+
Der Ranger ist der Allrounder unter den Javelins, in die man in „Anthem“ schlüpfen kann.

Spieletest

„Anthem“ im Test: Warum das neue Bioware-Spiel ungerecht behandelt wird

  • schließen

Das Internet ist sich einig: „Anthem“, der neue Loot-Shooter von Bioware, ist ein Rohrkrepierer. Warum das ungerecht und falsch ist, erklärt unser Autor hier.

Wertungsnoten sind nicht alles, für viele aber sind Wertungsnoten bei der Entscheidung für oder gegen den Kauf eines neu erschienenen Spiels durchaus entscheidend. Das ist natürlich Quatsch, denn am Ende kann man immer nur selbst beim Spielen sehen, ob einem ein Titel gefällt oder nicht. Schlimmstenfalls ist allerdings die jahrelange Arbeit von hunderten Entwicklern für die Katz, weil irgendeine Zahl bei „Metacritic“ auftaucht.

Jüngstes Opfer in der langen Liste der „Metacritic“-Opfer ist der neue Bioware-Titel „Anthem“. Kümmerliche 62 Prozent bekam es im Durchschnitt, als es vor gut zwei Wochen erschienen ist. Für alle, denen Durchschnittswertungen genauso egal sind wie mir: 62 Prozent ist ein Synonym für „absolute Gurke, nicht kaufen“. Und das ist bei einem Spiel wie Anthem nicht zu verstehen.

Probleme im Detail, aber das Herz am rechten Fleck

Ohne Zweifel hätte „Anthem“ noch den einen oder anderen Monat Entwicklungszeit gebrauchen können, fraglos hat es viele Fehler, Bugs und Probleme. Aber der Kern des Spiels ist überragend. „Anthem“ ist wie „Destiny“ und dessen Nachfolger ein „Servicegame“, also ein Spiel, das immer wieder erweitert werden soll, das wachsen soll und die Spieler über Wochen, Monate und Jahre binden soll. Auf das sie immer mal wieder neben dem eigentlichen Kaufpreis ein paar Euro für schicke Rüstungen im Ingame-Shop lassen.

Genau wie „Destiny“ wird „Anthem“ deswegen auch missverstanden und falsch bewertet. Auch bei „Destiny“ ist die eigentliche Spielstory ein schlechter Witz, gab es zum Release viele, teils ernsthafte Probleme. Aber Destiny und sein Nachfolger hatten Zeit zum reifen, wurden verbessert, erweitert, immer mehr ausgearbeitet, bis sie Spiele wurden, die tatsächlich über Jahre massiv gespielt wurden.

Auch an „Anthem“ wird seit Release emsig gearbeitet. Der Patch, der direkt zum Erscheinungstag veröffentlicht wurde, beseitigte viele Stolpersteine, die in der Beta-Phase aufgefallen waren. Der Patch, der nach 14 Tagen nachgeschoben wurde, widmet sich neben der technischen Stabilität insbesondere dem Umstand, das Spielen angenehmer und komfortabler zu machen. So macht es noch mehr Spaß, durch die Welt von „Anthem“ zu streifen.

Die Story ist eher Mittel zum Zweck statt gewohnte Bioware-Qualität

In seinem Kern ist „Anthem“ ein Loot-Shooter. Wir absolvieren auf einem fremden Planeten Aufgaben und ballern jede Menge miesepetriger Aliens ab, um immer neue, immer bessere Waffen und Ausrüstung zu finden. Die Story ist vorhanden, aber wahrlich nicht der Rede wert. Irgendeine mysteriöse Hymne, unverständliches Technikgebrabbel und ein Bösewicht, der zwar leuchtet, aber dennoch blass bleibt. Da ist man, so ehrlich muss man sein, von Bioware besseres gewohnt. Schließlich hat die Firma dereinst nicht nur „Baldurs Gate“ und „Knights of the old Republic“, sondern auch „Dragon Age“ und die „Mass Effect“-Reihe entwickelt, die unstrittig zu den besten Spielen mit den spannendsten Geschichten aller Zeiten gehören. So ist die Story ähnlich zweckmäßig wie die von „Destiny“ und bleibt weitestgehend belanglos. 

Ein Stück der Bioware-Genialität blitzt derweil immer wieder mal in den Gesprächen mit den zahllosen Charakteren im Spiel auf. Da sind Figuren wie die vollkommen durchgeknallte „Dax“, ihres Zeichens dritte in der Thronfolge und gleichzeitig „Sentinel“, eine Art Sicherheitstruppe in Fort Tarsis, dem Hub der Spielwelt von „Anthem“. Besagte Dax schickt uns auf eine Kette von unfassbar amüsanten Missionen, bei denen sie sich immer wieder per Helmfunk meldet und uns umgehend ins nächste Schlamassel schickt. Herrlich.

