Abtauchen in die Geschichte

Starnberger See: - Vorsichtig schließt Tobias Pflederer den Deckel des Gehäuses seiner Unterwasserkamera. Der Forschungstaucher der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie steht im seichten Wasser am Nordostufer der Roseninsel im Starnberger See. Zusammen mit seinen Kollegen, Dagmar Leeb und Ulrich Schlitzer, ist Tobias Pflederer auf der Suche nach den Zeugnissen der Vergangenheit.

Die wechselvolle Geschichte der Roseninsel beginnt einen Meter unter der Wasseroberfläche des Sees. Die Forschungstaucher, die im Auftrag des bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege tätig sind, kartieren Holzpfosten und Konstruktionselemente, die auf eine Besiedelung der Insel durch die Kelten schließen lassen. Der ständige Wellengang von Booten und Ausflugsdampfern hat die Holzpfosten und Bauhölzer in den letzten Jahren freigelegt. Zuvor waren sie Jahrhunderte lang unter der schützenden Schicht aus Sand und Schlick versteckt. Sie sind noch so gut erhalten, weil kein Sauerstoff an sie rangekommen ist.

Das Wasser ist klar. Tobias Pflederer taucht ab. Im Schlick liegen kreuz und quer die historischen Hölzer. Die Arbeit des Tauchers erfordert viel Sorgfalt. Zuerst vermisst er die rund 30 cm langen Stümpfe und bestimmt ihre Lage. Dann wird alles fotografiert. Zuletzt entnimmt Pflederer Holzproben, um das Alter der Stämme im Labor zu bestimmen. Doch man muss nicht unbedingt tauchen, um einen Blick auf die hölzernen Hinterlassenschaften der Kelten zu erhaschen. Wer als Wanderer am Nordostufer der idyllisch gelegenen kleinen Insel vorbeikommt, kann diese Relikte mit bloßem Auge im See erkennen. Das Wasser an dieser Stelle ist seicht, sodass die kurzen schwarzen Pfahlreste, deutlich aus dem Seeboden herausragen.

Am Starnberger See hat die Unterwasserarchäologie eine lange Tradition: Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Interesse an prähistorischen Pfahlbausiedlungen stieg, suchte man auch in den oberbayerischen Seen nach Überresten der Vergangenheit. Untersuchungen des Starnberger Landrichters Sigmund von Schab von 1864 bis 1874 brachten erste Beweise, dass in der Urnenfelderzeit (1200 bis 800 vor Chr.) Menschen an der Roseninsel lebten. Im Sommer 1873 machte ein Taucher im Auftrag des Landrichters den ersten archäologischen Tauchgang an der Roseninsel.

Die Holzpfosten und Bretter, die im letzten Sommer von Tobias Pflederer und seinem Team kartiert wurden, sind nur eines von vielen Kapiteln der Besiedlungsgeschichte der Roseninsel. Dass die Umgebung ein lebenswertes Fleckchen Erde war, haben unsere Vorfahren erstmals schon vor mehr als 6000 Jahren, im Mittelneolithikum, bemerkt. Das älteste von Menschenhand geschaffene Fragment, das bis heute auf der Roseninsel geborgen wurde, ist eine Tonscherbe aus der sog. Münchshöfener Zeit, etwa ab 4500 Jahre vor Christus.

Am Institut für Vorund Frühgeschichte der Ludwig- Maximilians-Universität München katalogisiert und archiviert Ulrich Schlitzer die Funde. "Schon zur Münchshöfener Zeit haben die Menschen ihre Tongefäße mit fein geritzten Symbolen verziert, sogar Menschendarstellungen finden sich aus dieser Zeit", erklärt er. Die Arbeit des Archäologen erinnert an ein dreidimensionales Puzzlespiel aus rund 1500 Tonscherben- Fragmenten. Sie lagern in der Archäologischen Staatsammlung in München. Schlitzer erfasst die grau-braunen Scherben, indem er sie vermisst und detailliert nachzeichnet. Anschließend ordnet er sie in die Historie der Roseninsel ein.

Die große Frage dabei ist: Welche Scherben gehören zu welcher Epoche? Datiert werden die Funde vor allem durch Vergleiche mit ähnlichen, an anderer Stelle ausgegrabenen Artefakten. "Die Menschen haben in den einzelnen Epochen gleiche handwerkliche Fähigkeiten entwickelt", erklärt Schlitzer. So könne man relativ genau zeitliche Einordnungen der Fundstücke vornehmen. Aber auch aus späteren Epochen kommen immer wieder neue Zeugnisse einer Besiedlung an den Tag. Aus der Urnenfelderzeit stammen mächtige Eichenpfähle, die die Insel zum Teil palisadenartig umgaben. Auf einigen dieser Pfähle könnten Wohnhäuser gestanden haben. Anschließend kamen die Kelten mit Holzbauten, dann vermutlich die Römer. Im Mittelalter gab es wohl eine kleine Turmhügelburg auf dem Eiland. Direkt daneben erheben sich die Reste der zugehörigen Kirche aus dem 12. Jahrhundert.

Ein kleines Museum auf der Insel zeigt einige der Funde, die rund um die Gegend gemacht wurden. Eine der spektakulärsten Entdeckungen an der Roseninsel machten die Forscher bereits 1986. Am Westufer fanden die Taucher den bislang ältesten Einbaum Bayerns. Er ist mehr als 13 m lang und stammt ebenfalls aus der Urnenfelder Zeit. Für die neuesten Entdeckungen aus keltischer Zeit an der Roseninsel, die die Taucher kartieren wollen, läuft die Zeit ab.

Denn die ständige Wasserbewegung hat die Pfosten nicht nur ans Tageslicht gebracht, sondern nagt auch kräftig an ihrer Substanz. Der Erhalt und die Sicherung dieses "wichtigsten bayerischen Unterwasserdenkmals", sei die bedeutendste unterwasserarchäologische Aufgabe in den nächsten Jahren, sagt Guntram Schönfeld, Referent für Feuchtbodenarchäologie beim Landesamt für Denkmalpflege, München. Denn was diesen Sommer noch vom Ufer aus zu sehen sein wird, könnte schnell Opfer des Wellengangs werden und für immer zerstört sein.

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