Affenforscher: Auch Tiere haben eine Kultur

- Nach christlich-abendländischem Verständnis besteht ein fundamentaler Unterschied zwischen Mensch und Tier. Tiere haben angeblich Instinkte, aber weder Geist noch Bewusstsein, weder ein Einfühlungsvermögen noch Emotionen - von einer Seele ganz zu schweigen. Vom Menschen heißt es hingegen, dass er jenseits der Natur steht, weil alles, was an ihm typisch menschlich ist, ein Produkt der Kultur ist.

<P>Der niederländische Tierverhaltensforscher Frans de Waal (Psychobiologe an der Emory Universität Atlanta/USA) hält diese Auffassung für völlig verkehrt. Auch die menschliche Kultur basiere auf biologischer Evolution, betont der Primaten-Experte: "Die Evolution hat nicht nur die menschliche Gattung, sondern auch die Gene hervorgebracht, in denen ihr gesamtes geistiges Rüstzeug verankert ist. Der Mensch hat deshalb nicht weniger, sondern mehr Instinkte als alle anderen Tiere, und seine geistigen Fähigkeiten sind das Ergebnis des Zusammenspiels bestimmter Instinkte."<BR><BR>Aber ist nicht der Mensch immer noch das einzige Lebewesen, das eine Kultur hat? "Eindeutig nein!" meint Frans de Waal. "Auch Tiere können ein kulturelles Leben haben."<BR> Im Jahre 1953 machten Affen auf der japanischen Felseninsel Koshima eine Erfindung, die die Zoologen geradezu elektrisierte. Damals, so erläutert de Waal, kam das 18 Monate alte Makakenweibchen Imo auf die Idee, sandige Kartoffeln in einem Bergbach zu waschen. Innerhalb von fünf Jahren hatten sich drei Viertel der jungen Makaken, ihre Mütter und ihre jüngeren Geschwister Imos Waschmethode zu Eigen gemacht. Bald darauf trat eine weitere Erfinderin auf den Plan, die zweijährige Ego. Sie brachte sich selbst Schwimmen bei und veranlasste dann die jüngeren Affen, ihr nachzueifern. Später erwiesen sich die Makakenmännchen als nicht weniger erfinderisch. Sie entdeckten, dass sie sich statt von Pflanzenkost auch von Meeresfrüchten ernähren konnten, und lernten, Napfschnecken von Felsen zu lösen und Jagd auf Oktopusse und Fische zu machen.<BR><BR>Schimpansen haben dagegen gelernt, Nüsse zu knacken, Krankheiten mit Pflanzen zu behandeln und Handzeichen zur Verständigung einzusetzen. Bisher hat man bei Schimpansen nicht weniger als 39 Verhaltensarten beobachtet, die kulturell bedingt sind. Und immerhin 24 hat die Forschung vor kurzem bei den Orang-Utans festgestellt. <BR><BR>Aber auch viele andere Säugetiere und Vögel, die langlebig sind und über ein verhältnismäßig komplexes Gehirn verfügen, sind fähig, auf die Herausforderungen ihrer unbeständigen Umwelt mit kulturellen Erfindungen und Entdeckungen zu antworten. Sie überleben in der Wildnis nur, weil ihnen immer neue Techniken der Nahrungsbeschaffung und Werkzeugherstellung und neue Verteidigungs- und Angriffsstrategien einfallen. <BR><BR> Frans de Waal grübelt noch darüber nach, wie Tiere lernen. Aber er weiß, von wem und warum sie lernen: Sie lernen vor allem von denjenigen ihrer Artgenossen, die ihnen sozial am nächsten stehen. "Was sie dabei antreibt, ist in erster Linie das Bedürfnis, dazuzugehören und wie die anderen zu sein." Tiere sind somit geborene Konformisten - und auch in dieser Hinsicht dem "Kulturtier Mensch" ziemlich ähnlich.<BR><BR>"Der Homo sapiens", sagt der Anthropologe Michael Tomasello, "ist der einzige Primat, der bei seinen Artgenossen abkupfern kann. Weil er sich vorzustellen vermag, was im Inneren anderer vor sich geht, lernt er nicht nur von ihnen, sondern auch durch sie." De Waal neigt dazu, diesen fundamentalen Unterschied zwischen Mensch und Tier herunterzuspielen, aber sonst spricht nichts gegen seine These vom tierischen Kulturleben. </P>

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