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1&1-Rechenzentrum in Karlsruhe

Reportage: "Das Herz des deutschen Internets"

Karlsruhe - Mehr als die Hälfte aller Internetnutzer in Deutschland hat einen E-Mail-Account bei 1&1, GMX und WEB.DE. Das Unternehmen betreibt einen großen Aufwand, um die Daten zu schützen. Ein Rundgang durch das Rechenzentrum:

Und dann nur noch auf 'Senden' drücken und weg ist sie, die E-Mail. Ähnlich wie ein Brief landet das Geschriebene nicht ohne Umwege beim Empfänger. Die Mail wandert durch die Internetleitung zu einem Server, der ihn zum richtigen Partner oder zur Partnerin weiterleitet. Circa 55 Prozent aller deutschen E-Mails laufen über die Server im Südwesten Deutschlands. Etwa 22.000 solcher Server stehen auf einer Fläche von knapp 2.000 Quadratmetern im Rechenzentrum der 1&1 Internet AG in Karlsruhe. Rund ein Drittel aller deutschen Homepages werden hier verwaltet.

Das Unternehmen trägt eine große Verantwortung, dass die Technik rund um die Uhr läuft. Das Internet kennt schließlich keine Öffnungszeiten. Stromausfälle, Kriminelle oder Brandschutzmaßnahmen: Als die 1&1 Internet AG das Gebäude 2003 für rund 15 Millionen Euro errichten ließ, musste jede potentielle Gefahr im Voraus einkalkuliert werden. Zur ersten echten Nagelprobe kam es im Jahr 2008, als die Stadt Karlsruhe nach einem Brand in einem Umspannwerk am Rheinhafen für knapp eine Stunde im Dunkeln lag. Das Rechenzentrum überstand den Blackout ohne Probleme, weil Batterieblöcke und Diesel-Motoren die Zeit des Ausfalls überbrückten. „Die springen sofort an, wenn der Strom weg ist“, erklärt 1&1-Pressesprecher Thomas Plünnecke.

Die Batterieblöcke können 17 Minuten lang eine Leistung von bis zu einem Megawatt stemmen. Ein fünfter Batterieblock steht als Reserve bereit. „Wir arbeiten nach dem Prinzip der n+1-Redundanz“, betont Plünnecke. „Das bedeutet, dass es von jeder wichtigen Komponente immer mindestens eine mehr gibt, als für den laufenden Betrieb eigentlich benötigt wird.“ Die Batterieblöcke sind dabei nur für den Übergang wichtig. Wenn die Stadtwerke die Stromversorgung nicht schnell genug wiederherstellen können, stehen fünf Diesel-Motoren mit jeweils 2.500 PS bereit. Die blassblauen monströsen Geräte erzeugen binnen 15 Sekunden genügend Power für alle Systeme, einschließlich der Klimaaggregate. Ein solcher Diesel-Motor steht in einem Container, der 39 Tonnen schwer ist.

Code, Kamera und Waage

Auch vor dem Zutritt unbefugter Personen ist das Rechenzentrum gewappnet. Die wertvollen Server befinden sich im Keller des Gebäudes. Man kommt nur durch einen videoüberwachten Raum – insgesamt beobachten 180 Kameras jede Bewegung – ins „Herz des deutschen Internets“. Außerdem gibt es eine Personenvereinzelungsanlage. Wer diese passieren möchte, muss seine registrierte Karte über einen Kasten ziehen und einen mehrstelligen Geheimcode – wie eine Pin – eintippen.

Anschließend öffnet sich die erste Schleusentür. In der Kabine fühlt man sich wie in einem übergroßen Reagenzglas. Jetzt muss man sich mit dem Gesicht zur Kamera stellen während man gewogen wird. „So wird kontrolliert, dass nicht zwei Menschen auf einmal durchgehen oder jemand unerlaubt etwas rein- bzw. rausträgt“, sagt 1&1 Sprecher Plünnecke. Nur wenn die Daten übereinstimmen, die auf der Karte gespeichert sind, geht auch die zweite Schleusentür auf. Der Toleranzbereich der Waage ist gering. „Es hat schon Mitarbeiter gegeben, die nach Weihnachten nicht mehr durch die Schleuse kamen“, erinnert sich Plünnecke schmunzelnd.

Datenmenge von über 9.000 TeraByte

Zu den elf Serverräumen in Karlsruhe hat nur ein bestimmter Teil der Mitarbeiter Zutritt. Nach dem Öffnen der schweren Stahltüren ist Eile geboten: Werden sie nicht innerhalb von 30 Sekunden wieder geschlossen, wird ein Alarm ausgelöst. Innen sieht es aus, wie man es aus Filmen kennt: Es leuchtet orange, grün und blau, überall sind bunte und graue Kabel. Dazu erzeugen die einzelnen Rechner, die aussehen wie eine größere Festplatte, die in jedem handelsüblichen Computer zu finden ist, ein monotones Brummen.

