Anonym surfen

- Kiel - "Hallo Herr Schmidt" begrüßt die Webseite den Nutzer mit Namen. Gleichzeitig werden ihm die neuesten Angebote präsentiert, die seinen Vorlieben entsprechen. Was auf den ersten Blick praktisch erscheint, kommt vielen Internetnutzern unheimlich vor: Was weiß der Anbieter wohl noch alles über mich? Anonymität ist im Internet keine Selbstverständlichkeit mehr. Jeder Klick wird von neugierigen Augen beobachtet. Mit Hilfe von Anonymitäts-Diensten können Nutzer ihre Privatsphäre jedoch wahren.

<P>"Wer im Internet surft, hinterlässt Spuren", sagt Thilo Weichert, stellvertretender Leiter des Datenschutzzentrums Schleswig-Holstein in Kiel. Für Werbefirmen seien diese Informationen Gold wert: Sie erstellen Kundenprofile und verkaufen diese an Internetanbieter. Auch Arbeitgeber kontrollierten so oft, für welche Zwecke ihre Angestellten das Internet nutzten.</P><P>Bei jedem Seitenaufruf identifiziert sich der Nutzer mit der IP-Adresse seines Rechners - diese lässt sich wie eine Telefonnummer zurückverfolgen. Sein Browser gibt zudem Informationen über sein Computersystem preis und zeigt an, welche Seite zuvor besucht wurde. Zusätzlich nutzen Internetanbieter kleine Dateien, so genannte Cookies, und Minigrafiken, auch Webbugs genannt, um den Weg des Nutzers durchs Internet zu verfolgen.</P><P>Ihre Privatsphäre könnten Nutzer auf zwei Wegen sichern: Zum einen lassen sich die Nutzerdaten selbst verschlüsseln. Für Internetverbindungen verwendet man dazu zum Beispiel die so genannte SSL-Verschlüsselung, beim Verschicken von E-Mails das PGP-Verfahren (Pretty Good Privacy). Und eine weitere Möglichkeit stellen eben Anonymitäts-Dienste dar - diese machen den Surfer in gewisser Hinsicht unsichtbar.</P><P>Bei einem solchen Dienst wählt der Benutzer für seine Internetverbindung einen Umweg: Damit er im Internet unerkannt bleibt, wendet er sich an einen Dritten, der den Botendienst für die eigenen Datenanfragen übernimmt, erklärt Marit Hansen, Fachreferentin des Datenschutzzentrums in Kiel. Diese Zwischenstation, ein so genannter Proxy-Server, gibt sich dabei selbst als Absender aus. Bei einfachen Anonymitäts-Diensten wird lediglich ein einzelner Zwischenserver benutzt - dieser kennt dabei sämtliche Nutzungsdaten des Anwenders, daher sollte man sich vorher informieren, ob er auch vertrauenswürdig ist, rät Hansen. Ein Hacker könne diese Dreiecksbeziehung zudem vergleichsweise leicht durchschauen.</P><P>Das Datenschutzzentrum in Kiel bietet einen kostenlosen Anonymitäts-Dienst namens "AN.ON". Dieser arbeitet mit der Mix-Methode, die der Kryptograf David Chaum 1981 entwickelt hat: Hierbei bilden mehrere Zwischenstationen eine Kette, wobei die Daten asymmetrisch verschlüsselt werden, erklärt Professor Hannes Federrath, der den Lehrstuhl für Management der Informationssicherheit an der Universität Regensburg inne und das "AN.ON"-Projekt mitentwickelt hat. Innerhalb dieser Kette kennt jedes Glied lediglich seine Nachbarstationen, wodurch eine Nachverfolgung der Verbindung bis zum Absender verhindert wird.</P><P>Ein Datenpaket, das diese Kette durchläuft, ist wie ein Brief, der in mehrere Umschläge gesteckt wurde: Jeder Server öffnet einen Umschlag und findet darin die Adresse des nächsten Servers. Erst der letzte in der Reihe sieht die Originalnachricht mit der Empfängeradresse und stellt sie diesem zu.</P><P>Die Internetverbindung wird dabei allerdings spürbar langsamer, sagt Lutz Warnke aus Obernkirchen (Niedersachsen), der auf seiner Internetseite http://www.anonymsurfen.com verschiedene Dienste vorstellt. Mit der Mix-Methode ließe sich gerade noch halb so schnell surfen. Bei einfachen Diensten sollten Nutzer auf den Funktionsumfang achten: Einige Angebote filtern zusätzlich Cookies sowie Java-Scripts und verwenden eine SSL-Verschlüsselung. Leider ließen sich manche Internetseiten mit diesen Einstellungen nicht mehr richtig nutzen.</P><P>Auch beim anonymen Versenden von E-Mails über so genannte Remailer müssen Nutzer höhere Wartezeiten in Kauf nehmen. Zudem sei die Wahrscheinlichkeit höher, dass eine Nachricht verloren geht. Anwender müssen sich daher entscheiden, was ihnen beim Surfen im Internet wichtiger ist: Komfort oder Privatsphäre.</P>

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