Flagge zeigen, und sei es auf der Mülltonne: Elke Both aus Lochham hofft auf die Vernunft der Verantwortlichen. Foto: js

Würmtals letzte Mutter gegen Atomkraft

Lochham - Der Betriebsstopp für das Atomkraftwerk Isar 1 bei Landshut wird auch im Würmtal bejubelt. „Das ist ein Erfolg“, freut sich Elke Both, die sich seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Verein Mütter gegen Atomkraft engagiert. Mit Protestaktionen wie der Mahnwache vor kurzem in München stößt die Lochhamerin in ihrem Umfeld auf viel mehr Verständnis als in den 80er Jahren.

„Tschernobyl ist 25 Jahre her, das hatten die meisten schon vergessen“, sagt die 63-jährige Röntgenassistentin. „Aber das Drama Japan gibt den Leuten zu denken, bei vielen löst es Angst aus.“ Es sei makaber, dass erst ein solches Unglück geschehen müsse, damit eine Kehrtwende eingeleitet würde.

Seit der Vereinsgründung von Mütter gegen Atomkraft im Mai 1986 setzt sich Elke Both für den Ausstieg aus der Atomkraft ein. Allerdings ist sie die einzige, die von ihren einstigen Mitstreiterinnen im Würmtal übriggeblieben ist. Nie wieder wollte die Mutter zweier Kinder die Ängste von damals ausstehen müssen. Aus Furcht vor Strahlen holte sie lange Zeit ihre Milch von einem Gräfelfinger Ökobauern, dessen Kühe im Stall gehalten wurden, ließ ihre Kinder nicht mehr im Garten, nicht mehr im Sandkasten spielen, wusch die Wäsche viel öfter als sonst, obwohl sich Strahlung nicht abwaschen lässt, und fuhr mit der ganzen Familie vier Wochen nach Korsika, „damit wir frisches Obst essen konnten“. Nach ihrer Rückkehr machte sie im eigenen Garten erschreckende Beobachtungen: „Die Kamille-Pflanzen waren in vier Wochen einen halben Meter gewachsen.“

Als Mitglied der früheren Gräfelfinger Ortsgruppe im Verein der Atomkraftgegner schrieb sie Plakate, nahm an Demonstrationen teil und verbuchte das Aus für die geplante Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf als Etappensieg. „Wir wollten die Leute aufrütteln“, sagt sie. „Wir haben davor gewarnt, dass Atomkraft nicht sicher ist und dass die Strahlung zu uns kommt.“

Von der Regierung fühlte sich die Lochhamerin im Stich gelassen. „Die Politiker haben uns total vernachlässigt“, erinnert sie sich. „Wir wurden tagelang hingehalten.“ Das sei im aktuellen Fall anders. „Die japanische Regierung hat besser reagiert als unsere damals“, ist Elke Both überzeugt. „Für die Japaner tut es mir leid“, bedauert sie. „Das wird nie wieder. Die Ukrainer sind ja immer noch verstrahlt.“ Um ihre eigene Gesundheit fürchtet sie momentan nicht. „Um Deutschland habe ich keine Angst.“ Vielmehr bereiten ihr Kernkraftwerke wie Temelín in Tschechien Sorgen sowie die Tatsache, dass etwa in Frankreich Atomstrom 80 Prozent des Verbrauchs abdeckt. In Deutschland, wo rund 23 Prozent der Erzeugung auf Atomstrom entfallen, sei es kein Problem, Atomkraftwerke abzuschalten. „Wir haben Überschüsse aus regenerativen Energien.“ Der Staat könne auf Sonne, Wasser und Wind setzen. Es müsse noch mehr in regenerative Energien investiert und über 25 Jahre alte Atomkrafwerke abgeschaltet werden. Außerdem sollten ihrer Ansicht nach Subventionen für Betreiber gestrichen und Polizeieinsätze im Rahmen von Castortransporten nicht mehr vom Steuerzahler finanziert werden. Die Umweltschützerin aus Lochham hofft auf die Vernunft aller Verantwortlichen und hebt die Bedeutung des Einsatzes ungebundener Bürger hervor: „Der Hausfrauenverstand ist unabhängig und nicht von Geld und Lobbyisten beeinflussbar.“

Messwerte

Das Umweltinstitut München betreibt eine Messstelle und misst kontinuierlich die Radioaktivität in der Umgebung. Bürger können die Messwerte unter www.umweltinstitut.org einsehen.

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