1000 Seiten TU-Geschichte

- Ein Technikfeind war Ludwig II. nicht. Der als Romantiker bekannte "Märchenkönig" installierte batteriebetriebene Klingelanlagen in seinen Schlössern; sein Schlitten soll das erste elektrisch beleuchtete Fahrzeug der Welt gewesen sein.

1868 unterzeichnete der Monarch die Gründungsurkunde der "Königlich Bayerischen Polytechnischen Schule", der heutigen TU München. Vorbereitet hatte die Gründung freilich schon Ludwigs Vorgänger Max II., der - im Gegensatz zu seinem technikfernen Vater Ludwig I. - Reformen in der technischen Bildung angeregt hatte.

Rektoratsakten erstmals ausgewertet

Wie aus der Polytechnischen Schule die TH und später die TU wurde, dokumentiert das soeben erschienene zweibändige Werk "Technische Universität München. Die Geschichte eines Wissenschaftsunternehmens". Der Münchner Historiker Martin Pabst hat für die tausendseitige TU-Historie in dreijähriger Arbeit gemeinsam mit Margot Fuchs, der Leiterin des Historischen Archivs der TU, erstmals die Rektoratsakten der Hochschule umfassend ausgewertet. Recherchiert hat Pabst unter anderem auch im Bayerischen Hauptstaatsarchiv und dem Archiv des Deutschen Museums.

Einer der Schwerpunkte der Darstellung ist die Zeit des Nazi-Regimes. Pabst schildert, wie sich die Hochschule zwischen Anpassung und Autonomie durch diese Zeit bewegte. Ein Hort des Widerstandes war sie demnach nicht. Am Beispiel des Chemie-Professors Günter Scheibe wird gleichwohl deutlich, dass mancher an der Technischen Hochschule der NSDAP eher aus taktischen Gründen denn aus Überzeugung beitrat. Scheibe etwa stellte auch nach seinem Parteibeitritt jüdische Mitarbeiter ein, sein Zimmer schmückte das Bild eines jüdischen Nobelpreisträgers.

Vier Fälle sind an der damaligen TH bekannt, in denen während des Nationalsozialismus Wissenschaftlern der Doktortitel entzogen wurde. Auf Pabsts Feststellung, dass von einer Wiedergutmachung nichts bekannt sei, reagierte TU-Präsident Wolfgang A. Herrmann bei der Vorstellung des Werkes prompt. Herrmann distanzierte sich von den "unakademischen Verfügungen" und erkannte die entzogenen Doktortitel wieder zu.

Das Werk von Pabst bettet die Geschichte der Hochschule ein in die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Deutschland und Bayern. So auch im Kapitel über die unruhigen 60er und 70er Jahre. Als "führende Rüstungsuniversität der BRD" schmähte der AStA die TU damals; 75 Professoren prangerten die Studentenvertreter wegen angeblicher "Kriegsforschung" an.

Porträts früherer TU-Professoren

Ausführlich widmet sich der zweite Band auch jüngsten Entwicklungen an der TU. Mit Porträts früherer Rektoren und herausragender Professoren endet das Werk. Auch der amtierende Präsident Wolfgang A. Herrmann wird hier gewürdigt: als "Vorreiter einer neuen Hochschulpolitik in Deutschland", der "entschlossene" Reformen umsetze.

Technische Universität München. Die Geschichte eines Wissenschaftsunternehmens. Hrg. Wolfgang A. Herrmann. Metropol-Verlag, Berlin, 2006. 1024 Seiten (2 Bände im Schuber), 99 Euro.

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