Alzheimer kann hinausgezögert werden

- Hamburg - Diagnose: Alzheimer. Für die meisten kommt diese Nachricht immer noch einer Katastrophe gleich. Die Angst davor ist groß, die Unwissenheit auch. Bilder von verwirrten Menschen, die nur noch ein Schatten ihrer früheren Persönlichkeit sind, treten vors innere Auge. "Dabei ist das so, als würde man Krebskranke nur im Endstadium zeigen", sagt Harald Hampel, Leiter des Alzheimer Gedächtniszentrums an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität.

<P>Seit einigen Jahren gibt es jedoch eine Reihe von Substanzen, die die Krankheit zwar nicht heilen, aber hinauszögern können. "Doch werden immer noch nur 10 bis 20 Prozent der Patienten richtig therapiert - das ist ein Skandal", sagt Hampel im Vorfeld des Welt-Alzheimer-Tages am 21. September.</P><P>Etwa eine Million Menschen sind derzeit in Deutschland an der Alzheimer Demenz (AD) erkrankt, dem durch Plaque-Ablagerungen im Gehirn fortschreitenden geistigen Verfall. Bis zu drei Millionen werden es im Jahr 2050 sein. "Umso wichtiger ist es, aufzuklären und frühzeitig zu behandeln", sagt Hampel. Denn dann seien die Erfolge am größten.</P><P>Seit einigen Jahren bereits sind so genannte NMDA-Antagonisten auf dem Markt, die für mittlere und schwere Demenzfälle zugelassen sind: Die Substanz Memantin schützt die Nervenzellen vor einem Zuviel des Botenstoffes Glutamat - bei Alzheimer-Kranken wird es in erhöhtem Maß ausgeschüttet und schädigt dadurch die Nerven. Andererseits ist Glutamat in geringerer Menge für Lern- und Gedächtnisprozesse unerlässlich. Diese Prozesse können durch den "Regler" Memantin deutlich länger aufrechterhalten werden. Die Gehirnleistung verbesserte sich Studien zufolge, Verhaltensstörungen gingen zurück.</P><P>Jünger und noch weniger bekannt sind die so genannten Cholinesterase-Hemmer, die schon im Frühstadium der Krankheit wirken. Sie hemmen ein Enzym, das den Nervenbotenstoff Acetylcholin abbaut. Fehlt der Botenstoff, funktioniert die Informationsverarbeitung im Gehirn nur noch eingeschränkt. Zumindest vorübergehend können die Cholinesterase-Hemmer dieses Defizit ausgleichen. Auch hier ist die positive Wirkung auf Verhaltensstörungen und Alltagsleben der Erkrankten durch Studien bestätigt.</P><P>Nach Ansicht Hampels könnten Pflegeheimaufenthalte mit den Medikamenten um einige Jahre hinausgezögert werden - wenn sie denn verschrieben würden. Auch der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP), Hans Gutzmann, sieht die Möglichkeit für mindestens ein Jahr Aufschub. "Ein vergleichbarer Effekt ist zudem durch eine bessere Stützung der Angehörigen zu erreichen - in Kombination ergibt das eine nennenswerte Größenordnung."</P><P>Nach Angaben der "Alzheimer Forschung Initiative" erkranken sportlich und gesellschaftlich aktive Menschen seltener an Alzheimer als andere. Es gebe Hinweise, dass jeder mit seinem Verhalten das Risiko mindern könne. Dazu zählen intensive Gespräche, Zeitunglesen, das Lösen von Kreuzworträtseln oder Auswendiglernen. Wichtig seien auch Obst und Gemüse mit viel Vitamin A, C und E sowie Fisch. Als Risikofaktoren würden dagegen hoher Blutdruck, hoher Cholesterinwert und Übergewicht vermutet.</P><P>Wichtig sind nach Medizineransicht vor allem bessere Aufklärung und eine frühzeitige Diagnose. Verschiedene bildgebende Verfahren können schon Jahre vor dem Auftreten erster Beschwerden eine künftige Alzheimer-Demenz diagnostizieren. "Künftig könnten so Risikogruppen frühzeitig untersucht und dann behandelt werden - noch bevor erste Symptome auftreten", sagt Hampel.</P><P>Doch bis dahin ist es nach Feststellung der Gerontopsychiater noch ein weiter Weg. Gutzmann, Chefarzt der Psychiatrie und Psychotherapie am Berliner Krankenhaus Hedwigshöhe, kritisiert, dass die Krankenkassen die Alzheimer-Patienten gerne in die Obhut der Pflegeheime - und damit der Pflegeversicherung - überließen, statt selber die Medikamente zu finanzieren. "Schon jetzt werden nur halb so viele Gesetzlich-Versicherte therapiert wie Privatpatienten."</P><P>Da bleibt Betroffenen und Angehörigen bis auf weiteres wohl nur: Die Hemmschwelle überwinden, sich bei ersten Anzeichen der Erkrankung selbst informieren, etwa in einer der bundesweiten Gedächtnissprechstunden wie sie in München am Alzheimer Gedächtniszentrum der Ludwig-Maximilians Universität angeboten werden, und schließlich eine entsprechende Medikamentation beim Arzt einfordern. "Dann muss Alzheimer keineswegs mehr das große schwarze Loch sein", sagt Harald Hampel. </P><P>Alzheimer Forschung Initiative: http://www.alzheimer-forschung.de/web/start.htm</P>

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