Arznei hemmt Alzheimer

- Als Alois Alzheimer zum ersten Mal die heute nach ihm benannte Krankheit entdeckte, war seine Patientin bereits tot. Im Gehirn von Auguste D. fand der Arzt "eigenartige" Veränderungen der Hirnrinde. Heute lässt sich die Alzheimersche Krankheit schon in ihrem Frühstadium erkennen und behandeln.

"100 Jahre nach Alzheimer leiten wir eine neue Ära der Frühdiagnostik ein", sagt Professor Harald Jürgen Hampel von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der LMU München. Bilder aus dem Gehirn und Proben des Nervenwassers verraten die Alzheimersche Krankheit - auch wenn der Patient noch kaum Symptome verspürt.

Magnetresonanztomografen (MRT) machen den Blick unter die Schädeldecke möglich. "Das gläserne Gehirn ist bereits Realität", meint Hampel. Entscheidend ist die Dicke des Cortex, wie der Hirnmantel in der Fachsprache heißt. Der fortschreitende Verlust von Nervenzellen lässt die Gehirn-Masse von Alzheimer-Patienten schrumpfen - um bis zu 20 Prozent. Der Arzt kann mit dieser Methode auch die Funktion des Gehirns untersuchen: Er lässt den Patienten Gesichter erkennen oder andere kleine Aufgaben bewältigen. Der Tomograf zeichnet dabei die Hirntätigkeit auf.

Unangenehmer für den Patienten ist die sogenannte Liquorpunktion. Dabei wird Nervenwasser aus dem Rückenmark entnommen. Laboruntersuchungen zeigen, wie aktiv das Enzym Sekretase ist, das ein langes Eiweißmolekül in zwei kurze Stücke zerteilt. Das Amyloidprotein ist eines der beiden Fragmente. Steigt dessen Menge an, verklumpen die Stückchen im Gehirn zu sogenannten Plaques - der Patient wird immer vergesslicher.

Alzheimer wird oft zu spät behandelt

Sterben Nervenzellen ab, entsteht ein anderes Eiweiß, das Tau-Protein. Zu viel davon im Nervenwasser ist ein sicheres Zeichen für eine Demenzerkrankung. Ob wirklich Alzheimer die Ursache für das massive Zellsterben ist, zeigen Phosphatgruppen. Sie sind an bestimmten Stellen an das Tau-Protein gebunden - das Muster verrät die Krankheit.

Trotz der neuen Diagnose-Methoden wird Alzheimer meist erst spät behandelt. "Viele halten die Symptome und sogar die Erkrankung selbst für eine normale Folge des Alterns", sagt Nori Graham von der Patientenorganisation Alzheimer's Disease International (ADI). "Doch Alzheimer ist eine Krankheit", betont sie.

Kommen die Patienten in die Klinik, leiden die meisten bereits an Unruhe, Depressionen und aggressiven Anfällen - dann helfen nur noch Psychopharmaka. Wird die Krankheit dagegen rechtzeitig erkannt, können Medikamente sie verzögern. Sogenannte Acetylcholinesterase-Inhibitoren hemmen ein Enzym im Gehirn, das den Botenstoff Acetylcholin abbaut. Fehlt er, funktioniert der Austausch von Signalen zwischen den Nervenzellen nicht mehr.

"Unser Ziel ist es, den Ausbruch der Krankheit um fünf Jahre zu verzögern", sagt Hampel. "Das müssen wir erreichen." Denn schon heute sind rund 800 000 Menschen in Deutschland betroffen. In 50 Jahren könnten es bereits drei Millionen sein. Denn das Risiko steigt mit dem Alter - auf rund 20 Prozent bei über 80-Jährigen. Hampel hofft deshalb, in einigen Jahren eine einfache Vorsorgeuntersuchung anbieten zu können. Ein einfacher Bluttest könnte dann die aufwändige Liquorpunktion ersetzen.

Wer Symptome bei sich oder Angehörigen bemerkt, dem bleibt der Weg in die Gedächtnissprechstunde (Tel. 089/51 60-58 20) der Psychiatrischen Klinik. Betroffene Familienmitglieder erhöhen die Gefahr einer Erkrankung aber nicht: "Das genetische Risiko ist nicht relevant", so Professor Osama Sabri von der Klinik für Nuklearmedizin in Leipzig. "Gerade einmal in 400 Familien weltweit wird Alzheimer vererbt."

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