Ein Archäologe der Sprache

Indogermanistik-Experte: - Das Gebiet von Klaus Strunks Forschung ist riesig -­ schon geographisch gesehen. Seit mehr als 50 Jahren untersucht er die Sprachen von Indien bis Island. Der Indogermanist sucht nach Gemeinsamkeiten und Verwandtschaften ­ etwa zwischen Russisch und Bulgarisch, Sanskrit und Deutsch. Er fahndet nach dem gemeinsamen Ursprung dieser Sprachen in einer Zeit, lange bevor wir Genaues über unsere Geschichte wissen.

"Die meisten Kollegen nehmen an, dass es ein Ur-Indogermanisch gegeben hat", sagt der Indogermanistik-Professor. Indizien dafür sind die vielen Gemeinsamkeiten, etwa die typische Bildung des Perfekts durch Ablaut -­ aus "singen" wird "gesungen" ­- und (beziehungsweise oder) Reduplikation (Verdopplung der ersten Silbe).

Studiert hat Strunk zunächst Klassische Philologie. Doch von Anfang an lernte er nicht nur Latein und Griechisch. Schon im ersten Semester warf er sich auf Althochdeutsch und Gotisch, später zusätzlich auf das indische Sanskrit.

Bald entdeckte Strunk seine Vorliebe für die vergleichende Sprachwissenschaft. "Mein Antrieb, Fremdsprachen zu lernen, waren nicht etwa Reisen, sondern vor allem das Interesse an deren gemeinsamer Systematik", erzählt der 76-Jährige, der von 1977 bis 1998 Ordinarius für Allgemeine und Indogermanische Sprachwissenschaft an der LMU war.

Mit einigen Sprachen, die er gelernt hat, könnte Strunk auf Reisen auch gar nichts anfangen. Zum Beispiel mit dem baltischen Altpreußisch, dessen letzter Sprecher um 1700 starb. Doch kann der Indogermanist die altpreußischen Übersetzungen von Luthers Katechismen untersuchen.

Sprachen zu lernen, um sie zu sprechen, sei nicht das Ziel der Indogermanistik, erklärt Strunk. Das Fach erlaube vielmehr den Blick auf deren Entwicklung. Ein Beispiel: Das "-grad" in russischen Ortsnamen wie Leningrad sei gar nicht russisch, sagt Strunk. "Sonst hieße es ,-gorod’ wie im Stadtnamen ,Novgorod’." Der Wortteil mit der Bedeutung "Stadt" kommt aus dem Alt-Bulgarischen ­- einer Sprache, in der die orthodoxen Slawen biblische Texte und Legenden niederschrieben.

Geschichte der Sprachen ist

eine Geschichte ihrer Dialekte

Auch den Mundarten unserer Sprache widmet sich Klaus Strunk. An der Bayerischen Akademie der Wissenschaften leitet er die Arbeiten am Bayerischen und Ostfränkischen Wörterbuch. "Die Geschichte der meisten Sprachen ist eine Geschichte ihrer Dialekte", sagt Strunk. So etwa im Altgriechischen. Zur Blütezeit Athens stieg der attische Dialekt zur übergeordneten Sprache Griechenlands auf.

Ähnliches gelte für das Deutsche: Was, wenn es Luther nicht gegeben hätte, dessen auf sächsischer Kanzleisprache gründende Bibelübersetzung die deutsche Sprache nachhaltig beeinflusste? Strunk mutmaßt: "Dann gäbe es vielleicht bis heute keine solche deutsche Einheitssprache."

Wirtschaftlich verwertbar seien Forschungsergebnisse aus der Indogermanistik nicht, sagt Strunk. Sie befriedigten vielmehr ein "menschliches Urbedürfnis geistiger Art": Zu wissen, woher ein Wort stammt, oder wie Sprachen miteinander verwandt sind. "Wir sind gewissermaßen die Archäologen der Sprache", sagt Strunk.

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