+
Das Prinzenpaaar 1950: Willy I. von Juwelien und Sepherl I. von Ondulatien umrahmt von drei Mickey-Mäusen.

Das erste Würmtaler Prinzenpaar wurde demokratisch gewählt

Von Amerika inspiriert

Das Würmtal war ehemals reich an „gekrönten Häuptern“ und trotzdem ein Vorbild an Demokratie. 1949 wurde in Gräfelfing das erste Prinzenpaar für den Fasching 1950 gewählt, vom Volk in direkter Abstimmung mithilfe des damals noch jungen „Informationsdienstes“.

Würmtal–Die Demokratie-Erziehung der amerikanischen Besatzung hat sichtliche Früchte getragen. Das Rennen machten Willy I. von Juwelien (alias Willy Schöller) und Sepherl I. von Ondulatien, die anmutige Gattin des Friseurs Bader. Auch das Drumherum war von Amerika inspiriert: drei Mickey-Mäuse (die Geschwister Piller) umrahmten das edle Paar. Die Handballer des TSV stellten kurzerhand ein Männerballett auf die haarigen Beine – und fertig war die Faschingsgesellschaft.

Sigi Segl, ehemaliger Schulrektor und 3. Bürgermeister, bekam noch in hohem Alter glänzende Augen, wenn er von den „wilden“ Faschingszeiten nach dem Krieg erzählte. Es war wohl bei einem feuchtfröhlichen Ausklang einer Sportveranstaltung beim TSV, als einige Herren beschlossen, für einen zünftigen Fasching müsse eine Gesellschaft mit Prinzenpaar her. Sie bildeten kurzerhand einen Elferrat, und die spätere „Würmesia“ wuchs „im Schoß ihrer Mutter, der ehrengeachteten Sportlervereinigung TSV Gräfelfing heran und erblickte schon nach erstaunlich kurzer Zeit von etwa sechs Wochen das Licht der Welt“, wie Segl, Gründungsmitglied und 1958 selbst Faschingsprinz, in der Festschrift von 1989 schreibt.

Die Zeiten waren nicht leicht. „Macha derfts was wollts, aber kostn derfs nix“, soll der Kassier des TSV lakonisch bemerkt haben. Man hatte nicht sehr hohe Ansprüche, aber umso mehr Eigeninitiative, Humor und Kreativität. Das „Kind“ gedieh prächtig. Bereits im nächsten Jahr mussten die Handballerinnen, die mangels Halle im Winter sport- und arbeitslos waren, als Gardemädchen trainieren. Die Chefin vom Kaufhaus Horn am Münchner Hauptbahnhof spendierte ein paar Meter lila Stoff, der Schreiner Alois Schwitz schnitzte Holzgewehre zum Salutieren, weiße Schuhe und Blusen hatten die Mädchen selbst. An schicke Nylonstrümpfe – der letzte Schrei – war jedoch nicht zu denken, viel zu teuer! Da kam einem der zündende Gedanke, die verrucht wirkende Strumpfnaht mit Augenbrauenstift auf die bloßen Mädchenwadeln zu „faken“. Die Damen wurden auf einen Stuhl gestellt und man ging ans Werk. Vor den Zeiten der Mini-Mode war das für die mit der Aufgabe betrauten Herren eine Herausforderung und ein seltenes Vergnügen. Mancher Nahtstrich soll etwas zittrig und verwackelt ausgefallen sein, wie sich Zeitzeugen noch nach Jahrzehnten schmunzelnd erinnerten.

Ab 1954 gab es dann schon Besuche in Altenheimen und bald war ein Wagen der „Würmesia“ auch beim Münchner Faschingszug dabei. Auf einem Foto sieht man im Hintergrund noch die Bombenruinen in der Ludwigstraße. Höhepunkte der würmesischen Laufbahn bildeten der kunstvolle „Moriskentanz“ 1972 und das Gastspiel in Calgary in Kanada. Immer aber stand die Gaudi über dem Streben nach aufwendiger Präsentation, wie die Festschrift 1989 festhält.

Die „Macht“ der närrischen Regenten war damals größer als heute. Der Bürgermeister Paul Diehl von Gräfelfing musste nicht nur wie jüngst der Neurieder Bürgermeister seine Krawatte opfern, sondern die Rathausschlüssel herausgeben. Mit einer Konfetti-Kanone war das „Regierungsgebäude“ der Gemeinde zuvor sturmreif geschossen worden, ehe sich der Gaudi-Wurm durch die Bahnhofstraße wälzte. Das Regiment dauerte aber nur ein langes Wochenende bis Faschingsdienstag. Dadurch war auch die zeitliche Belastung der Aktiven überschaubar.

Heute ist manches professioneller und aufwendiger. Vieles ist aber dahingegangen, von den Akteuren der ersten Stunde gibt es nur mehr wenige. Erst kürzlich wurden wieder „Regenten“ der 50er Jahre zu Grabe getragen, unter anderen Prinzessin Mucki I., alias Irmengard Landshammer. Nach dem Verlust ihrer Hochburgen „Weißes Rössl“ und Heide Volm musste die „Würmesia“ nach Pasing emigrieren und kommt dieses Jahr nur zu kurzen Besuchen in ihre alte Heimat.

Friederike Tschochner

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Grüne fordern Kreisverkehr-Umbau
Die aktuelle städtebauliche Überplanung des Bereichs östlich des Lochhamer S-Bahnhofs (wir berichteten) nehmen die Grünen zum Anlass, auf eine Verbesserung der Situation …
Grüne fordern Kreisverkehr-Umbau
Stockbahnen: Planegg gewinnt Rechtsstreit
Im Streit um die Stockbahnen am Planegger Feodor-Lynen-Gymnasium (FLG) ist das Urteil gefallen: Das Landgericht München I hat die für den Bau verantwortliche Firma dazu …
Stockbahnen: Planegg gewinnt Rechtsstreit
Musikschule erhält neues Domizil
Gute Nachricht für die Lehrer und 900 Schüler der Musikschule Neuried: Der Bauausschuss beschloss am Dienstag einstimmig, dass die Musikschule ein eigenes Geschoss im …
Musikschule erhält neues Domizil
CSU kürt Bürgermeister-Kandidaten
Der erste Bewerber für den Chefsessel im Kraillinger Rathaus steht offiziell fest: Die CSU nominierte am Montag fast einstimmig ihren Bürgermeister-Kandidaten.
CSU kürt Bürgermeister-Kandidaten

Kommentare