die Seuche dreht. Das Landratsamt München gibt einen Handzettel mit Hinweisen zu Abstandhalten, Husten- und Nies-Etikette und Händewaschen heraus.

Nach den Faschingsferien geht es in der ersten Märzwoche zunächst ganz normal mit dem Unterricht weiter. Doch in dieser Woche kommt auch Corona zurück ins Würmtal: Ein Kind, das einen Gräfelfinger Kindergarten besucht, wird positiv getestet. Der Kindergarten wird geschlossen. Und mehr als 150 Schüler, die die Ferien in Corona-Risikogebieten verbracht haben, zu denen inzwischen auch Südtirol gezählt wird, müssen jetzt doch zu Hause bleiben.

Kommunalwahl unter Corona-Bedingungen

Die Kommunalwahl am 15. März rückt näher. Die Rathäuser bereiten sich auf eine Stimmabgabe unter Corona-Bedingungen vor, mit Desinfektionsspendern, Handschuhen und Wegwerfkugelschreibern. Die Zahl der Briefwähler steigt.

Die Corona-Fälle werden auch im Würmtal mehr, das Virus legt das öffentliche Leben lahm, Sport genauso wie Kultur. Reihenweise werden Veranstaltungen abgesagt und Veranstaltungsorte wie Gräfelfinger Bürgerhaus oder Planegger Kupferhaus geschlossen. Die Büchereien machen zu.

Dafür beginnt der Landkreis München, Teststationen einzurichten. Die Gemeinden fungieren ab sofort als Außenstellen des Gesundheitsamtes. Um steigende Erkrankungszahlen abzufangen, werden Krankenhausbetten vorgehalten. Bayernweit werden Mitte März die Schulen erst einmal bis zu den Osterferien geschlossen, die Zeit des Homeschoolings beginnt auch für Würmtaler Kinder und Jugendliche.

Der Freistaat ist schlimmer getroffen als andere Bundesländer. Die Bayerische Staatsregierung verkündet am 16. März den landesweiten Katastrophenfall, verbunden mit einem Lockdown, Geschäfte des täglichen Bedarfs und Apotheken bleiben geöffnet. Buchhandlungen, Friseure, Bekleidungsgeschäfte, Reisebüros, Fitnesscenter und die Gastronomie schließen. Die Gemeinde Planegg listet auf ihrer Homepage unter dem Titel „Jetzt lokal einkaufen“ Angebote auf, vom Liefer- und Abholservice bis hin zum Online-Shop. Die Würmtaler Bürgermeister treffen sich zum Austausch, Gräfelfing baut als erste Gemeinde eine Corona-Teststation auf. Später folgen Neuried, Krailling und Planegg.

Tausende Masken werden genäht

Vor allem ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen sollen so wenig wie möglich aus dem Haus gehen. Viele Würmtaler Einrichtungen, Sportvereine, Nachbarschaftshilfen und Privatpersonen bieten ihre Dienste an. Tausende Masken werden genäht. Die Gräfelfinger Firma Glück verschenkt tonnenweise Spielsand an Familien, damit zu Ostern keine Langeweile aufkommt.

Und die Kirchen? Öffentliche Gottesdienste sind abgesagt, doch die Würmtaler Geistlichen setzen alles daran, den Gläubigen nahe zu sein, stellen Texte auf die Homepages ihrer Pfarreien, legen Bibelworte im Gotteshaus aus und predigen sogar im Livestream aus der Hauskapelle.

Die Seuche erreicht das Planegger Altenheim

Anfang April stirbt eine 97-jährige Bewohnerin des Evangelischen Alten- und Pflegeheims in Planegg mit Covid-19. Weitere Bewohner zeigen Symptome. Das ganze Haus wird durchgetestet. Zwei Wochen später sind es 24 Corona-Fälle und sieben Corona-Tote.

Nach einem Covid-19-Fall in der Kraillinger Asylunterkunft wird die komplette Unterkunft unter Quarantäne gestellt. Die Würmtaler Vereine sagen ihre Maifeiern ab. Die Volkshochschule im Würmtal hält ihre Kurse teils als Webinare online ab, 169 Veranstaltungen entfallen.

Es gibt auch gute Nachrichten: Der Gräfelfinger Tabakkonzern Philip Morris spendet an wohltätige Organisationen und Einrichtungen deutschlandweit 1,6 Millionen Euro. Und die Würmtaler zeigen sich diszipliniert. Die Polizei stellt kaum Verstöße gegen Corona-Maßnahmen wie die Ende April eingeführte Maskenpflicht fest. Zeitgleich dürfen die ersten Läden wieder öffnen.

Appell von Landrat Göbel

Im Mai gehen die Lockerungen weiter, Friseure können nun Kunden empfangen, Gottesdienste sind wieder erlaubt – alles unter Auflagen. Rechtzeitig zum Muttertag darf wieder Besuch ins Altenheim, wenn auch unter strengen Vorkehrungen. Mitte Mai machen Gaststätten und Biergärten zunächst im Außenbereich auf, später in den Innenräumen. Münchens Landrat Christoph Göbel sagt: „Ich kann es verstehen, dass die Leute sich treffen wollen, aber ich appelliere an die Bürger, sich an die Hygiene- und Abstandsregeln zu halten.“

Ende Juni kehren die Sportler in die gemeindlichen Turnhallen zurück, Umkleiden und Duschen bleiben vorerst geschlossen. Auch die Kinos öffnen wieder: Das Gautinger Breitwand macht den Anfang, das Gräfelfinger Filmeck folgt rund zwei Wochen später. Das Gautinger Sommerbad lässt die ersten Badegäste am 15. Juli ein, das Planegger Wellenbad bleibt geschlossen. Die Corona-Maßnahmen lassen sich dort nur mit immensem Personalaufwand umsetzen.

Anfang Juli unterziehen sich 900 Neurieder einem Corona-Test – alle negativ. Überhaupt nehmen die Würmtaler den inzwischen kostenlosen Corona-Test gut an. Die offiziellen Infektionszahlen steigen trotzdem nicht, das Würmtal ist kein Hotspot.

Martinsrieder Biotech-Cluster forscht an Impfstoff

Einen Impfstoff gibt es nach wie vor nicht. Forscher auf der ganzen Welt arbeiten daran, auch im Martinsrieder Biotech-Cluster. Die erste Würmtaler Firma, die einen Coronavirus-Test herausbrachte, sitzt jedoch in Neuried. Anfang März präsentierte Mikrogen seinen „ampliCube Coronavirus Test“.

In den fünf Würmtalgemeinden gab es bis vergangenen Freitag insgesamt 355 positiv getestete SARS-CoV-2-Fälle: Gräfelfing 56, Planegg 88, Neuried 32, Krailling 51, Gauting 128. Im gesamten Landkreis München waren 1506 Infizierte gemeldet, im Landkreis Starnberg 624. Wie hoch die Dunkelziffer ist, ist unbekannt. In Deutschland sind bis zum jetzigen Zeitpunkt über 200 000 Menschen an Covid-19 erkrankt, über 9000 gestorben. Weltweit hat die Zahl der Coronavirus-Fälle bei mehr als 640 000 Toten die 16-Millionen-Grenze überschritten. Es ist noch lange nicht vorbei.

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