Sie stecken in Racks, die jeweils 120 Zentimeter tief sind und je 80 Server beherbergen und sind in drei langen, doppelseitig bestückten Schrankreihen aufgetürmt. In einer Ecke an der Wand schlängelt sich ein gelbes Kabel aus dem Raum. „Das ist die Verbindung zum Internet“, sagt Plünnecke. Durch das kleine Kabel fließt eine riesige Datenmenge: Das monatliche Transfervolumen liegt bei über 9.000 Terabyte. „Wir transportieren jeden Monat fünf bis sechs Milliarden E-Mails“, sagt der 1&1-Sprecher, bevor es zurück auf den Gang geht. Wenn die Mitarbeiter den Raum verlassen, müssen sie sich wieder abmelden: So weiß die Zentrale immer, wer sich wo aufhält.

Ein Rundgang im "Herz des deutschen Internets"

Ein Rundgang im "Herz des deutschen Internets"

Die Server arbeiten rund um die Uhr. Weil sie viel Wärme erzeugen, müssen sie, wie eine Festplatte im Computer auch, gekühlt werden. Ein Teil des Kühlsystems ist in einem der Kellerräume untergebracht, der andere Teil steht auf dem Dach. In einem Kreislauf wird die kalte Luft von oben in den Keller „gepumpt“ und die warme zum Abkühlen auf das Dach. Plünnecke: „Wir haben schon beim Bau großen Wert auf Energieeffizienz gelegt. Das warme Kühlwasser schleusen wir zunächst durch Freiluftkühler. Diese kommen ohne Energie-hungrige Kompressoren aus, weil sie die Außenluft zum Abkühlen nutzen. Selbst bei einer relativ hohen Temperatur von 10 Grad Celsius wird so durch eine natürliche Kühlung sehr viel Strom gespart.“

Argon statt Wasser

Gebrannt hat es im Rechenzentrum noch nie. Auch in einem solchen Fall müssten sich die Millionen Kunden von 1&1, GMX und WEB.DE aber keine Sorgen machen. Weil Sprenkleranlagen mit Wasser bei der Technik einen hohen Schaden verursachen würden, wird mit Gas gelöscht. Falls die modernen Rauchmeldeanlagen Alarm schlagen, strömt das Edelgas Argon in Sekundenschnelle aus 44 moosgrünen Flaschen und erstickt die Flammen. „Argon hat den Vorteil, dass es ungiftig ist und nicht mit anderen Stoffen reagiert“, sagt Plünnecke. „Es droht keine Explosionsgefahr.“ Parallel zu den internen Löschmaßnahmen wird im Brandfall automatisch die Feuerwehr verständigt, die binnen vier Minuten vor Ort sein kann.

Überwacht wird das Rechenzentrum aus dem sogenannten Leitstand, der an 365 Tagen pro Jahr rund um die Uhr besetzt ist. In dem Kontrollraum stehen mehrere Dutzend Computer. An der Stirnseite hängen zwölf gigantische Monitore, die aktuelle Statusmeldungen anzeigen.

E-Mail made in Germany

Neben der physischen Datensicherheit sorgt das Unternehmen auch für den immer wichtiger werdenden Schutz vor digitalen Angreifern. „Als großer Provider sehen wir uns hier natürlich in der Pflicht“, erklärt Plünnecke. „Um Internet-Missbrauch zu verhindern, haben wir eine umfassende Sicherheitsarchitektur errichtet.“ Verteilt auf mehrere Fachbereiche wie Spam-Bekämpfung oder IT-Security beschäftigt das Unternehmen ein vielköpfiges Expertenteam. Nach der NSA-Affäre haben 1&1, GMX und WEB.DE außerdem zusammen mit der Deutschen Telekom die Initiative „E-Mail made in Germany“ ins Leben gerufen. Inzwischen gehört auch die freenet AG dazu.

50 Millionen Nutzer kommunizieren in dem Mailverbund automatisch auf allen Transportwegen verschlüsselt. Alle Daten werden ausschließlich in Deutschland verarbeitet und gespeichert, zum Beispiel im Rechenzentrum in Karlsruhe. Plünnecke: „So ist gewährleistet, dass Privates tatsächlich auch privat bleibt.“

Hier gibt es weitere Informationen zum 1&1-Rechenzentrum in Karlsruhe

Michael Sapper

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