Vier Anzüge in jeder Geschmacksrichtung

Wir übernehmen in „Anthem“ die Steuerung eines so genannten Freelancers, eines Söldners, der die sicheren Mauern von Fort Tarsis immer wieder verlässt, um Gefahren für die Bewohner des Außenpostens im Grenzland abzuwenden, seltene Artefakte zu suchen und alle möglichen Menschen aus dem Schlamassel zu holen. Wichtigster Helfer ist dabei unser „Javelin“, ein begrenzt flugfähiger Kampfanzug, den es in insgesamt vier Varianten gibt: den „Ranger“, einen Alleskönner-Anzug mit eindrucksvoller Feuerpower, den „Storm“, eine Art blitzewerfenden High-Tech-Magier, den „Colossus“, einen Anzug mit immenser Panzerung und extrem starken Geschützen, und den „Interceptor“-Anzug, mit dem man sich blitzschnell von Gegner zu Gegner teleportieren und - gekonnt gespielt - verheerenden Schaden anrichten kann.

Die vier verschiedenen Kampfanzüge werden nach und nach freigeschaltet und unterscheiden sich deutlich voneinander.

Die vier Anzugtypen werden nach und nach freigeschaltet, je weiter wir im Level ansteigen und ermöglichen so ganz unterschiedliche Spielarten. Denn alle Javelins haben eigene Stärken und Schwächen sowie verschiedene Spezialfähigkeiten, die im späteren Spielverlauf immer wichtiger werden.

Zu wenig Loot für einen Loot-Shooter

Womit wir bei einem der Hauptprobleme von „Anthem“ sind. Für einen Loot-Shooter, der uns mit der Jagd nach immer besserer Ausrüstung bei der Stange halten soll, spielt die Ausrüstung erstaunlicherweise eine eher untergeordnete Rolle. Rüstungsteile gibt es gar nicht und auch die Waffen, die man in verschiedenen Seltenheitsstufen finden kann, unterscheiden sich im Endgame eher durch ein paar Zahlenwerte. Viel wichtiger sind aber die Fähigkeiten, die in bestimmten Zeitabständen eingesetzt werden können und, in der richtigen Reihenfolge ausgelöst, unfassbaren Combo-Schaden anrichten können.

Dennoch ist es immer wieder ein erhebendes Gefühl, wenn wir die sicheren Mauern von Fort Tarsis verlassen und wie Iron Man über die wunderschöne Landschaft fliegen. Eine Landschaft voller Monster, voller Vegetation, Höhenunterschiede, Höhlen, Festungen, voller Wasserfälle und putziger „Klauninchen“, die einfach nur lustig durch die Gegend hoppeln. Dann spielt „Anthem“ genau wie „Destiny“ seine großen Feierabend-Qualitäten aus. Nach dem Abendessen noch schnell eine Mission oder eine Festung spielen, gemeinsam mit Freunden oder Mitspielern, die einem zugelost werden - das ist entspannend, selten stressig und nie nervig.

Fazit

Insofern sind die 62 Prozent, die „Anthem“ da bekommen hat, ein Witz. Man muss es nicht mögen, aber wer sich auf das Spiel einlässt, der wird eine Menge Spaß daran haben. Insbesondere, weil weiter emsig daran gearbeitet wird und das Spiel bereits in den zurückliegenden gut zwei Wochen dramatisch besser geworden ist.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

WhatsApp sperrt beliebte Funktion - und davon sind alle Nutzer betroffen
WhatsApp will eine beliebte Funktion für alle abschaffen. Zuvor hatte ein User die Blockade bereits umgangen.
WhatsApp sperrt beliebte Funktion - und davon sind alle Nutzer betroffen
WhatsApp: So können gelöschte Nachrichten angezeigt werden
Seit einer Weile hat WhatsApp eine Funktion, mit der man Nachrichten löschen kann. Was viele aber nicht wissen: Man kann sie auch ganz einfach wieder zurückholen.
WhatsApp: So können gelöschte Nachrichten angezeigt werden
Wieder erhebliche Sicherheitslücke bei WhatsApp entdeckt - Nutzer sollten sofort handeln
Schwere Sicherheitslücke bei WhatsApp: Alle Nutzer können auf diese Weise angegriffen werden. Doch es gibt eine Abhilfe. 
Wieder erhebliche Sicherheitslücke bei WhatsApp entdeckt - Nutzer sollten sofort handeln
Ist „Planet 9“ ein schwarzes Loch mitten in unserem Sonnensystem?
Forscher stellen die Theorie auf, dass es mitten in unserem Sonnensystem ein schwarzes Loch gibt. Es geht um den mysteriösen „Planet 9“.
Ist „Planet 9“ ein schwarzes Loch mitten in unserem Sonnensystem?

Kommentare